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Allgemeinmedizin 29. November 2006

Nicht nur Gynäkologen sind gefordert

Schmerzen vor und während der Menstruation und manchmal auch beim Geschlechtsverkehr können Zeichen für eine Endometriose sein, die die Patientinnen jedoch manchmal bagatellisieren. Bis zur Diagnose vergehen durchschnittlich neun Jahre – aber das wirkliche Ausmaß der Erkrankung wird zuweilen nicht erkannt.

Eine Endometriose ist nicht immer ein rein gynäkologisches Problem. Sie kann auch auf den Darm und die Blase übergreifen. Selbst im Retroperitoneum in der Nähe des Harnleiters können sich Herde ansiedeln und einen Harnstau in den Nieren verursachen. Deshalb sollten bei rezidivierenden Unterleibsbeschwerden die Nieren sonographisch untersucht werden, raten Gynäkologen. „Zwischen den ersten Beschwerden, die häufig schon im Jugendalter auftreten, und der Diagnose vergehen im Mittel neun Jahre“, sagte PD Dr. Daniela Hornung von der Frauenklinik der Universität Lübeck beim Gynäkologen-Kongress in Berlin. Ganz typisch für die Endometriose sind sehr starke Schmerzen vor und während der Menstruation. Häufig sind auch chronische Unterleibsschmerzen und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Außerdem können Darmbeschwerden, etwa Schmerzen beim Stuhlgang, auf eine Endometriose hinweisen. Dasselbe gelte für ungewollte Kinderlosigkeit, wie Hornung berichtete. Gesichert wird die Diagnose histologisch: Per Laparoskopie werden extrauterin im kleinen Becken verstreute Endometriumherde entnommen. „Viele Kollegen schrecken jedoch davor zurück, bereits jungen Mädchen diesen Eingriff zu empfehlen“, berichtete Prof. Dr. Lieselotte Mettler aus Kiel. Oft hielten auch die Patientinnen selbst ihre Beschwerden für banale Regelschmerzen. Entscheidend sei, sich bei der Diagnostik nicht auf die Laparoskopie alleine zu verlassen. „Damit wird das wirkliche Ausmaß oft nicht erkannt“, so Prof. Dr. Jörg Keckstein vom Landeskrankenhaus Villach in Österreich. Mit einer bimanuellen rektovaginalen Untersuchung ließen sich auch jene schmerzhaften Knoten ertasten, die laparoskopisch nicht auffallen, weil sie zu tief liegen.

Nierenstau durch versprengtes Endometrium am Harnleiter

Ein besonderes Risiko sind Endometriumherde, die im Retroperitoneum in der Nähe des Harnleiters liegen. Denn sie können einen Harnstau verursachen: „Wir hatten allein im letzten Jahr fünf Frauen, bei denen wegen eines nicht erkannten Harnstaus eine Nephrektomie erforderlich war“, berichtete Keckstein. Daher rät er, bei rezidivierenden Unterleibsbeschwerden die Nieren regelmäßig sonographisch zu untersuchen. Die Palette der medikamentösen Behandlung bei Endometriose erstreckt sich von Schmerzmitteln wie nicht-steroidalen Antiphlogistika über Spasmolytika bis hin zu hormonellen Therapien. „Am häufigsten angewendet werden gestagenbetonte Kontrazeptiva“, sagte Prof. Dr. Hans-Rudolf Tinneberg, Direktor der Frauenklinik der Universität Gießen. Wichtig sei, ein Präparat zu verordnen, das die Patientinnen kontinuierlich, also ohne zyklusbedingte Unterbrechungen nehmen können. „Damit werden die Beschwerden, die meist vor Beginn der Menstruation und in den ersten Tagen danach besonders stark sind, am effektivsten gelindert“, so Tinneberg. Das Ausschalten der Regelblutung wirke der Aktivität der Endometriumherde entgegen. Ähnlich gute Erfahrungen gebe es mit einer gestagenhaltigen Spirale, so Tinneberg. Der Nachteil der Kontrazeptiva: Sie können nicht verordnet werden, wenn die Frauen noch Kinder bekommen möchten. Auch ändern sie nichts an der Unfruchtbarkeit, die oft mit einer Endometriose assoziiert ist.

Nur die Operation erhöht die Fertilität

„Vor allem bei ausgedehnten Herden ist die primäre Operation der konservativen Therapie überlegen“, sagte Keckstein. Viele Eingriffe können laparoskopisch erfolgen. Gelegentlich sind offene Radikaloperationen unumgänglich, wenn sich Herde tief bis in den Raum zwischen Rektum und Vagina ausgebreitet haben. Bei manchen Patientinnen sind sogar Darm oder Blase befallen, so dass auch Teile dieser Organe operativ entfernt werden müssen. Nur die Operation erhöht Studien zufolge die Fertilität, wie Keckstein sagte. Selbst Frauen mit massiver Endometriose, die schon alles andere versucht hätten, würden häufig nach einem operativen Eingriff doch noch das gewünschte Kind bekommen. Wichtig sei jedoch, auch kleinste Herde zu erkennen und kein Endometriumgewebe zu übersehen. So können um Rezidive und erneute Operationen vermieden werden.

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