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Allgemeinmedizin 7. November 2006

Harte Zeiten für junge Allgemeinmediziner

Wie attraktiv ist der Job als Allgemeinmediziner überhaupt noch? – Nicht besonders, bedauern die angehenden Ärzte. Eine kürzlich gegründete Plattform, die „Junge Allgemeinmedizin Österreich“ (JAMÖ), will gegensteuern.

„Vielfältig. Interessant. Spannende Aufgabe als Generalist, der viele Aufgaben abdecken kann und die medizinische Basisversorgung sicherstellt. Der Begleiter von Babys und von Senioren.“ So stellt sich mancher Nachwuchs-Hausarzt den Job als Niedergelassener vor.
„Angesichts der aktuellen Rahmenbedingungen fällt es schon wesentlich schwerer, diesen Beruf generell als ‚attraktiv’ zu bezeichnen“, bedenkt Prof. Dr. Manfred Maier die negativen Seiten. „Die bürokratischen Belastungen sind heute wesentlich höher, die möglichen Einkünfte durch Limitierungen beschränkt“, präzisiert der Leiter der noch sehr jungen Ab-teilung für Allgemeinmedizin am Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien.
Auch wenn bei Umfragen in der Bevölkerung der Arztberuf in der Beliebtheitsskala sehr weit oben rangiert, wären damit eher die Mediziner im Spital gemeint und weniger die „Handwerker für alle Fälle an der Basis“, wie Maier die Hausärzte sieht. Am Land hätten diese noch eher den Status des lebensbegleitenden Koordinators und damit ein gewisses Prestige, aber das Idealbild vom „glücklichen Landarzt“ habe inzwischen einige ordentliche Kratzer abbekommen.

Fachausbildung im Trend

Im Vergleich zu anderen Ländern hat die Allgemeinmedizin bei uns einen eher niedrigen Status. Das lässt sich unter anderem daran erkennen, wie lange es gedauert hat, bis Maiers Position überhaupt finanziert wurde bzw. konkrete Überlegungen in Richtung Facharzt für Allgemeinmedizin Boden unter den Füßen bekamen. „Auch das Interesse der Studenten an der Allgemeinmedizin hält sich in Grenzen, ganz anders als für die diversen Fachrichtungen“, berichtet Maier.
Große Mankos sieht Dr. Andreas Rinnerberger, der nach wie vor in der Ausbildung steht. Der zurzeit in Zwettl (NÖ) tätige Turnusarzt ist Sprecher der JAMÖ (siehe Kasten), einer neu gegründeten Plattform in der ÖGAM (Österreichische Gesellschaft für Allgemeinmedizin). „Obwohl wir draußen in der Praxis arbeiten sollen, werden wir nach wie vor fast ausschließlich im Spital ausgebildet“, so Rinnerberger. Darunter würde auch die Attraktivität dieses zentralen Standbeins der medizinischen Versorgung leiden.
„Es gibt zwar gute Konzepte für einen Ausbau und eine deutliche, auch finanzielle Aufwertung der Lehrpraxis“, betont der JAMÖ-Sprecher. Diese wären derzeit aber noch in der Diskussions- anstatt in der konkreten Umsetzungsphase. Ähnliches gelte für die sehr guten Konzepte für den „Facharzt für Allgemeinmedizin“.

„Medizinischer Dokumentar“ könnte Turnusärzte entlasten

Ein weiterer Stein des Anstoßes in der Turnusausbildung ist die Tatsache, dass angehende Ärzte nach wie vor vehement bürokratischen Krimskrams erledigen müssen. Für diese Tätigkeiten wäre der „medizinische Dokumentar“ eine probate Lösung. Diesen Beruf gibt es z.B. in Deutschland seit vielen Jahren – und er hat sich dort sehr gut bewährt.
Rinnerberger fordert auch eine Ablöse der Rasterzeugnisse durch ein Logbuch-System und eine zentral gelenkte Abwechslung zwischen Ausbildungszeiten im Spital und in verschiedenen Ordinationen. „Sehr wenig Unterstützung bekommen angehende Allgemeinmediziner auch in Sachen Karriereplanung bzw. für den konkreten Einstieg in die Praxis“, so Rinnerberger weiter.

Eine Frage des Wollens

Ähnlich sieht das die Wiener Allgemeinmedizinerin Dr. Edith Schratzberger-Vecsei, die auch Vizepräsidentin der „Organisation der Ärztinnen Österreichs“ (www.aerztinnenbund.at) ist: „Zunächst wäre eine deutlich größere Flexibilität in der Ausbildung notwendig. Teilzeit ist nur eine Frage des Wollens und organisatorisch leicht machbar.“ Ein weiterer Nachteil sei, dass es im Turnus, vor allem in Ballungszentren, immer wieder zu langen Stehzeiten kommt und sich dadurch der Berufseinstieg verschiebt.
Schratzberger-Vecsei begrüßt grundsätzlich Projekte wie Nachfolgepraxen bzw. Modelle des Job-Sharing: „Diese unterliegen in Wien (und in anderen Bundesländern; Anm. d. Red.) allerdings Deckelungen in Bezug auf Fall- und Scheinzahlen.“ Außerdem müsste ein Ausbau der Tätigkeit leichter möglich sein. Einerseits sei eine Kassenstelle nur schwer zu bekommen, andererseits die Tätigkeit als Wahlarzt mit vielen Hürden, vor allem ökonomischen und bürokratischen, verbunden.
„Über konkrete Zahlen in Bezug auf den Einstieg in eine Ordina­tion redet kaum jemand“, bedauert Schratzberger-Vecsei. „Insbesondere für Frauen wäre eine stärkere Unterstützung der Vernetzung junger Mediziner wichtig, damit diese Erfahrungen austauschen bzw. einander unterstützen können.“ Insofern begrüßt sie die Gründung der JAMÖ. Die „Organisation der Ärztinnen Österreichs“ arbeitet derzeit an einem Mentoringprojekt von Frauen für Frauen in medizinischen Berufen.

Hoffnung auf Kooperationen

Als Hoffnungsträger für Allgemeinmediziner sieht Rinnerberger die Gruppenpraxen: „Dabei geht es nicht um den Trend der Healthcare-Center, die es etwa in Finnland gibt und die kleinen Spitälern gleichen, sondern um den Zusammenschluss von drei oder vier Ärzten und Ärztinnen.“ Unterstützt werden müsste dabei auch eine Kooperation mit anderen Berufen aus dem Gesundheits- und Sozialbereich.
Der JAMÖ-Sprecher plädiert zudem für „deutlich mehr öffentliche Unterstützung“ der Forschung mit Schwerpunkt Allgemeinmedizin: „Es gibt zwar Professuren in Wien und Salzburg, aber ohne finanzielle Mittel sind diese nur Alibiaktionen.“ In Forschungsprojekte könnten sehr gute junge Allgemeinmediziner oder auch Ärzte in Ausbildung einbezogen werden. „Diese profitieren dann natürlich auch von den Ergebnissen“, betont Rinnerberger.

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