zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 31. Oktober 2006

Zu wenig ist genauso schädlich wie zu viel

Wegen ihrer Wechselwirkungen potenziell gefährliche Arzneimittelcocktails für betagte Menschen sind das eine Problem. Mindermedikation ist das andere. Ärzte sollten vermehrt auf die Adherence achten.

Dass gerade ältere Patienten oft eine ganze Palette von zuweilen unnotwendigen Medikamenten verschrieben bekommen, deren Wechselwirkungen ein höchst riskantes Gemisch ergeben können, wird oft diskutiert. Die Arbeitsgruppe um den Geriater Dr. Michael A. Steinman vom San Francisco Venterans Affairs Medical Center (SFVAMC) wollte umgekehrt wissen, wie häufig es vorkommt, dass betagte Menschen indizierte Arzneimittel nicht einnehmen.
Für ihre im Journal of the American Geriatrics Society (2006; 54 (10): 1516-23) publizierte Studie rekrutierten die Forscher 196 ambulant behandelte Patienten mit einem Durchschnittsalter von 74,6 Jahren und einer Medikation von mindestens fünf verschiedenen Präparaten. Ob die Medikamente gerechtfertigt waren oder nicht, wurde unter anderen anhand der Beerschen „Drugs-to-avoid“-Kriterien festgestellt. Mindergebrauch wurde mit Hilfe des Assessment of Under­utilization of Medications identifiziert. Topische Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel waren nicht Gegenstand der Studie.

Von zehn zwei unnötig

Heraus kam, dass 65 Prozent der Probanden ein Medikament einnahmen, das sie nicht brauchten – entweder weil es gar nicht indiziert war, genauso wirkte wie ein anderes, das sie verschrieben bekommen hatten, oder weil es für die Altersgruppe des Patienten nicht geeignet war. Dabei zeigte sich, dass die Wahrscheinlichkeit für ein ungeeignetes Präparat mit der Anzahl der verschriebenen Medikamente stieg: Von zehn Arzneimitteln waren zwei unnötig. Auf der anderen Seite nahmen fast ebenso viele, nämlich 64 Prozent, ein ihrem Krankheitsbild entsprechendes Arzneimittel gar nicht ein. Auf immerhin 42 Prozent der Probanden traf beides zu. Bloß 13 Prozent erhielten indizierte Medikamente und schluckten sie auch gemäß der Verschreibung.
Entweder zu viel oder zu wenig sei laut Steinman gar nicht so sehr die Frage. Für Ärzte gelte es, beide Gefahren zu sehen und sich auch dessen bewusst zu sein, dass manchen sowohl des einen zu viel und gleichzeitig des anderen zu wenig bekommen können.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben