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Allgemeinmedizin 15. November 2006

Reibebäume bei der Praxisnachfolge

In Oberösterreich herrscht mit dem Modell der Übergabepraxis angeblich hohe Zufriedenheit, in Niederösterreich hingegen scheiden sich die
Geister. Vor allem Wahl- und Spitalsärzte sind mit der gültigen Regelung (noch) nicht zufrieden.

Dass bei Pensionsantritt eines Arztes das Ausschreibungsverfahren zwar lief, das Zeitfenster bis zur tatsächlichen Übergabe aber äußerst knapp bemessen war, sorgte immer wieder für Unmut. Teilweise mussten Nachfolger innerhalb einer Woche in eine Praxis einsteigen, die sie vorher kaum kennen lernen konnten. Somit entstand auch ein enormer Druck bei der Klärung aller Fragen bezüglich Ablöse für vorhandene Einrichtungsgegenstände oder medizinische Geräte bzw. Immobilien. Viele Praxisanwärter äußern das Bedürfnis nach einem gleitenden Einstieg in die Niederlassung. Einerseits um zu lernen, mit wirtschaftlichen Anforderungen umzugehen, und andererseits um ein Vertrauensverhältnis zu einem vorhandenen Patientenstamm aufzubauen. In einigen Bundesländern gibt es inzwischen Regelungen für die Übernahme von Ordinationen. In Oberösterreich kann mittlerweile auf vier Jahre Erfahrung zurückgeblickt werden, in Salzburg und Niederösterreich wurden vor kurzem neue Regelungen beschlossen. Wo Licht, da auch Schatten. Kritik wird vor allem an der Regelung für Niederösterreich laut. „Es ist nicht einzusehen, dass ein Seniorpartner in Niederösterreich innerhalb der ersten zwölf Monate die Partnerschaft ohne die Angabe von Gründen beenden kann“, gibt Dr. Christoph Reisner, Sprecher der Wahlärzte auf Österreichebene, zu bedenken.

Kein Grund für eine Ablöse?

Zudem sei die Übergabe des Kassenvertrages daran gekoppelt, ob sich Junior- und Seniorpartner privatrechtlich einigen können. In vielen Fällen hätten Wahlärzte bereits eine Ordination. Es sei nicht einzusehen, so Reisner, „dass solche Wahlärzte eine Ablöse zahlen müssen, um einen Kassenvertrag zu erhalten“. „Die Judikatur des Obersten Gerichtshofes spricht eine deutliche Sprache“, betont Reisner. „Die Übergabe einer Kassenstelle darf nicht zwingend an die Zahlung von Ablöse gebunden sein.“ Insofern sei auch die Regelung in Oberösterreich zu hinterfragen. In dieser ist festgelegt, dass der Juniorpartner 30 Prozent des Jahresumsatzes der Praxis – errechnet aus einem Durchschnittswert der letzten zwei Jahre – als Ablöse für den Kassenvertrag zahlen muss. „Keine rechtlichen Probleme“ in diesem Zusammenhang sieht Dr. Thomas Fiedler, Stv. Obmann der Kurie der niedergelassenen Ärzte in OÖ: „Die Übergabe ist auch in finanzieller Hinsicht für beide Seiten gut geregelt. Wir haben inzwischen über 100 solcher Übergabepraxen. In allen Fällen war eine gute gemeinsame Regelung auch bei Ablöse für EDV, medizinische Geräte, Immobilien etc. möglich.“ Er verweist zudem darauf, dass eine Ablehnung des Juniorpartners im Zuge der Ausschreibung nach dem oberösterreichischen Modell „nur bei wirklich schwerwiegenden und ausführlich begründeten Fällen möglich ist“. Kritik von außen sei immer wieder laut geworden, letztlich habe sich das Modell aber sehr gut für alle Beteiligten bewährt, sagt Fiedler.

Möglichst transparente Richtlinien für Bewertung

Dr. Brigitte Mauthner, stellvertretende Obfrau der Kurie der angestellten Ärzte auf Österreichebene, wünscht sich für den Bereich der Übergabe „eine möglichst große Transparenz“. Es sei keine Frage, dass es für vorhandene Werte eine Ablöse geben soll, wichtig wären aber Richtlinien, wie die Bewertung aussehen kann. Eine Bindung der Vergabe des Kassenvertrags an eine Einigung ist auch für Mauthner „keine Lösung“. Beim niederösterreichischen Modell sieht Reisner ein weiteres Problem bei der Aufteilung der Stunden: Juniorpartner können bis zur Hälfte der Stunden übernehmen, doch die konkrete Einigung bleibt den Partnern überlassen. „Eine wirkliche Übergabe würde für mich bedeuten, dass es möglichst viele gemeinsame Zeiten gibt“, sagt der Wahlärzte-Vertreter. „Nur so können die Juniorpartner die Patienten kennen lernen und vom Seniorpartner profitieren, dem die Patienten vertrauen und der viel über deren konkrete Lebens- und Gesundheitssituation weiß.“ Diese Vorgangsweise müsste durch entsprechende Regelungen gefördert werden und dürfe nicht, wie im jetzigen Modell, verboten sein. Fiedler berichtet diesbezüglich von guten Erfahrungen in Oberösterreich: „Es gibt ja ein gegenseitiges Interesse, voneinander zu lernen. Ärzte suchen sich ganz bewusst die Form der Übergabepraxis aus, um einen guten Start in die Arbeit als Niedergelassene zu haben.“ Das oberösterreichische Modell würde jedenfalls eine flexible Gestaltung der gemeinsamen Zeiten zulassen. „Für viele Spitalsärzte wird es unmöglich sein, über eine längere Zeit die Hälfte der Ordinationszeiten zu übernehmen“, sieht Mauth­ner ein weiteres Problem. Kurzfristige Vertretungen allein könnten das Problem einer geordneten Übergabe nicht lösen, hier bräuchte es andere Regelungen. Auch das Modell der erweiterten Vertretung, wo mehr Stunden übernommen werden, sei nicht immer praktikabel. Mauthner bedauert, dass das Modell in Niederösterreich erst Mitte November in einem interkuriellen Ausschuss nochmals behandelt wird: „Das hätte schon viel früher geschehen müssen. Inzwischen ist die Neuregelung ja auch vom Hauptverband unterschrieben. Ich bin davon überzeugt, dass wir Ärzte gemeinsam vorgehen müssen, insbesondere gegenüber der Sozialversicherung.“ Noch hat sie die Hoffnung nicht aufgegeben, dass für die strittigen Punkte gemeinsam Nachbesserungen erarbeitet werden.

 detail

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 46/2006

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