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Allgemeinmedizin 29. November 2006

Unterliegt die Medizin dem Elektronikwahn?

Gewarnt wird vor möglichem Datenmissbrauch, befürchtet wird ein erneuter starker finanzieller und administrativer Aufwand auf Seiten der Ärzte. Als ein Pro-Argument wird gern die Chance auf eine Verbesserung der Behandlungsqualität und -effizienz angeführt.

Geht es nach Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat, dann sollen bereits in zwei Jahren die ersten Anwendungen der „Elektronischen Gesundheitsakte“ (ELGA) verfügbar sein. „Grundsätzlich ein spannendes Vorhaben, das durchaus auch Vorteile bringen kann. Aber die Art und Weise, wie derzeit vorgegangen wird, stößt viele Ärzte und andere Gesundheitsdienstleister vor den Kopf“, meint der Wiener Allgemeinmediziner Dr. Christian Husek. Gemeinsam mit anderen Ärzten und Interessierten hat er die „Initiative Elga“ gegründet. „Eines unserer primären Ziele ist, Informationen zum Thema E-Health im Allgemeinen und zu ELGA im Speziellen verfügbar zu machen und einen breiten öffentlichen Diskurs auszulösen“, erklärt Husek. Ein Eckpfeiler dabei sei die WebSite www.initiative-elga.at, auf der verschiedenste Dokumente und Erfahrungsberichte zum Thema zu finden sind.

Ärzte rechtzeitig einbinden

„So wie es momentan läuft, wird ein sehr komplexes System entwickelt, ohne dass wir Ärzte wirklich einbezogen werden“, befürchtet Husek. „Es besteht, wie bei e-Card oder ABS, die Gefahr, dass wir wieder vor vollendete Tatsachen gestellt werden, ohne eine wirkliche Chance auf Mit-gestaltung zu haben.“ Ähnlich sieht das Dr. Johannes Steinhart, Obmann der Kurie für niedergelassene Ärzte der Wiener Ärztekammer: „Wir stehen Weiterentwicklungen auf dem Gebiet der E-Health nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber. Aber erstens ist dabei die Ärzteschaft bislang viel zu wenig einbezogen und zweitens muss sichergestellt sein, dass die Daten der Patienten in den richtigen Händen bleiben.“

Positionspapier der Kammer

Deshalb fordert die Ärztekammer in einem Positionspapier unter anderem, dass die Verwaltung der Daten eine Aufgabe der Standesvertretung sein müsse. Vorgeschlagen wird einerseits eine dezentrale Speicherung und andererseits die Etablierung von Metaindizes. „Die Entscheidung, welche Daten gespeichert werden und vor allem wer darauf Zugriff hat, muss beim Patienten bleiben“, betont Steinhart. Sonst wären die ärztliche Schweigepflicht und das davon unmittelbar abhängige Vertrauensverhältnis zu den Patienten in Gefahr.

Keine Verpflichtung für Ärzte

Diesen Standpunkt untermauern die Ergebnisse einer von der Kammer in Auftrag gegebenen Umfrage bei Ärzten. Fast zwei Drittel der Befragten schließen sich den Forderungen an. Die Ärzteschaft wünscht sich, dass eine elektronische Speicherung von Daten ein Service ist, das Ärzte freiwillig als Dienstleistung anbieten können. „Sie dürfen nicht verpflichtet werden, sich an einer ELGA-Infrastruktur zu beteiligen“, ergänzt Steinhart. Weiters dürften für die Ärzte keine zusätzlichen Kosten oder administrativer Mehraufwand entstehen. „Wenn dies der Fall wäre, müsste es dafür auf jeden Fall eine finanzielle Abgeltung geben“, fordert Steinhart. Prof. Dr. Karl-Peter Pfeiffer nimmt in der aktuellen Diskussion viel Panikmache wahr. Er ist Leiter des Departments für Medizinische Statistik, Informatik und Gesundheitsökonomie an der Medizinischen Universität Innsbruck sowie der Arbeitsgruppe 1 der vom Gesundheitsministerium ins Leben gerufenen E-Health-Initiative (http://ehi.adv.at).

Chancen wahrnehmen

„Es geht viel zu wenig um die Chancen von ELGA, vor allem um die Verbesserung der Behandlungsqualität, die dadurch erreichbar wäre“, meint Pfeiffer. Er betont, dass die Datensicherheit höchste Priorität habe und durch technische, organisatorische und rechtliche Maßnahmen abgesichert werde. „Wer auf welche Daten und in welchem Zeitraum welche Art von Zugriff hat, wird genau festgelegt“, sagt der Informatiker. „Gleichzeitig wird jede Abfrage dokumentiert.“ Pfeiffer verweist dazu auf positive Erfahrungen sowohl international als auch an der Universitätsklinik Innsbruck. An Projekten wie „Magdalena“ seien auch Ärzte schon seit einigen Jahren beteiligt. Sie würden diese Form des raschen und sehr sicheren Informationsaustausches schätzen und die positiven Effekte auf die Prozess- und damit Behandlungsqualität betonen, berichtet Pfeiffer. ELGA soll jedenfalls noch strengere Standards bei Datenschutz und Datensicherheit gewährleisten. „Eine hundertprozentige Sicherheit in Bezug auf Datenschutz kann niemand garantieren“, schränkt Pfeiffer ein. Die Dokumentation von Zugriffen würde einen Missbrauch aber rasch offen legen, und „der Missbrauch medizinischer Daten ist kein Kavaliersdelikt“. Auch eine Dokumentation in Papierform gewährleiste keinen hundertprozentigen Schutz vor Zugriffen durch Unbefugte. Momentan geht es bei ELGA um die Etablierung der technischen Vorraussetzungen. „Vertreter der Ärztekammer sind auch in die E-Health-Initiative eingebunden und können sich bei der Entwicklung aktiv einbringen“, kommentiert Pfeiffer die Vorwürfe, das System würde im stillen Kämmerlein entwickelt. „Bei der Implementierung in die Praxis können und sollen sich verschiedene Gesundheitsdienstleister dann noch aktiver einbringen.“

Flächendeckender Betrieb in fünf bis zehn Jahren

Laut Pfeiffer sollte ELGA innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre österreichweit zur Verfügung stehen. Erste Schritte dazu könnten das elektronische Rezept bzw. der elektronische Arztbrief sein. „Dieser wird ja schon heute in vielen Regionen zur Kommunikation zwischen intra- und extramuralem Bereich eingesetzt“, argumentiert Pfeiffer. „Die Beteiligten schätzen die Möglichkeit, auch außerhalb von Ordinations- oder Dienstzeiten rasch und unmittelbar auf relevante Daten zugreifen zu können.“ Ein weiterer konkreter Bereich sei die Vernetzung von Laborwerten, die ohnehin schon digital vorliegen, wofür aber noch ein einheitlicher Standard erforderlich sei. Für Husek klingen diese Aussagen „grundsätzlich nicht schlecht“. Verwunderlich an der Sache sei allerdings, „dass es über ELGA und andere E-Health-Vorhaben so wenig konkretes Wissen bzw. keine wirklich breite öffentliche Diskussion gibt“.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 48/2006

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