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Allgemeinmedizin 18. Oktober 2006

Der Kick mit dem Klick

Die Problematik rund um die Internetsucht, die zu den Impuls- und Kontrollstörungen zählt, wächst mit den umfangreichen Möglichkeiten, die uns das Medium bietet. Die Konsequenzen sind indes von anderen Süchten bekannt: Vereinsamung und Verwahrlosung.

Als ständig verfügbare Plattform wurde das Internet in unserem modernen Alltagsleben allmählich zu einer Institution, auf die kaum noch verzichtet werden kann. Ob Online-Banking, Kommunikation oder Shopping, im Netz können Angelegenheiten erledigt und allerlei Bedürfnisse befriedigt werden. Suchtexperten warnen aber immer eindringlicher vor den Schattenseiten des weltumspannenden Mediums, denn das World Wide Web kann auch einen unstillbaren Hunger nach mehr wecken. „Es war unglaublich, nach jedem Einloggen von jedem begrüßt und bewundert zu werden, einfach im Erfolg zu baden“, schrieb ein Internetabhängiger über die Lust an Rollenspielen, das die Jugendlichen derzeit derart in ihren Bann zieht, dass sie darüber sogar auf ihre Existenzsicherung vergessen. Dr. Hubert Poppe, Oberarzt am Anton-Proksch-Institut in Wien-Kalksburg, verweist auf die zunehmende Zahl an jungen Menschen, die dem Teufelskreis der Online-Sucht alleine nicht mehr entrinnen können.

Was zählt zur Online-Sucht? Chatten, Spielen, Erotik – sind das Komponenten einer einzigen Abhängigkeit oder ist jedes eine eigene Kategorie für sich?
Poppe: Das lässt sich so nicht sagen, denn bei den nichtstofflichen Süchten geht es primär um die Dopaminausschüttung im Vorfeld der Sucht auslösenden Tätigkeit. Das ist vergleichbar mit einer Achterbahnfahrt, wo der Kick bereits beim Hochziehen des Wagens erfolgt. Dopamin ist jene Substanz, mit der uns der Körper belohnt. Sie wird auch bei einem guten Essen, Erfolgserlebnissen und eben auch beim Spielen vermehrt freigesetzt. Letztlich entwickelt sich ein Ausschüttungsautomatismus, der auch beim pathologischen Glücksspiel stattfindet. Die körperlichen Vorgänge sind somit gleich, egal ob das Internet zur Kommunikation in so genannten Chat-Rooms, Spielen oder zum Mitsteigern bei Online-Auktionen missbräuchlich verwendet wird. Gemeinsam haben diese Tätigkeiten zudem, dass sie sofort verfügbar sind und der Süchtige sich den Kick zeit- und raumunabhängig holen kann.

Welche Art der Internetabhängigkeit steht derzeit im Vordergrund?
Poppe: Es nehmen zwar alle Formen des Missbrauchs stetig zu, aber natürlich beobachten wir in letzter Zeit einen beunruhigenden Zuwachs der Abhängigkeit von Online-Spielen. Diese Entwicklung wurde bisher nur wenig wahr und noch weniger ernst genommen. Dabei gehen bei diesen Spielen ganze Existenzen zugrunde. Der bekannteste Vertreter des Genres der virtuellen Rollenspiele, die eine besondere Anziehung auf die Kids ausüben, ist „World of Warcraft“ mit fast sechseinhalb Millionen Usern weltweit. Da kann man sich nun ausrechnen, wie hoch der Pool an potenziellen Abhängigen ist. Spiele dieser Art, die Zugehörigkeit, Identität und Geborgenheit im Netz vermitteln, haben uns die Gefahren noch deutlicher vor Augen geführt und auch ein Umdenken bei vielen Experten bewirkt.

Flüchten die Jugendlichen vor der vermeintlich tristen Realität in die virtuelle Spielwelt? Oder gleiten sie zunächst immer tiefer in deren Faszination ein, was sie in der Folge mit anwachsenden realen Problemen konfrontiert, wodurch wiederum das Risiko einer Abhängigkeit steigt?
Poppe: Die Ursachen variieren und sind individuell gefärbt – beide Zugänge sind möglich, dazwischen gibt es Mischformen. Wie bei den meisten Suchterkrankungen steht auch bei der Internet-Abhängigkeit eine multifaktorielle Genese im Hintergrund. Sicher falsch ist allerdings die Behauptung, Online-süchtige Jugendliche hätten immer schon psychische Probleme gehabt. Solche Vorurteile sind, neben der Unkenntnis der Eltern, ein großes Hindernis zur rechtzeitigen Behandlung. Denn so wird die Problematik in einen Tabubereich verdrängt, zumindest bis die Situation eskaliert und die häusliche Schlacht um das Modem beginnt.

Eskalieren – was heißt das genau?
Poppe: Das heißt, dass ein Großteil der jugendlichen Interessen in die virtuelle Welt verlegt wird. Das soziale Leben findet nur sehr eingeschränkt statt, und das richtige Dasein wird immer mehr als Hindernis zum Spiel empfunden. Am Ende steht die Vereinsamung und körperliche Verwahrlosung. Die persönliche Hygiene wird reduziert und selbst die Nahrungsaufnahme aus Zeitgründen auf ein Minimum beschränkt. Wenn endlich die Eltern eingreifen, stoßen sie auf massiven Widerstand. Jugendliche, die dann zu randalieren beginnen, sind keine Seltenheit. In Korea sind angeblich sogar Jugendliche im wahrsten Sinne spielend vor dem PC verhungert. Die Spiele selbst benötigen einen unheimlichen Zeitaufwand. Bei den Rollenspielen geht es beispielsweise um den Aufbau einer virtuellen Figur. Je länger man spielt und je mehr Abenteuer bestanden werden, umso stärker wird der künstliche Charakter – parallel wächst das Ansehen des Users innerhalb der Gemeinschaft. Dazu kommt der Gruppenzwang untereinander, da die Spieler virtuell miteinander losziehen, um gegen verfeindete Fraktionen Schlachten zu führen.

Kann man ein bestimmtes Abhängigkeitsprofil beschreiben?
Poppe: Eigentlich gibt es keine eng umschriebene Beschreibung. Freilich betrifft es eher Jugendliche, die selbstverständlicher mit dem PC oder dem Medium Internet umgehen. Aber auch erwachsene Abhängige zwischen 30 und 50 sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. Zwar sind 90 Prozent der missbräuchlichen Anwender bis zum 18. Lebensjahr eher männlich, aber danach holen die Frauen langsam auf, wenngleich die männliche Dominanz nie gebrochen wird. Aber die typische Internetsucht-Persönlichkeit gibt es nicht. Ich denke, dass es oft nur Schicksal ist, ob man in eine Sucht stolpert bzw. in einer vulnerablen Lebensphase zufällig von einer Abhängigkeit auf dem falschen Fuß erwischt wird.

Welche Schwerpunkte werden in der Therapie gesetzt?
Poppe: Die Behandlung muss von Fall zu Fall individuell gestaltet werden. Dabei stehen psychologische und psychiatrische Instrumente zur Verfügung, die bisweilen auch von einer medikamentösen antidepressiven Therapie unterstützt werden. Im Mittelpunkt stehen neben einer Förderung des Selbstvertrauens Impulse für eine alternative Freizeitgestaltung. Anders als bei den stoffgebundenen Abhängigkeiten wird letzten Endes nicht die absolute Abstinenz angestrebt, sondern der kontrollierte Gebrauch.

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