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Allgemeinmedizin 31. Oktober 2006

Gibt’s Alternativen zu den Ambulanzen?

Ohne Spezialambulanzen geht’s nicht, soviel steht fest. Allerdings lässt das ernsthafte Interesse an einer Verlagerung der Leistungen bzw. deren gezielte Förderung sehr zu wünschen übrig.

„Neben der obligaten stationären Versorgung von Patienten betreiben Spitäler viele Ambulanzen, die quasi rund um die Uhr geöffnete Allround-Ordinationen sind und damit immer mehr Menschen anziehen“, kritisiert Prim. Dr. Gerhard Schwab, Leiter der Chirurgie am Krankenhaus Krems. Zweifellos seien diverse spezialisierte Ambulanzen erforderlich. „Der primäre Ansprechpartner sollte aber“, so Schwab, „ der Hausarzt sein, der entweder selbst Interventionen setzt oder den optimalen Weg für die Abklärung sowie weitergehende Behandlung gestaltet und begleitet.“ Erst wenn der Allgemeinmediziner mit seinem Latein am Ende sei, sollten andere Einrichtungen zum Zug kommen. Auch die Aufenthaltsdauer im Spital könnte in vielen Bereich deutlich kürzer ausfallen.
„Ambulanzen betreiben zunehmend mehr Absicherungsmedizin“, meint Schwab. „Immer öfter werden Patienten allen möglichen Untersuchungen unterzogen, die ganze Bandbreite der zur Verfügung stehenden Geräte wird genutzt, egal ob das wirklich sinnvoll ist oder nicht.“ Der Chirurg und ausgebildete Ökonom Schwab sieht durch das Überangebot der Ambulanzen eine Ausdünnung der ärztlichen Versorgung in der Peripherie kommen: „Dadurch geht auch ein wichtiges Stück Lebensqualität vor Ort verloren.“
Außerdem spricht die finanzielle Seite gegen Ambulanzen, „die sich immer stärker zu einer finanziellen Belastung für Spitäler entwickeln“ (Schwab). Nur mehr etwa ein Drittel der Kosten wären durch die limitierten Beiträge der Kassen abgedeckt. „Dramatisch verschärft wird dadurch auch die Problematik der Nichteinhaltung des Arbeitszeitgesetzes“, ergänzt Schwab.

Keine Kostenwahrheit

Wenig Interesse der Sozialversicherung, die Patientenbetreuung und damit Kosten in den extramuralen Bereich zu verlagern, ortet auch Dr. Harald Mayer, Kurienobmann der angestellten Ärzte auf Österreichebene. Ganz im Gegenteil werde bei der Frage nach dem nächstgelegenen Arzt oft die Ambulanz genannt. Ausgangspunkt für die gedeckelten Beiträge der Kassen seien noch dazu Werte, die aus dem Jahr 1994 stammen. „Obwohl sich die Kosten in den Ambulanzen verdoppelt haben, gab es seither zum Beispiel in Oberösterreich nur 17 Prozent mehr Mittel für diesen Bereich“, so Mayer weiter.
„Natürlich ist es keine Lösung, Patienten abzuweisen, wir bräuchten Änderungen im System“, betont Schwab. Seit es in seinem Haus keine eigene Gefäßchirurgie mehr gibt, wurde dieser Bereich inklusive Ambulanz in den niedergelassenen Bereich ausgelagert – und das mit Erfolg. Ein anderes Beispiel, wie sich der Stellenwert der Ambulanzen verändern bzw. ihr Auftrag klarer werden kann, ist ein Projekt zur Versorgung chronischer Wunden, das Schwab betreut: „Wir konnten einen Sponsor gewinnen, der den Selbstbehalt für die mobilen Dienste übernimmt. Diese haben hoch qualifizierte Experten für diesen Bereich, die sich auch durch Fortbildung bei uns am Laufenden halten.“ Der Chirurg will damit aufzeigen, dass es deutlich billiger komme, hier zu investieren, als dass die hohen Kosten, die etwa durch regelmäßigen Transport ins Krankenhaus und die dort nötigen Interventionen anfallen, im System „verschwinden“.

Reformpool-Projekte: Hoffnung und Skepsis

Eine gewisse Hoffnung setzt Schwab in den Reformpool: „Allein in Niederösterreich gibt es drei Millionen Euro für Projekte, bei denen es um eine Auslagerung in den niedergelassenen Bereich sowie ein besseres Nahtstellen-Management geht.“
Diesen Optimismus kann Mayer nur sehr bedingt teilen: „Einige Projekte sind ein Etikettenschwindel. Da liegen die Vorteile eher beim Spital, und Beraterfirmen lukrieren Geld, das dann nicht mehr als zusätzliche Ressource im Gesundheitswesen zur Verfügung steht.“ Das Argument, das Geld solle den Leistungen folgen, hält Mayer für „zynisch“, denn mit dem momentanen Finanzierungssystem wäre kein wirklich massiver Druck zur Auslagerung gegeben und würde der niedergelassene Bereich nicht ernsthaft gestärkt werden. „Dazu kommt, dass es nach wie vor zu viele Akutbetten und zu wenige für den Pflegesektor gibt“, so Mayer.
„Wir können eine Abstimmung mit den Füßen feststellen“, meint Clemens Martin Auer, Kabinettschef im Gesundheitsministerium. „Die Menschen gehen vor allem in Akutsituationen eher dorthin, wo Leistungen rund um die Uhr geboten werden.“ Es sei keine Frage, dass dadurch Patienten oft im Spital „hängen bleiben“, obwohl sie im niedergelassenen Bereich viel günstiger betreut werden könnten. Dazu komme der Aspekt der Wohnortnähe, den Allgemeinmediziner und Fachärzte gewährleisten könnten.
„Wir brauchen Alternativen im extramuralen Bereich, also interdisziplinäre Facharztzentren“, so Auer, der darauf hinweist, dass es vor zwei Jahren für Ärzte noch unvorstellbar gewesen wäre, Ärzte anzustellen. Solche Zentren könnten auch am Campus eines Spitals bzw. in dezentralen Regionen angesiedelt sein. „Wir können das Angebot von Ambulanzen erst reduzieren, wenn es Alternativen gibt“, betont der Kabinettschef. „Deshalb bringt es wenig, ständig die Reduktion von Akutbetten zu fordern – es geht ja niemand ‚aus Jux und Tollerei ins Spital’.“

Halbherzige Förderung?

Die Auslagerung von Leistungen aus dem Spitalsbereich sei ein Schlüsselbereich der Gesundheitsreform, sagt Auer. Reformpoolprojekte sollten die Entstehung von Gesundheitszentren im nieder-
gelassenen Bereich gezielt fördern. Momentan gäbe es allerdings ei-nige Projekte, bei denen dies nicht der Fall wäre.
Mayer fordert vor allem eine „ehrliche Vorgangsweise bei der Finanzierung“: „Es geht um die Frage, welche Art von Versorgung wir uns leisten wollen und wie diese sinnvoll zu finanzieren ist.“ Ständig nur von Auslagerung zu reden, wäre zweifellos zu wenig.

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