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Allgemeinmedizin 28. November 2006

Impulse für die interdisziplinäre Medizin

„Eine Assoziation zwischen dentalen Infektionen und systemi­schen Erkrankungen wird schon seit Generationen kontrovers ­diskutiert. Forschungsergebnisse der letzten 15 Jahre haben jedoch bestätigt, dass Zahnerkrankungen auch Effekte haben können, die über den oralen Bereich hinaus­gehen“, betonte Dr. Wilhelm Schein, Leiter von AIDMED Vienna. Als Beispiel dafür beleuchtete er in seinem Referat „Relationships between Chronic Dental Infections and Systemic ­Disease“ beim Anti-Aging-Kongress die Assoziationen zwischen Parodontitis, Atherosklerose und Diabetes mellitus, die ­wegen der Häufigkeit dieser Erkrankungen von eminenter Bedeutung sind.

Welchen Beitrag kann die Zahnmedizin zur Anti-Aging-Medizin leisten?
Schein: Da sind zunächst die „klassischen“ Leistungen der Zahnheilkunde, wobei durch zahnerhaltende Maßnahmen das attraktive Lächeln und die Kaufähigkeit bis ins hohe Alter erhalten bleiben. Dies sind natürlich Faktoren, welche die Lebensqualität ganz wesentlich positiv beeinflussen. Ebenso wichtig – und in ihrer Bedeutung zunehmend – ist jedoch die Bekämpfung chronischer dentaler Infektionen.Die Parodontitis als chronische Entzündung der zahntragenden Strukturen führt in fortgeschrittenen Fällen zu einer Destruktion des Alveolarfortsatzknochens, zu Zahnlockerung und letztlich Zahnverlust. In den abbaubedingten Zahn- und Knochentaschen finden sich ein breites Spektrum von Keimen, wobei gramnegative Anaerobier überwiegen. Von den parodontalen Taschen ausgehende Endotoxinämien und Bakteriämien können bereits beim normalen Kauvorgang ausgelöst werden.

Welche Auswirkungen auf den Gesamtorganismus resultieren daraus?
Schein: Systemisch kommt es durch die Keime, Endotoxine, Freisetzung von Entzündungsmediatoren und Immunreaktionen zu verschiedenen Auswirkungen. Bei Patienten mit schwerer Parodon­titis wurden erhöhte systemische Spiegel für CRP, Fibrinogen, IL-1, IL-6 und TNF-alpha verglichen mit ­ einer ansonsten gesunden Population festgestellt. Durch eine experimentelle Parodontitis kann die Entwicklung einer Atherosklerose induziert werden. Die systemische entzündliche Reaktion ist insbesondere vor dem Hintergrund der Diskussion um eine entzündliche Genese der Atherosklerose von ­Interesse. Ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse bei ­Bestehen einer Parodontitis wurde in zahlreichen Studien dokumentiert. Zwischen Diabetes mellitus und Parodontitis besteht eine wechselseitige Beziehung. Die Pa­rodontitis kann zu den klassischen Komplikationen eines schlecht eingestellten Diabetes gezählt werden. Eine schwere parodontale Infektion kann jedoch ihrerseits die metabolische Kontrolle des ­Diabetes durch Entwicklung einer Insulinresistenz erschweren. Erhöhte TNF-alpha-Spiegel dürften dabei eine wesentliche Rolle spielen. Durch erfolgreiche Parodontaltherapie konnte ein signifikanter Rückgang der HbA1c-Werte nachgewiesen werden.

Welche Empfehlungen lassen sich daraus ableiten?
Schein: Die Parodontitis gehört zu den häufigsten Erkrankungen des Menschen. Durch ihre Symptom­armut bleibt sie oft über lange Zeiträume unbehandelt. Ihre Entdeckung und Behandlung müssen jedoch in Hinblick auf die möglichen Wirkungen auf häufige systemische Erkrankungen wie Atherosklerose und Diabetes mellitus im Interesse eines umfassenden Betreuungskonzepts sein. Eine entsprechende Zusammenarbeit zwischen Zahnärzten, Allgemeinmedizinern und betreuenden ­Fachärzten muss angestrebt werden. Bei Patienten mit den erwähnten Erkrankungen sollten chronische dentale Infektionen aus differentialdiagnostischen und therapeutischen Erwägungen ausgeschlossen werden. Die erfolgreiche Bekämpfung parodontaler Infektionen kann auf diesem Weg einen wichtigen Beitrag zum Better-Aging leisten. Die Bedeutung der parodontalen Gesundheit wird zunehmend erkannt und dies hat letztendlich nicht nur aus Gründen der Zahnerhaltung dazu geführt, dass die Überprüfung der parodontalen Situation in die allgemeine Gesundenuntersuchung aufgenommen wurde.

Glauben Sie, dass dies ausreichend ist?
Schein: Es ist sicherlich ein wichtiger Schritt hinsichtlich der Bewusstseinsbildung zu dieser Problematik. Es ist allerdings zu bedenken, dass die Parodontitis eine sehr komplexe Erkrankung in verschiedenen Ausprägungsformen und wechselnden Aktivitätsphasen ist. Dies macht die Erkennung für Allgemeinmediziner bei einer Untersuchung in einem zeitlich zumutbaren Rahmen schwierig. Die Gefahr falsch negativer Resultate ist daher groß. Einen ganz wichtigen Beitrag können Allgemeinmediziner jedoch auch leisten, ­indem sie Patienten auf die Wich­tigkeit ­einer zahnärztlichen Untersuchung zum Ausschluss einer Parodontitis hinweisen. Die Erfahrung zeigt, dass auf diesem Wege vorinformierte und zugewiesene Patienten besonders motiviert sind für ihre Zahngesundheit etwas zu tun, da sie deren gesundheitsgefährdende Bedeutung eher akzeptieren, wenn sie vom Hausarzt darauf hingewiesen wurden.

Woran liegt das Ihrer Meinung?
Schein: Dies liegt meines Erachtens daran, dass die Zahnheilkunde sehr lange als rein technisches Fach mit Werkstattcharakter gesehen wurde, wo eben Löcher gebohrt, Füllungen gemacht und Prothesen hergestellt werden. Die Zahnheilkunde hat es zu lange verabsäumt, die medizinischen Komponenten ihrer Arbeit auch nach außen hin entsprechend zu dokumentieren und zu argumentieren – mit zum Teil prekären Folgen wie beispielsweise dem Ungarn-Zahntourismus. Durch jüngste Entwicklungen tritt die Zahnmedizin ins Wirkungsfeld anderer Spezialbereiche und man wird dem auch in Fragen der Ausbildung Rechnung tragen müssen. Für Allgemeinmediziner wird es immer wichtiger bei der zunehmenden Zahl von chronisch Kranken und Multimorbiden belastende Risikosituationen auszuschließen beziehungsweise deren Wertigkeit zu beurteilen. Dazu gehören in jedem Falle die unerkannten chronischen Infektionen im Mund wie zum Beispiel die Pa­rodontitis – aber auch diverse Materialbelas­ungen im oralen Bereich. Durch die zahlreichen wechselseitigen Beziehungen müssen auch Zahnmediziner immer mehr auf allgemeinmedizinische Belange Rücksicht nehmen – auch aus forensischen Gründen. Daraus ergibt sich auch ein erhöhter Informationsbedarf in dieser Richtung.

Sie leiten die Organisation AIDMED. Was ist AIDMED und welche Ziele verfolgt sie?
Schein: Die Akademie für interdisziplinäre Medizin (AIDMED) hat es sich zur Aufgabe gemacht, den interdisziplinären Wissenstransfer als Bindeglied zwischen den Spe­zialdisziplinen zu fördern. Die Aktivitäten sollen vernetzend sein und sind als Ergänzung zu den Spezialdisziplinen gedacht und nicht als Konkurrenz zu bestehenden Strukturen. Eine der Zielsetzungen von AIDMED ist es beispielsweise, die in der Praxis gemachten Beobachtungen zu dokumentieren und in gezielte interdisziplinäre Projekte einfließen zu lassen. Darüber hi­naus strebt AIDMED eine Verbesserung der interdisziplinären Kommunikation an. Die Akademie soll ein Ort der Begegnung sein, an dem Menschen mit Visionen ihre Gedanken frei äußern können. Gegenseitige Wertschätzung und Respekt vor den Ansichten der anderen soll das Klima der Akademie prägen. Rückbesinnung auf bewährte medizinische Traditionen und Aufbruch zu neuen Zielen sind die bestimmenden Polaritäten.

 

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