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Allgemeinmedizin 18. Oktober 2006

Rauchen: Auch Einstellung der Ärzte ist wichtig

„Stop Smoking“ – die Crux mit dem „blauen Dunst“ kann Ärzte in zweierlei Hinsicht betreffen: Entweder sie rauchen selbst oder sie sollen Entwöhnungswilligen Unterstützung bieten. Eine Umfrage unter knapp 3.000 Medizinern in 16 Ländern gibt Einblick in die Grundhaltung zum Thema und zu Behandlungsoptionen.

Weltweit sind etwa 1,3 Milliarden Menschen Raucher, ungefähr fünf Millionen sterben jährlich an den Folgen des Nikotinkonsums. Ändert sich das Rauchverhalten nicht, rechnet die Weltgesundheitsorganisation mit einer Verdopplung der durch Zigarettenkonsum bedingten Todesfälle bis 2020 und mit jährlichen Ausgaben für tabakassoziierte Erkrankungen von 407 Milliarden Euro. Diese Zahlen präsentierte Prof. Dr. Bryan Williams, University Hospitals Leicester, UK, in der Pressekonferenz zur STOP-Studie (Smoking: The Opinion of Physicians), die beim Weltkongress der Kardiologie Anfang September in Barcelona vorgestellt wurde. In Deutschland verursacht das Rauchen derzeit Gesundheits- und Produktionsausfallkosten von fast 30 Milliarden Euro pro Jahr. Umgelegt auf Österreich wären das drei Milliarden Euro.

Der lange Weg zur Abstinenz

Etwa ein Drittel der Raucher unternimmt einmal jährlich den Versuch, sich das Rauchen abzugewöhnen. Doch: „Nach einem Jahr sind weniger als fünf Prozent der Raucher, die ohne Hilfe versuchen aufzuhören, abstinent“, sagte Prof. Dr. Robert West, Cancer Research UK Health Behaviour Unit, University College, London. „Nach mehr als einem Jahr Abstinenz beträgt die Rückfallquote sogar 40 Prozent.“ Alte Gewohnheiten sterben jedoch nicht nur aus mangelndem Willen langsam (siehe Kasten „Acetylcholin-Rezeptorvermehrung durch Rauchen“), viele Raucher würden mehr ärztliche Hilfe beim Aufhören benötigen, wie die Stop-Umfrage gezeigt hat. Das Meinungsforschungsinstitut Harris Interactive Inc. führte im Mai/Juni 2006 im Auftrag von Pfizer eine internationale Internet-gestützte Telefonumfrage durch. Ziel war, die Grundhaltung von Medizinern zum Thema Rauchen, Nikotinentwöhnung und den verschiedenen Behandlungsoptionen herauszufinden. Interviewt wurden insgesamt 2.836 Ärzte für Allgemeinmedizin und Hausärzte aus 16 Ländern (davon 2.047 aus Europa). Die Daten wurden sowohl hinsichtlich der Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern als auch zwischen rauchenden und nicht rauchenden Ärzten untersucht.

Rauchen aus ärztlicher Sicht

Über zwei Drittel der befragten Ärzte (69%; Nordamerika 78%, Europa 59%) waren der Ansicht, dass Rauchen die gesundheitsschädlichste Angewohnheit ihrer Patienten ist, verglichen mit mangelnder Bewegung (42%), Alkoholkonsum (30%) und ungesunder Ernährung (23%). Dieser Meinung waren nur 57 Prozent der rauchenden Ärzte, jedoch 73 Prozent der nicht rauchenden. Ein Drittel (33%) aller Ärzte betrachten Rauchen als den wichtigsten zu behandelnden Faktor. Fast alle Ärzte (90%) finden Rauchen jedoch schwieriger zu therapieren als Hypertonie, Hypercholesterinämie oder Adipositas. 69% glauben, dass Rauchen eine Frage des Lebensstils ist. Beinahe alle (97%) sind der Meinung, dass Rauchen eine Sucht ist und die Entwöhnung hauptsächlich vom individuellen Willen abhängt. 71 Prozent der befragten Ärzte stimmen zu, dass Rauchen als Krankheit eingestuft werden sollte, und 64% sind der Meinung, dass die Deklarierung von Rauchen als Krankheit mehr Patienten zum Ausstieg motivieren würde. Fast alle Ärzte (89%) empfehlen ihren Patienten, mit dem Rauchen aufzuhören (83% der rauchenden und 91% der nicht rauchenden Ärzte). Und 66 Prozent erklären ihren Patienten, welche Entwöhnungsmethoden dafür zur Verfügung stehen. Allerdings unterstützen nur 47% die Entwöhnungswilligen konkret bei der Entwicklung eines Ausstiegplans. Der Hälfte aller befragten Ärzte (51%) fehlt im Praxisalltag die Zeit dafür. Über ein Drittel aller Ärzte empfiehlt entwöhnungswilligen Patienten ein OTC-Produkt. 29 Prozent rezeptieren ein Medikament. Beinahe die Hälfte aller Ärzte (46%) hält andere Dinge für wichtiger als die Nikotinentwöhnung.

Auffallend eifrige Ärzte in Nordamerikana

Prof. Dr. Andrew Pipe, Medizinischer Direktor des Heart Institute Prevention and Rehabilitation Centre, University of Ottawa, Kanada: „Nordamerikanische Ärzte ergreifen bei weitem öfter die Initiative. 76 Prozent der Allgemeinmediziner unterstützen Raucher bei der Ausarbeitung eines Entwöhnungsplans und 57 Prozent verschreiben Medikamente.“ Auf die Frage, womit Ärzte Raucher beim Aufhören besser unterstützen könnten, war die Antwort eindeutig: 81 Prozent der Ärzte sind der Meinung, dass die Verfügbarkeit wirksamerer Medikamente die Entwöhnungsphase erleichtern würde. 78% würden sich eine zusätzliche Schulung in Kommunikations- und Motivationstechniken sowie eine Weiterbildung in den bereits bestehenden therapeutischen Optionen wünschen. Und nicht zuletzt sind 57 Prozent aller befragten Ärzte der Meinung, dass ärztliche Hilfe bei der Raucherentwöhnung finanziell abgegolten werden sollte. „Wenn wir eine ernsthafte Initiative ergreifen und die weltweit häufigste vermeidbare Ursache für vorzeitigen Tod bekämpfen wollen, müssen wir die Art und Weise, wie Rauchen weltweit wahrgenommen und behandelt wird, grundlegend verändern“, appellierten die anwesenden Experten an Politik und ärztliche Kollegenschaft. „Rauchen ist eine Sucht. Der Raucher raucht, weil Nikotin die Anatomie und Physiologie der Acetylcholinrezeptoren im Gehirn verändert.“

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Literatur:
WHO 2003: „Policy Recommendations for Smoking Cessation and Treatment of Tobacco Dependence“
www.wpro.who.int; www.who.int/tobacco
Deutsches Krebsforschungszentrum:
„Gesundheitsgefährdung durch Passivrauchen – Deutschland muss handeln“;
www.dkfzheidelberg.de
West R, Shiffman S: „Smoking Cessation.“ Health Press, Oxford; www.fastfacts.com

Dr. Sabine Schneider, Ärzte Woche 42/2006

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