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Allgemeinmedizin 15. November 2006

Anti-Aging beginnt auch im Mund

Raum für interdisziplinären Informationstransfer bot der 1. Europäische Kongress für Anti-Aging-Medizin in der Wiener Hofburg. Die eigentliche Zielsetzung des Anti-Aging, unter optimalen Bedingungen möglichst beschwerdefrei alt zu werden, kann auch die Zahnmedizin in vieler Hinsicht unterstützen.

Eine Assoziation zwischen dentalen Infektionen und systemischen Erkrankungen wird schon seit Generationen kontrovers diskutiert. „Forschungsergebnisse der letzten 15 Jahre haben jedoch bestätigt, dass Zahnerkrankungen auch Effekte haben können, die über den oralen Bereich hinausgehen“, betonte Dr. Wilhelm Schein, Leiter von AIDMED Vienna (siehe Kasten), im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. Als Beispiel dafür beleuchtete er in seinem Referat „Relationships between Chronic Dental Infections and Systemic Disease“ beim Anti-Aging-Kongress die Assoziationen zwischen Parodontitis, Atherosklerose und Diabetes mellitus, die wegen der Häufigkeit dieser Erkrankungen von eminenter Bedeutung sind.

Welchen Beitrag kann die Zahnheilkunde zur Anti-Aging-Medizin leisten?
Schein: Das sind zunächst die „klassischen“ Leistungen der Zahnheilkunde, wobei durch zahnerhaltende Maßnahmen das attraktive Lächeln und die Kaufähigkeit bis ins hohe Alter erhalten bleiben. Dies sind natürlich Faktoren, welche die Lebensqualität ganz wesentlich positiv beeinflussen. Ebenso wichtig – und in ihrer Bedeutung zunehmend – ist jedoch die Bekämpfung chronischer dentaler Infektionen. Die Parodontitis ist eine chronische Entzündung der zahntragenden Strukturen und führt in fortgeschrittenen Fällen zu einer Destruktion des Alveolarfortsatzknochens, zu Zahnlockerung und letztlich Zahnverlust. In den abbaubedingten Zahn- und Knochentaschen findet sich ein breites Spektrum von Keimen, wobei Gram-negative Anaerobier überwiegen. Von den parodontalen Taschen ausgehende Endotoxinämien und Bakteriämien können bereits beim normalen Kauvorgang ausgelöst werden.

Welche Auswirkungen auf den Gesamtorganismus resultieren daraus?
Schein: Systemisch kommt es durch die Keime, Endotoxine, Freisetzung von Entzündungsmediatoren und Immunreaktionen zu verschiedenen Auswirkungen. Bei Patienten mit schwerer Parodontitis wurden erhöhte systemische Spiegel für CRP, Fibrinogen, IL-1, IL-6 und TNF-alpha verglichen mit einer ansonsten gesunden Population festgestellt. Durch eine experimentelle Parodontitis kann die Entwicklung einer Atherosklerose induziert werden. Die systemische entzündliche Reaktion ist insbesondere vor dem Hintergrund der neu aufgeflammten Diskussion um eine entzündliche Genese der Atherosklerose von Interesse. Ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse bei Bestehen einer Parodontitis wurde in zahlreichen Studien dokumentiert. Zwischen Diabetes mellitus und Parodontitis besteht eine wechselseitige Beziehung. Die Parodonti-tis kann zu den klassischen Komplikationen eines schlecht eingestellten Diabetes gezählt werden. Eine schwere parodontale Infektion kann jedoch ihrerseits die metabolische Kontrolle des Diabetes durch Entwicklung einer Insulinresistenz erschweren. Erhöhte TNF-alpha-Spiegel dürften dabei eine wesentliche Rolle spielen. Durch erfolgreiche Parodontaltherapie konnte ein signifikanter Rückgang der HbA1c-Werte nachgewiesen werden.

Welche Empfehlungen lassen sich daraus ableiten?
Schein: Die Parodontitis gehört zu den häufigsten Erkrankungen des Menschen. Durch ihre Symptomar­mut bleibt sie oft über lange Zeiträume unbehandelt. Ihre Entdeckung und Behandlung muss jedoch in Hinblick auf die möglichen Wirkungen auf häufige systemische Erkrankungen wie Atherosklerose und Diabetes mellitus im Interesse eines umfassenden Betreuungskonzeptes sein. Eine entsprechende Zusammenarbeit zwischen Zahnärzten, Allgemeinmedizinern und betreuenden Fachärzten muss angestrebt werden. Bei Patienten mit den erwähnten Erkrankungen sollten chronische dentale Infektionen aus differenzialdiagnostischen und therapeutischen Erwägungen ausgeschlossen werden. Die erfolgreiche Bekämpfung parodontaler Infektionen kann auf diesem Weg einen wichtigen Beitrag zum Better-Aging leisten.

Sie leiten die Organisation AIDMED.
Was ist AIDMED, welche Ziele verfolgen Sie?

Schein: Die Akademie für interdisziplinäre Medizin (AIDMED) hat es sich zur Aufgabe gemacht, den interdisziplinären Wissenstransfer als Bindeglied zwischen den Spezialdisziplinen zu fördern. Die Aktivitäten sollen vernetzend sein, sie sind als Ergänzung zu den Spezialdisziplinen gedacht und nicht als Konkurrenz zu bestehenden Strukturen. Eine der Zielsetzungen von AIDMED ist beispielsweise, die in der Praxis gemachten Beobachtungen zu dokumentieren und in gezielte interdisziplinäre Projekte einfließen zu lassen. Darüber hinaus strebt AIDMED eine Verbesserung der interdisziplinären Kommunikation an. Die Akademie soll ein Ort der Begegnung sein, an dem Menschen mit Visionen ihre Gedanken frei äußern können. Gegenseitige Wertschätzung und Respekt vor den Ansichten der anderen sollen das Klima der Akademie prägen. Rückbesinnung auf bewährte medizinische Traditionen und Aufbruch zu neuen Zielen sind die bestimmenden Polaritäten.

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