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Allgemeinmedizin 18. Oktober 2006

Gedächtnisschwäche, Demenz oder Depression?

Der Früherkennung kognitiver Störungen kommt eine entscheidende Bedeutung zu. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass eine abnehmende Gedächtnisleistung nicht automatisch mit einer beginnenden Demenz gleichzusetzen ist.

Die besonders ostentativ vorgetragene Sorge mancher Patienten um ihre geistige Leistungsfähigkeit gepaart mit der Angst, womöglich an einer Demenz erkrankt zu sein, spricht prima vista gegen das Vorliegen eines demenziellen Prozesses. In diesen Fällen sollte die differenzialdiagnostische Aufmerksamkeit auf eine depressive Befindlichkeitsstörung gerichtet sein.

Eigen- und Fremdanamnese

Einen wesentlichen Aspekt der Eigen- und Fremdanamnese stellt das gezielte Fragen nach Chronologie, Ausprägung und Abfolge kognitiver Störungsmuster dar. In vielen Fällen muss davon ausgegangen werden, dass erste Symptome, die für einen demenziellen Prozess sprechen, von den Betroffenen zumeist bagatellisiert und verdrängt werden. Hier scheint es auch geschlechtsspezifische Unterschiede in der psychischen Verarbeitung dieser als zumeist bedrohlich interpretierten Ängste zu geben. Die Palette an Bewältigungs-mechanismen umfasst – eher für Männer typische – aggressiv gefärbte Abwehrreaktionen, Verdrängung, Projektion, Verleugnung und Abspaltung. Symptome, die Ausdruck einer beginnenden Alzheimer-Demenz (AD) sein können, präsentieren sich in Form einer langsam zunehmenden Vergesslichkeit. Diese betrifft vor allem das Lernen und Behalten neuer Informationen, z.B. Gespräche, Namen oder Termine vergessen, Gegenstände verlegen. Dazu kommen Auffassungs- und Wortfindungsstörungen, Schwierigkeiten in der Planung und Durchführung komplexer Aufgaben, z.B. beim Einkaufen, finanzielle Angelegenheiten etc. Frühe Symptome können sich außerdem auch in Form eines eingeschränkten Urteilsvermögens äußern, wie unkritische Haltung oder Gleichgültigkeit bei wichtigen Entscheidungen, Regelverletzungen etc. Auch Änderungen des Verhaltens mit vermindertem Antrieb, Rückzug, Isolation, Desinteresse an früheren Hobbies und depressiven Störungen sind typisch.

Differenzierung nach dem zeitlichen Verlauf

Der zeitliche Verlauf des Auftretens erster kognitiver Störungen ist ebenfalls von richtungweisender Bedeutung. Während eine langsam progrediente Verschlechterung typischerweise bei der AD gefunden wird, spricht eine stufenförmige Progredienz der Symptomatik ohne vollständige Restitution eher für eine vaskuläre Genese (ischämische Infarkte). In der Anamnese ist auch zu bedenken, dass Stress-Situationen und belastende Life-Events zur Demaskierung eines subklinischen demenziellen Prozesses führen können und dann fälschlicherweise als „akuter Erkrankungsbeginn“ geschildert werden. Die Diagnosekriterien der „leichten kognitiven Störung“ (DSM-IV) umfassen Einschränkungen der Merkfähigkeit, der Aufmerksamkeit oder Verarbeitungsgeschwindigkeit von Informationen, Störungen der exeku-tiven Leistungen, perzeptivmotorische oder Sprachstörungen. Diese Symptome müssen über einen Zeitraum von zumindest zwei Wochen bestehen und über altersbedingte Leistungseinbußen hinausgehen. Dabei erfüllen sie aber nie jene Kriterien, die für die Diagnose einer Demenz erforderlich sind.

Höheres Risiko bei minimaler cerebraler Dysfunktion

Ergebnisse einiger Studien aus den letzten Jahren zeigen, dass Patienten mit minimaler cerebraler Insuffizienz (MCI; amnestische Form mit vornehmlichen Einbußen der Merkfähigkeit, episodischem Gedächtnis) ein höheres Risiko haben, eine Demenz zu entwickeln als Personen ohne MCI. Die jährlichen Konversionsraten liegen bei ca. 15 Prozent. Besonders deutlich ist der Zusammenhang zwischen MCI und AD. Die meisten wissenschaftlichen Arbeiten beschreiben aber, dass sich nicht jede MCI unweigerlich zu einer Demenz weiterentwickeln muss. Viele Patienten zeigen über viele Jahre hinweg keine weitere Progression zu einer Demenz und werden mit hoher Wahrscheinlichkeit niemals eine solche entwickeln.

 detail

Veranstaltungs-Tipp: „Symposium Alzheimer“ für Ärzte und Fachkräfte beim
1. Wiener Alzheimertag, 3. November 2006, 8 bis 13 Uhr, Ort: Nord-Buffet im Wiener Rathaus (siehe Seite 33)
Weitere Informationen: www.alzheimertag.at.

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