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Allgemeinmedizin 10. Oktober 2006

Der Kampf um den Massagetisch

Heilmasseure dürfen in Zukunft auch ohne ärztliche Aufsicht tätig werden. Das ermöglicht ihnen das neue Medizinische Masseur- und Heilmasseurgesetz (MMHmG), das der Nationalrat in seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause erlassen hat.
Eine Neuregelung, die Ärztevertreter bereits vor der Beschlussfassung heftig kritisiert und bekämpft hatten. Sichtlich ohne Erfolg. Nun erwägen die Fachärzte eine Verfassungsklage und schließen auch Kampfmaßnahmen nicht aus, um so das Gesetz doch noch einer Änderung zuzuführen.

Zweistufige Ausbildung

Das neue Gesetz sieht ein zweistufiges Berufsbild vor. Die erste Stufe ist die Ausbildung zum "Medizinischen Masseur". Dafür sind 815 Stunden Theorie, 875 Stunden Praxis und eine kommissionelle Abschlussprüfung vorgesehen. Danach darf der Diplominhaber klassische und Spezialmassagen, Packungsanwendungen, sowie Thermo- und Ultraschalltherapie unter Anleitung und Aufsicht eines Arztes oder eines Angehörigen des physiotherapeutischen Dienstes durchführen.
Die zweite Stufe ist die aufbauende Ausbildung zum "Heilmasseur" (800 Ausbildungsstunden, kommissionelle Prüfung), die dann zur eigenverantwortlichen und selbstständigen Durchführung des Berufes berechtigt.
Sowohl Medizinische Masseure als auch Heilmasseure dürfen zu Heilzwecken weiterhin nur nach ärztlicher Anordnung tätig werden. Beide Berufsgruppen können auch Spezialqualifikationen zur Ausübung der Elektrotherapie sowie zur Hydro- und Balneotherapie erlangen.

"Gefährlich, fahrlässig"

Im Wegfall der ärztliche Aufsicht und Anleitung sieht Ärztekammerpräsident Dr. Otto Pjeta eine "gefährlichen Liberalisierung", die die Patientensicherheit bedrohe. Der Sprecher der österreichischen Fachärzte und Präsident der Ärztekammer für Niederösterreich, Dr. Lothar Fiedler, kritisiert, dass hier das "sorgfältige Gleichgewicht von Ausbildung, Qualität, Kompetenz und Verantwortung fahrlässig durchbrochen werde", da nur Ärzte wichtige diagnostische und therapeutische Entscheidungen treffen könnten.
Herbe Kritik der Ärzte
Pjeta sieht auch die Haftungsfrage in diesem Zusammenhang als "klärungsbedürftig": Die Heilmasseure können nicht die Verantwortung für den Erfolg der Behandlung übernehmen, da ihnen die dafür erforderlichen theoretischen und praktischen Voraussetzungen zur Diagnosestellung fehlten, betonte der Ärztekammerpräsident. Zum Handkuss könnten die Patienten kommen. 
Auch die Tatsache, dass nach dem neuen Gesetz auch Physiotherapeuten Medizinische Masseure anstellen und beaufsichtigen können, trifft auf herbe Kritik der Ärzte. Theoretisch könnten sie dies sofort nach Abschluss der Schule ohne jede Praxis machen.
Auch sonst sind einige Fragen noch ungeklärt, wie zum Beispiel jene der Bedarfsprüfung, sowie die Erfüllung von Qualitätskriterien und Ökonomieverpflichtungen gegenüber den Krankenkassen. 
Bereits im Mai hat die Bundessektion Fachärzte der österreichische Ärztekammer eine Verfassungsbeschwerde sowie Kampfmaßnahmen in Aussicht gestellt, falls das Gesetz so umgesetzt werden würde. Dabei haben sie auch die Zusage der Ärztekammer, die Ausbildung der Heilmasseure teilweise durch die Dienstgeber zu finanzieren, zumindest vorerst zurückgezogen. Womit die Finanzierung der Ausbildung derzeit ungeklärt zu sein scheint. Lesen Sie dazu die verschiedenen Standpunkte auf dieser Seite.

Mag. Andrea Fried 

Dr. Otto Pjeta, 
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Nur die umfassende ärztliche Ausbildung und Erfahrung garantiert, dass in der Praxis oftmals auftretende Veränderungen des für die Behandlung ursächlichen Krankheitsbildes während einer Therapiemassage erkannt werden, um zum Beispiel akute Lungenödeme bei Patienten mit Herzschwäche zu verhindern. Die Therapie wird durch die neue Regelung zum Blindflug für Patienten, da sie nicht wissen können, ob sie weich oder hart aufschlagen werden.

"Liberalisierung gefährdet Patientensicherheit"

Dr. Lothar Fiedler, 
Sprecher der österreichischen Fachärzte und Präsident der Ärztekammer für Niederösterreich:

Der Trend zur zunehmenden Liberalisierung und Entprofessionalisierung im Gesundheitswesen ist gefährlich und widerspricht dem Patientenbedürfnis nach Sicherheit und Behandlungsqualität.
Konkreter Anlass ist die Novelle des Heilmasseurgesetzes. Darin ist die Aufsicht von Physiotherapeuten über Medizinische Masseure und die Anstellung von Medizinischen Masseuren und Heilmasseuren durch selbständige Physiotherapeuten vorgesehen, womit die Patienten, ihre Heilungsentwicklung oder auch negative Heilungsverläufe der ärztlichen Sicherheitskontrolle und einer rechtzeitigen medizinischen Intervention entzogen werden. 
Denn Physiotherapeuten haben keine für diese wichtige Kontrollfunktion notwendige, mit Ärzten vergleichbare Ausbildung.
Doch gerade diese ist besonders wichtig, um abweichende Krankheitsverläufe, die sich während einer oft mehrere Wochen dauernden Physikalischen Therapie ergeben können, zu erkennen, zu beurteilen und darauf rechtzeitig im Interesse der Patienten zu reagieren.
Auch haben Physiotherapeuten bei weitem weniger strenge Qualitätsrichtlinien zu beachten als Ärzte oder Physikalische Institute. Damit wird das sorgfältige Gleichgewicht von Ausbildung, Qualität, Kompetenz und Verantwortung fahrlässig durchbrochen. Man übersieht, dass wichtige diagnostische und therapeutische Entscheidungen kraft Ausbildung, Erfahrung und Gesetz nur von Ärzten getroffen werden könnten.
Ich sehe darin einen kurzsichtigen Akt vorauseilenden Liberalisierungs-Gehorsams in einer Frage, wo das völlig fehl am Platz ist. 

"Rein organisatorische Frage"

Silvia Mériaux-Kratochvila
Präsidentin des Bundesverbandes der diplomierten Physiotherapeutinnen Österreichs

Ein Optimierung des Heilmasseurgesetzes war in jedem Fall zu begrüßen, denn die frühere Ausbildung war schlicht und einfach insuffizient.
Ich denke, einen Beruf zu professionalisieren ist immer etwas Positives. Es geht darum, den Heilmasseur neben dem Physiotherapeuten als Experten für Massage zu etablieren. Viele Massagetechniken sind natürlich auch im Maßnahmenspektrum der Physiotherapeuten verankert und damit Teil der physiotherapeutischen Verfahren.
Warum sich die Ärzte über die Möglichkeit der Anstellung von Heilmasseuren durch Physiotherapeuten beschweren, ist für mich nicht nachvollziehbar. Der Heilmasseur wird ja in Zukunft selbstständig berufsberechtigt sein. Eine Aufsicht ist weder durch einen Arzt noch durch den Physiotherapeuten per Gesetz vorgesehen. Der Fakt der Anstellung ist in Wirklichkeit ausschließlich eine Frage der organisationalen Form, in welcher der Beruf ausgeübt wird.
Es gab auch bisher schon Institute, die beispielsweise Architekten gehörten. Relevant ist nur, dass die gesetzlichen Vorgaben innerhalb der Leistungen für und am Patienten erbracht werden und von den dafür berechtigten Berufsangehörigen geleistet werden.
Grundsätzlich sehen wir in der Neuregelung eine tolle Chance, Anstellungsmöglichkeiten für Masseure zu erweitern und damit die Arbeitsmarktsituation für Masseure zu verbessern. 
Auch für die eine oder andere Physiotherapeutin mag es Sinn machen, jemanden anzustellen, wenn in ihrem Betrieb eine gewisse Häufigkeit an Massagen gegeben ist.
Ein Ausufern der Leistungen erwarten wir nicht, da es ohnehin einer Verordnung durch einen Arzt bedarf und Leistungen vielfach durch den Chefarzt bewilligungspflichtig sind und die Krankenkassen damit Möglichkeiten besitzen, eine übermäßige Zunahme von Massageverordnungen zu verhindern. 

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