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Allgemeinmedizin 10. Oktober 2006

Gruppenpraxis: Viel Lärm um nichts?

Nach jahrelangem Tauziehen liegt nun ein Rahmenvertrag für die Gruppenpraxen auf dem Tisch. Man würde schon fast an ein Wunder glauben, wüsste man nicht, dass in Österreich weniger himmlische als mehr parteipolitische Kräfte solche Dinge erst ermöglichen. Faktum ist, der Hauptverband und die Österreichische Ärztekammer haben nun ein Papier unterschrieben, das als Grundlage für Gesamtverträge zwischen den Länderärztekammern und den Sozialversicherungsträgern dienen soll. Wesentliche Details, wie zum Beispiel die Honorarfrage, sind aber noch offen und müssen erst in den Ländern verhandelt werden.

Der oberösterreichische Gruppenpraxenvertrag

In Oberösterreich wurde bereits vor Abschluss des Rahmenvertrages ein unterschriftsreifes Papier mit der Gebietskrankenkasse ausgearbeitet (siehe Kasten oben). Ein Vorpreschen, das Dr. Otto Pjeta, gleichzeitig Präsident der Ober-österreichischen und der Österreichischen Ärztekammer, sehr viel Ärger eingebracht hat. Denn in den anderen Ländern fühlt man sich dadurch im Verhandlungsspielraum eingeengt.
Besonders Dr. Artur Wechselberger, Obmann des Österreichischen Ärzteverbandes und Präsident der Tiroler Ärztekammer, hatte wegen der darin vorgesehenen Honorarabschläge und Deckelungen heftige Kritik an der oberösterreichischen Regelung geübt. "Ärzte sind Unternehmer und werden immer mehr gefordert, wirtschaftlich zu denken", betonte Wechselberger im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. "Da haben Limitierungen nichts zu suchen."
Den Rahmenvertrag zwischen Ärztekammer und Hauptverband hält er aber für "durchaus lebensfähig", da er seiner Ansicht nach viel Spielraum für die Länder beinhalte.

Kein Anlass für Euphorie

Was bringt die neue Regelung nun dem einzelnen Arzt? Viele meinen, dass es für Euphorie derzeit keinen Anlass gibt. Die Gründung einer Gruppenpraxis ist mit einem beträchtlichen Aufwand und einem nicht zu unterschätzenden Risiko verbunden. Da die OEG (Offene Erwerbsgesellschaft) als einzige Rechtsform zulässig ist, haften alle Gesellschafter - die ausnahmslos Ärzte oder Dentisten sein müssen - mit ihrem gesamten Privatvermögen solidarisch für die Schulden der Gruppenpraxis. "Man sollte die Partner daher ernsthaft prüfen, bevor man eine OEG ein-geht", warnt Wechselberger. Für wen könne man denn schon die Hand ins Feuer legen?
Weiters müsse man sich auch gut überlegen, ob sich der Aufwand lohnt. Aus reinen Kostenüberlegungen sollte man eher keine Gruppenpraxis gründen, rät auch Steuerberater Mag. Wolfgang Leonhart (siehe Kasten unten). Dazu eigne sich viel besser der Zusammenschluss zu einer Ordinations- und/oder Apparategemeinschaft, der bisher auch schon möglich war. Es sei auch nicht wirklich absehbar, ob mit einer Gruppenpraxis tatsächlich Kosten eingespart werden können. Bauliche Erfordernisse, teurere Geräte, Spezialisierungen und nicht zuletzt verlängerte Öffnungszeiten - und damit verbunden höhere Personalkosten - könnten unter Umständen sogar zusätzliche Ausgaben mit sich bringen. Besonders der im Gesetz geforderte behindertengerechte und barrierefreie Zugang zu den Gruppenpraxen wird zumeist Investitionen erfordern.

Vorteile: Mehr Flexibilität, besseres Service

Die Vorteile der Gruppenpraxis liegen vor allem in der erweiterten Vertretungsbefugnis, die den Partnern mehr Flexibilität bei der Freizeiteinteilung bietet, sowie in der Möglichkeit von Spezialisierungen. Chancen gibt es auch hinsichtlich der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie in möglichen Job-Sharing-Modellen. In Oberösterreich wurde auch ein Gruppenpraxenmodell für Nachfolgepraxen kreiert.
Die Patienten auf der anderen Seite sollen durch längere Öffnungszeiten und eine günstigere Erreichbarkeit angelockt werden. Dem Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte, Dr. Jörg Pruckner, schwebt vor allem ein besseres Service in den Bezirkshauptstädten und eine intensivere Betreuung in unterversorgten Bereichen, wie Onkologie, Palliativmedizin und Hauskrankenpflege, vor. "Sobald ich aber neue Gebiete der Medizin eröffnen möchte, werde ich Geld in die Hand nehmen müssen", fordert Pruckner mit Blick in Richtung Sparkurs der Krankenkassen und der Regierung.
Ob durch die neue Regelung nun auch tatsächlich neue Planstellen entstehen, werden erst die Verhandlungen zeigen. Kernstück wird dabei weiterhin der Bedarfsplan - gemeinsam erstellt von Kasse und Kammer - sein. Für eingesessene Ärzte solle aber keine Gefahr entstehen, sagt Pruckner. Der niedergelassene Arzt wird in der Regel weiterhin ein Einzelkämpfer bleiben. "Es ist nicht zu erwarten, dass die Gruppenpraxen in Tausenden über das Land herfallen werden", meint der Kurienobmann. Ein "Greißlersterben" von Einzelordinationen sei daher wohl nicht zu erwarten.
Auch Wechselberger glaubt nicht, dass nun die Großpraxen auf den grünen Wiesen sprießen werden. "In Tirol gibt es keine kassenärztlich so unterversorgten Gebiete", sagt er. Er erwartet daher, dass sich Gruppenpraxen eher in Ballungszentren ansiedeln werden.

Knackpunkt: Honorare

Kernpunkt der Verhandlungen in den Ländern ist jedoch die Honorarfrage. Die Sozialversicherung hatte immer reklamiert, an den
Kosteneinsparungen teilhaben zu wollen. Auch im Rahmenvertrag wird explizit darauf hingewiesen, dass Gruppenpraxen für die Krankenversicherungsträger eine "Teilhabe an wirtschaftlichen Vorteilen" bringen soll. In den Länderverträgen sei sicherzustellen, dass es zu keinen "überproportionalen Leistungsausweitungen" kommt. Neben den Kostenvorteilen seien aber auch die Nachteile zu berücksichtigen, heißt es im Paragraph 15 des Rahmenvertrages.

Offenlegung oder Tarifabschlag

Für Präsident Pjeta gibt es da nur zwei Möglichkeiten: Entweder man macht nach einem Beobachtungszeitraum einen Vergleich der realen Kosten, was sehr aufwendig sei und eine Offenlegung aller Einnahmen und Ausgaben erfordere. Oder man einigt sich im Vorhinein auf einen Tarifabschlag, der auf Erfahrungswerten beruht. In Oberösterreich hat man letzteren Weg beschritten und Abschläge zwischen 8,5 und 9,5 Prozent vereinbart.
Kurienobmann Pruckner hält zum Schutz der alteingesessenen Ärzte eine "degressive Honorierung" der Gruppenpraxen für günstig. Das bedeutet, dass es für Leistungen, die ein bestimmtes Ausmaß übersteigen, Abschläge gibt. Damit soll verhindert werden, das "Medizinfabriken" die Einzelkämpfer wegrationalisieren.
Stolz ist man in der Ärztekammer darauf, dass man die Honorarautomatik im Rahmenvertrag nicht ausgeschlossen hat, wie es der Hauptverband lange angedroht hatte. Das heißt in jenen Bundesländern, in denen eine automatische Anpassung der Honorare vorgesehen ist, soll das auch für die Gruppenpraxen gelten. Insider halten es jedoch für möglich, dass das Ministerium die Honorarautomatik noch nachträglich per Erlass ausschließen könnte.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 28/2002

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