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Allgemeinmedizin 31. Oktober 2006

Sich selbst und andere schützen

Diagnostik und Therapie von Patienten mit psychosomatischen und funktionellen Störungen benötigen viel Zeit und Einfühlungsvermögen. Zugleich müssen Ärzte darauf achten, nicht selbst in die Spirale zerstörerischer Kräfte zu geraten. Gute Anamnese und ökonomische Befunderhebung stehen im Vordergrund der Patientenbetreuung, Nein sagen zu können ist der erste Schritt zum Selbstschutz.

Der 37. Kongress für Allgemeinmedizin vom 23. bis 26. November in Graz packt dieses Jahr ein Thema an, das in der Primärversorgung viele Ressourcen bindet. „Die Zahl der Patienten mit psychosomatischen und funktionellen Störungen hat deutlich zugenommen“, reflektiert Kongressleiter Dr. Walter Fiala, Graz, seine jahrelange Praxistätigkeit. Bei Jugendlichen finden sich immer häufiger Verhaltens- und Essstörungen sowie Alkohol- und Nikotinabusus, bei Erwachsenen sind es Angststörungen, Burn-out- und chronische Schmerzzustände.
„Die Fortschritte der Medizin helfen einerseits schneller und effektiver, die funktionelle Erkrankung von manifesten organischen Erkrankungen zu differenzieren“, so Fiala im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. „Andererseits führt der unreflektierte Einsatz der zahlreichen diagnostischen Möglichkeiten aber zu iatrogenen Fixierungen von funktionellen Störungen.“

Wie gut sind die Werkzeuge der Allgemeinmedizin, um Patienten mit psychosomatischen oder funktionellen Störungen tatsächlich zu helfen?
Fiala: Nach wie vor hat die Allgemeinmedizin die besten Instrumente für diese Erkrankungen in der Hand: Die Anamnese, das Gespräch, die klinische Untersuchung und die Kenntnis des bio-psycho-sozialen Umfeldes. Wenn das Gesundheitswesen in Richtung Ambulanzmedizin und Gesundheitszentren tendiert, wird es diese Entwicklung mit enormen Kosten für unnötige Untersuchungen erkaufen. Funktionelle Erkrankungen sind mit apparativen Methoden nicht zu erkennen, sie somatisieren erst recht durch zu viele Untersuchungen.

Erfordert die Komplexität vieler Erkrankungen nicht schon längst die inter- oder multidisziplinäre Betreuung von Patienten?
Fiala: Um somatische Erkrankungen von funktionellen Störungen zu differenzieren, sind zumeist nur wenige Fachbefunde notwendig. Je mehr die Patienten in die Untersuchungsspirale geraten, desto größer ist die Gefahr der Somatisierung, da irgendein Fachgebiet immer irgendeinen Befund liefern wird, der in Wirklichkeit für das aktuelle Geschehen völlig unwichtig ist. Musterbeispiel sind die blumigen Röntgenbefunde mit den vielen „-rosen“, wie Arthrose, Osteochondrose, Sponylarthrose usw., die meist nur mehr oder weniger altersgemäße Zustände beschreiben. Für Patienten klingen sie aber entsetzlich und sind Grund für viele Somatisierungen bis hin zur Frühpension.
Die Betreuung dieser Patienten kann, wenn notwendig, optimal mit Psychotherapeuten und KomplementärmedizinerInnen erfolgen. Letztere deshalb, weil das Spezifikum der meisten dieser Methoden in der Beschäftigung mit der Funktionsstörung liegt, noch ehe organische Schäden aufgetreten sind.

Würden Sie die gesundheitspolitischen Hürden für moderne Kooperationsformen von Ärzten als „fahrlässig“ bzw. sogar als ökonomisch fragwürdig sehen?
Fiala: Die Zulassungsbeschränkungen für Kassenverträge und die Hürden für Gemeinschaftspraxen sind in der Tat fahrlässig und in Europa fast einzigartig. Meine Idealvorstellung von Kooperationsform für die Allgemeinmedizin ist eine Gemeinschaftspraxis, wobei der Kassenvertrag auf die Praxis laufen sollte, egal wie viele Ärzte dort arbeiten. Dies würde vielen jungen Kollegen eine Chance auf Arbeit geben, eine mindestens zwölfstündige medizinische Bereitschaft garantieren, Lehrpraxen und Praxisfamulaturen erleichtern und das wissenschaftliche Arbeiten in den Praxen fördern. Außerdem könnte sich zumindest ein Praxisinhaber auch der universitären Lehre widmen.

Wie können sich Ärzte vor Zerstörung im Sinne eines Burn-out schützen?
Fiala: Lernen, nein zu sagen, Auszeiten schaffen für Hobbies, in der Praxis ein Spezialgebiet pflegen, das Freude macht und auch Gewinn bringt, wie Akupunktur, Homöopathie, Manualmedizin, Besenreiser veröden, Falten unterspritzen etc. Es gibt genug Spezialgebiete, in denen jede Ärztin und jeder Arzt für Allgemeinmedizin Experte werden kann.
Selbstschutz bedeutet auch, Kontakt mit anderen ÄrztInnen zu pflegen in Form von Balintgruppen und Qualitätszirkeln bis hin zur Mitarbeit an der Universität oder in der Gesellschaft für Allgemeinmedizin. Und ganz wichtig: Der jährliche Besuch des Kongresses für Allgemeinmedizin mit seinen gesellschaftlichen Veranstaltungen mit Humor und Freundschaftspflege.

Der amtierende Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie spricht von einer „äußerst gefährlichen Situation“, da die Ausbildung der Allgemeinmediziner in Psychiatrie längst nicht mehr zeitgemäß sei. Was können Sie dem entgegenhalten?
Fiala: Die Lösung ist nicht wieder ein neues Fachgebiet, sondern die intensivere Einbindung der Allgemeinmedizin in die universitäre Ausbildung. In jedem Fach werden AllgemeinmedizinerInnen als Lehrende immer den Gesichtspunkt auf die Gesamtpersönlichkeit richten, ohne die somatischen Details zu vergessen. Dafür sind jedoch Strukturen notwendig, die das ermöglichen, wie offizieller Lehrauftrag an allen vier Universitäten (Graz ist noch immer nicht besetzt), Gemeinschaftspraxen, um an den Universitäten mitarbeiten zu können und die Praxisfamulaturen effektiv garantieren zu können sowie adäquate Honorierung des Gespräches in der Praxis.

Was liegt Ihnen für den diesjährigen Kongress besonders am Herzen?
Fiala: Ein guter Besuch, eine gute Stimmung zur Burn-out-Bekämpfung und ein guter Kontakt mit der Industrie, die in immer größere finanzielle Schwierigkeiten kommt, solche Kongresse mitzugestalten.

Herbert Hauser, Ärzte Woche 44/2006

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