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Allgemeinmedizin 10. Oktober 2006

"Die Internisten werden in der Öffentlichkeit wegen der Zersplitterung nicht wahrgenommen!"

Prof. Dr. Kaspar SERTL
Leiter der Internen Abteilung des KH Floridsdorf, Wien

Die Innere Medizin stellt sicher die größte Gruppe unter den Fachärzten und erscheint gleichzeitig als eine der am wenigsten einflussreichen Fachgruppen überhaupt. Warum ist dies so? Einer der Hauptgründe ist sicher die Spezialisierung innerhalb des Faches. Ich empfinde die hohe Spezialisierung nicht als falsch oder unnotwendig und bin kein "Konservativer", der wie die "Presse" den Untergang des Abendlandes beschwört, weil Latein nicht mehr notwendig ist. Ganz im Gegenteil bin ich als zukunftsorientierter und gegenwartsbezogener Mensch daran interessiert, einen schlechten Zustand zu verbessern.

Obwohl ich mit Herz und Seele ein Allgemeininternist bin, bin ich gleichzeitig auch ein Pulmologe mit Herz und Seele. Es steht aus meiner Sicht auch außer Zweifel, dass die Subspezialitäten sich selber organisieren müssen und sollen. Auf Grund der Kleinheit der Gruppen besteht natürlich auch das große Problem der Inzucht, wie man aus fast allen Gesellschaften zu hören bekommt. Es ist ein Strukturproblem, wie sehr viele Probleme. Unsere Rahmenbedingungen sind schlecht, indem die sehr große Gruppe der Internisten sich in ca. 10 Untergesellschaften aufteilt und keine gemeinsame Struktur mehr hat, in der alle adäquat zusammengefasst werden und wo eine ständige Kommunikation stattfindet.

In der Öffentlichkeit werden wir wegen unserer Zersplitterung nicht wahrgenommen. Die Patienten können zumeist mit den Worten wie Pulmologe, Nephrologe oder Gastroenterloge nichts anfangen. Im politischen Bereich sind wir komplett abgemeldet, da weder der Krankenkasse noch sonstigen Entscheidern klar ist, wer Ansprechpartner ist.

Ich halte es für einen schweren politischen Fehler, dass im Bereich der LKF-Punkte kein Internist an vorderster Front dabei ist. Obwohl die Internisten beispielsweise viel mehr Schlaganfälle behandeln als Neurologen (zu behandeln sind ja bekanntlich vor allem das Herz, der Diabetes, die Lipide und der Blutdruck - nach meiner Information rein interne Behandlungen), bekommen letztere über die Stroke-Units mehr Punkte. Da wir politisch nicht adäquat vertreten sind, werden wir sobald aus diesem Dilemma nicht herauskommen. Und ich fürchte, dass auch andere Fächer beginnen werden, an unseren Spezialitäten zu knabbern; wir werden weiter die Erfahrung haben und die anderen die höheren Einnahmen.

Es ist mir ein Anliegen, die Internisten-Community aufzurütteln, sich ihrer personalen Stärke bewusst zu werden und die Partikularisierung im politischen Bereich aufzugeben. Als Vorbilder müssen die Neurologen und die Physikalischen Mediziner gelten, die auf Grund hervorragender Organisation ihre Bedeutung deutlich gehoben haben und von allen Seiten wahrgenommen werden.

Was ist zu tun? Es gibt durchaus verdienstvolle Anstrengungen, um PR-Aktivitäten für Internisten durchzuführen. Solange wir aber keine Politik definiert haben, die von den meisten mitgetragen wird, kann auch keine adäquate Öffentlichkeitsarbeit gemacht werden, da nicht klar ist, was transportiert werden soll. Und wenn etwas beworben wird, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass von den nicht Involvierten Widerstand kommt - nicht weil es schlecht ist, sondern weil sie nicht "dabei" sind.

Ich glaube auch, dass den wenigsten Internisten bekannt ist, dass sie nur über ihre Subgesellschaften Mitglied bei der Österreichischen Gesellschaft für Innere Medizin sind. Man kann sich nicht um eine isolierte Mitgliedschaft bei dieser Gesellschaft bewerben. Wir haben daher auch keinen gewählten Vorstand, sondern der Vorstand besteht aus den jeweiligen Präsidenten der Gesellschaften. Es ist beinahe selbstverständlich, dass niemand an der Gesellschaft für Interne Medizin direkt interessiert ist, da jeder nur indirekt beteiligt ist.

Es gibt auch kaum eine Kommunikation aus den Vorständen oder diversen Arbeitsgruppen dieser Gesellschaft. Es wurde zwar eine Facharztprüfung entwickelt, allerdings wurde die Mehrzahl der Internisten nicht involviert. Ich zum Bespiel bin nicht sehr glücklich über die Form der geplanten Prüfung, die mir viel zu stark auf "Wissen abfragen" (und das nach sechs Jahren Ausbildung!) getrimmt ist. Oder wie man hört gibt es eine PR-Gruppe, aber mehr weiß die Mehrzahl der Internisten nicht. Es ist also ein sehr geschlossener Kreis, von dem ich einmal ausgehe, dass die Mitglieder voll guten Willens sind, aber von außen gesehen erscheint er nicht sehr effektiv zu sein. Ich glaube zum Beispiel, dass die Mehrzahl der Internisten nicht weiß, dass wir einen Generalsekretär haben und wer das ist.

Das Interesse reduziert sich darauf, dass die jeweiligen Kongresse von den Präsidenten gut organisiert werden. Ohne Einzelpersonen kritisieren zu wollen, besteht bedingt durch diese Struktur auch kein Interesse, eine einheitliche Linie in den Kongress zu bekommen, der zum Beispiel aus meiner Sicht vor allem ein Fortbildungskongress sein sollte. Ich empfehle sehr, einmal den Kongress der Allgemeininternisten in den USA zu besuchen, der für mich ein absolutes "raw model" für unseren Kongress sein sollte. Oder es sollte mehr darauf Rücksicht genommen werden, dass alle Themen für diesen Kongress unter dem Aspekt der Allgemeinen Internen Medizin aufbereitet werden und nicht wieder ein Kongress entsteht, wo wieder nur die Mitglieder eines Subspezialität sich bei einem Meeting treffen. Das zu verändern, ist sehr schwierig, allerdings bin ich überzeugt davon, dass man gemeinsam ein neues gutes Konzept finden kann.

Eine der wichtigsten Strukturänderungen ist daher aus meiner Sicht die Schaffung einer Gesellschaft, in der man als Einzelmensch Mitglied sein kann. Dort muss auch ein Vorstand gewählt werden, der primär und vor allem die Gesellschaft vertritt. Über eine entsprechende Struktur soll diskutiert werden, wie und in welcher Art die Subgesellschaften ihren Einfluss bekommen. Die Subgesellschaften können zum Beispiel als Gesellschaft Mitglied sein. Ich persönliche halte ein Konstrukt mit einem starken Generalsekretär - gewählt für mehrere Jahre - und einem jährlich wechselnden Präsidenten für sinnvoll. Der Generalsekretär muss vor allem ein Netzwerk schaffen zwischen den Mitgliedern, den Medien und den Entscheidungsträgern. Welche Politik verfolgt wird, sollte gemeinsam mit möglichst vielen Mitgliedern der Internisten in einem eigenen Workshop erarbeitet werden.

Nachdem ich auch ein Organisationsberater bin, habe ich daher folgenden Vorschlag zu machen: In den letzten Jahren haben sich in der Beratung neue Formen entwickelt. Aus theoretischen Überlegungen der Systemtheorie ist man zunehmend dazu übergegangen, bei vielen Entscheidungen das ganze System zusammenzurufen und in wenigen Tagen selbstständig entscheiden zu lassen. Die heutigen Schlagwörter in diesem Bereich sind "Open Space Conferences", "Future Search Conferences" oder "Real Time Strategic Change".
Diese Konferenzen wurden bisher mit bis zu 1.500 Leuten durchgeführt und dauern zumeist zweieinhalb Tage. Am Ende der Tagung steht ein gut bearbeitetes Thema zur Verfügung und auch die Entscheidungen, was wie in welcher Zeit umgesetzt werden sollte. Um ein Beispiel zu bringen: Ein Flugzeugproduzent hatte ein Problem mit den Türen der Flugzeuge, und die Behörde verlangte mehr oder minder eine sofortige Lösung - nicht in zwei Jahren, wie dies in großen Konzernen sonst üblich ist. Es wurden 450 Ingenieure für zweieinhalb Tage zu einer Open Space Conference zusammengezogen, die in dieser kurzen Zeit das Problem gelöst haben.

Der Vorteil dieser Konferenz ist, dass hier nicht strukturiert vorgegangen, sondern in totaler Selbstorganisation das Wissen des Systems gehoben wird. Es wird davon ausgegangen, dass das System am besten weiß, wie was funktioniert. Die Methoden sind geprüft und werden seit ca. 10 Jahren weltweit(!) angewendet. Ihre Stärke liegt darin, dass sie dann besonders gut sind, wenn das Ergebnis gemeinsam von allen insbesondere großen Gruppen erarbeitet werden soll.

Ich schlage vor, dass alle Internisten sich an einem schönen Ort zu einer Open Space Conference oder Future Search Conference treffen und dort zweieinhalb Tage über die neue Struktur diskutieren und die zukünftige Politik festlegen. Daraus sollten sich dann die entsprechend notwendigen Arbeitskreise ergeben und die notwendigen PR-Aktivitäten. Um Kosten zu sparen, bin ich gerne bereit als Trainer in einer Open Space oder Future Search Conference zu fungieren, kostenlos. Ich bin aber auch gerne bereit, notwendige Trainer bei entsprechendem Wunsch vorzuschlagen.

Wollen wir nicht völlig in Bedeutungslosigkeit versinken, sollten wir uns dringend neu organisieren.

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