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Allgemeinmedizin 29. November 2006

Belastender Aufruhr im Magen-Darm-Trakt

Gastrointestinale Störungen treten nach Infektionen, Antibiotikagaben und Stress auf. Werden organische Ursachen ausgeschlossen, stehen symptomatische Maßnahmen, Entspannung und Psychotherapie zur Auswahl.

„Reizdarm und Reizmagen sind funktionelle gastrointestinale Störungen mit einer Häufigkeit zwischen 9 und 20 Prozent“, bringt Prof. Dr. Gabriele Moser, Univ.-Klinik für Innere Medizin IV, AKH Wien, die große volksmedizinische Bedeutung dieses Krankheitsbildes auf den Punkt: „Diese Störungen beruhen dabei nicht auf organischen Veränderungen im Sinne von Entzündung oder Tumor, sondern auf einer Überempfindlichkeit des Magen-Darm-Traktes auf bestimmte Reize.“ Diese Reize können z.B. nach einer Infektion auftreten, wie einer Salmonellen-Gastritis oder anderen Infektionen, die den Magen-Darm-Trakt sensibilisieren. Dieser zeigt dann bei Abheilung eine Überreaktion auf ganz normale Ernährung mit Schmerzen, Blähungen, frühem Sättigungsgefühl, Spannung oder Brennen. Mit Hilfe einer Laboruntersuchung, vor allem auf Entzündungszeichen, einer Ösophago-Gastro-Duodenoskopie und einer Hämoccult-Untersuchung sollten organische Ursachen der Beschwerden ausgeschlossen werden, bevor die Diagnose einer funktionellen gastrointestinalen Störung gestellt wird. Moser: „Der Reizdarm zeigt häufige Symptome wie Schmerzen im Mittel- und Unterbauch, die sich mindestens über sechs Monate erstrecken. Zusätzlich klagen die Patienten oft über Blähungen, Gefühle einer unvollständigen Entleerung, manchmal auch über Schleimbeimengung zum Stuhl. Häufig kommt es zu einer Änderung der Stuhlfrequenz und konsistenz.“ Diese Kriterien hat ein spezielles internationales Expertengremium, die ROME-Gruppe, festgelegt. Aus ausgewählten Symptomen und einem Mindestmaß an Diagnostik soll die Diagnose hergeleitet werden. Bei Verdacht auf Reizdarm sollte ab dem 40. bzw. ab dem 50. Lebensjahr auch eine Koloskopie durchgeführt werden. Unter dem 40. Lebensjahr ist eine Endoskopie nicht notwendig, wenn kein Hinweis auf eine Entzündung oder Blut im Stuhl vorliegt.

Psychischer Stress als Auslöser

Sehr häufig werden funktionelle gastrointestinale Störungen durch psychischen Stress ausgelöst. Bei bis zu 60 Prozent der Patienten, die sich vor allem immer wieder in Spezialambulanzen untersuchen lassen, findet man Formen von Missbrauch in der Lebensgeschichte: sowohl physische Gewalt, sexuellen Missbrauch als auch schwere Unfälle oder Aufenthalte auf der Intensivstation. Diese Patienten zeigen oft psychische Störungen, wie Depressionen, Angststörungen, Panikattacken und Zwangsvorstellungen. Die typischen Beschwerden schränken auch die soziale Beweglichkeit stark ein. Von den bis zu 20 Prozent der Allgemeinbevölkerung, die an Reizmagen oder Reizdarm leiden, sucht etwa die Hälfte einen Arzt auf, weil der Leidensdruck so groß ist und meist auch psychische Probleme in den Vordergrund treten. Primär müssen diese Patienten beruhigt und aufgeklärt werden, dass sie an keiner gefährlichen oder bösartigen Erkrankung leiden.

Beschwerdetagebuch hilft

„Leider ist auch in der Ärzteschaft das Bewusstsein noch wenig verbreitet“, so Moser, „dass funktionelle gastrointestinale Störungen eine schwere Beeinträchtigung darstellen und die betroffenen Patienten mehr Beschwerden haben können als zum Beispiel Patienten mit organischen Erkrankungen.“ Der zweite Schritt ist mit Hilfe eines Beschwerdetagebuches die Suche nach dem Auslöser, wobei auch psychisch belastende Situationen dokumentiert werden sollen. Häufige Auslöser unter den Nahrungsmitteln sind Kaffee, fette und scharfe Speisen, Zucker, Sorbit oder Laktoseintoleranz. Neben einer Diätmodifikation, dem Einsatz von symptomatischen Medikamenten gegen Übersäuerung, Blähungen, Diarrhoe oder zur Förderung der Peristaltik kommt auch einer Bewältigung von Stresssituationen große Bedeutung zu. „Im Vergleich zu symptomatischen Medikamenten weisen psychotherapeutische Methoden eine wesentlich größere Erfolgrate und -dauer auf“, weiß Moser als Psychotherapie-Expertin: „In den meisten kontrollierten Studien reichen zehn bis zwölf Sitzungen für einen sehr guten Langzeiteffekt von zumindest fünf Jahren. Zum Teil wurde dabei auch eine auf den Magen-Darm gerichtete Hypnosemethode aus England eingesetzt. In schwierigen Fällen kann mit Antidepressiva nicht nur die Stimmung günstig beeinflusst, sondern auch die Schmerzschwelle normalisiert werden, die bei der viszeralen Hypersensitivität im Zusammenhang mit Reizmagen und Reizdarm erniedrigt ist.“ Wichtig ist, den Patienten genau zu erklären, dass sie diese Medikamente nicht primär wegen einer psychischen Störung bekommen, sondern wegen der viszeralen Hypersensitivität, und dass am Anfang eher die Nebenwirkungen überwiegen und erst nach ein bis zwei Wochen die Wirkungen einsetzen werden. In der Regel reicht eine niedrigere Dosierung als für eine normale Depression aus. Von großer Bedeutung sind auch regelmäßige Verlaufskontrollen, anfangs alle drei Monate, später alle sechs Monate. „Die psychotherapeutischen und psychosomatischen Behandlungsmethoden erweisen sich bei funktionellen gastrointestinalen Störungen nicht nur als äußerst erfolgreich“, so Moser, „sondern auch als kosteneffizient.“

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Prävalenz funktioneller gastrointestinaler Störungen:
36% (ROME II), 35% (ROME I).

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