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Allgemeinmedizin 3. Oktober 2006

Gesundheit aus dem Supermarkt?

Vergangenes Jahr hat die Teilnahme an der Vorsorgeuntersuchung wieder einen Abwärtstrend gezeigt. Sind nicht von Ärzten initiierte Angebote eine Lösung? Die Standpunkte dazu ergeben ein „Jein“ – der gemeinsame Strang, an dem alle ziehen sollten, scheint noch nicht gefunden.

Von 1990 bis 2004 gab es eine konstante Steigerung bei der Nutzung der Vorsorgeuntersuchung von 427.671 auf 929.095 Patienten. Im Vorjahr wurde wieder ein Rückgang auf 895.528 Patienten festgestellt. Dieser Wert liegt sogar unter den Zahlen von 2003. Die vielschichtigen Bemühungen, die „Vorsorgeuntersuchung Neu“ möglichst attraktiv zu gestalten, scheinen also wenig genutzt zu haben.

Vorsorgefreudige und -muffel

Laut Mag. Jan Pazourek, Pressereferent der Wiener Gebietskrankenkasse, „gehen in ganz Österreich eher jene Menschen zur Vorsorgeuntersuchung, die ohnehin in ärztlicher Behandlung sind bzw. sich stärker für Gesundheitsthemen sowie eine bewusst gesunde Lebensführung interessieren“. Auch der Allgemeinmediziner Dr. Werner Mahn, neuer Vorsitzender des Hausärzteverbandes in Oberösterreich, nimmt diesen Trend wahr: „Wir kommen beispielsweise kaum an die Zielgruppe der Männer zwischen 30 und 50 heran.“
Positiv wertet der Allgemeinmediziner, dass bei der „Vorsorgeuntersuchung Neu“ der Beratungsaspekt einen höheren Stellenwert hat als bei der alten. Das Beratungsgespräch könne nun aktiv angeboten und sowohl von Patient als auch Arzt als Chance genutzt werden.
In Wien und Oberösterreich wird, unter anderem auf Grund der jüngsten Entwicklung, derzeit ein Call- und Recallsystem getestet. Personen zwischen 40 und 60 Jahren, die über einen längeren Zeitraum keinen Arzt- oder Spitalskontakt hatten, erhalten per Post eine Einladung zur Vorsorgeuntersuchung.
Die Wiener Gebietskrankenkasse versuchte es Ende September dieses Jahres mit der Aktion „Fit in the city“ in einem großen Einkaufszentrum im 15. Bezirk. Die dort lebenden Menschen haben eine vergleichsweise geringe Lebenserwartung und einen niedrigen Einkommensindex; dazu kommt ein hoher Anteil an MigrantInnen.
Neben der Verkostung von Bio-Lebensmitteln wurden laut Einladung „Beratungen, Tests und Mitmachaktionen zum Thema Gesundheit“ angeboten. Die Chance, bei dieser Gelegenheit ganz deutlich auf die Möglichkeit sowie Chance der Vorsorgeuntersuchung hinzuweisen, ließen sich die Initiatoren nicht entgehen. „Jedes niederschwellige Beratungsangebot dieser Initiative ist zugleich ein Tor zu einem höherschwelligen, unterstützenden Angebot, zum Beispiel einer Rauchertherapie, Sportprogrammen oder der Vorsorgeuntersuchung“, heißt es in einer Medienaussendung zum Projekt.
„Grundsätzlich ist es begrüßenswert, wenn auf Gesundheitsangebote oder speziell die Vorsorgeuntersuchung in öffentlichen Räumen aufmerksam gemacht wird“, meint Mahn.
Problematisch sei allerdings der dünne Grat zwischen Informationsweitergabe und medizinischer Beratung.
„Natürlich brauchen Lebensstilthemen eine multidisziplinäre Herangehensweise“, stellt Mahn außer Frage. So könnten etwa Diätologen und Physiotherapeuten wichtige Akzente setzen bzw. Aufgaben auch eigenständig übernehmen, vor allem in Bezug auf die Vorsorge. „Für medizinische Bereiche ist aber Fachkompetenz gefragt“, so Mahn, „nämlich die eines Arztes.“
Pazourek legt Wert auf die Feststellung, dass Aktionen wie „Fit in the city“ keineswegs das Ziel hätten, „ärztliche Dienstleistungen“ zu (er-)setzen: „Wir wollen auch bei ähnlichen Veranstaltungen keine Schmalspur-Vorsorgeuntersuchung machen, das wäre völlig kontraproduktiv.“ „Fit in the city“ könne genauso wenig mit diversen Aktionen in Apotheken verglichen werden, wo bekanntlich diverse Untersuchungen inklusive Auswertung in kürzester Zeit angeboten werden.
„Wir haben die Wiener Ärzteschaft im Vorfeld informiert und somit in das Projekt eingebunden“, betont Pazourek. Die Aktion sei jedenfalls „sehr erfolgreich“ gewesen, wenn als Gradmesser der Zulauf zu den Informationsständen genommen werde. Ob dadurch mehr Personen die Vorsorgeuntersuchung nutzen, könne derzeit aber noch nicht beurteilt werden. „Zumindest gab es zu diesem Angebot zahlreiche Nachfragen“, sagt der GKK-Sprecher.

Ärzte in der Öffentlichkeit

Mahn sieht trotz dieser Beteuerungen aus Wien die Gefahr, „dass es auch bei solchen Aktionen im Detail vorwiegend um medizinische Fragen geht, derer sich dann allerdings Personen annehmen, die keine entsprechende Ausbildung und Erfahrung haben“. Er kann sich durchaus vorstellen, dass viele Ärzte interessiert wären, sich und ihre Kompetenz in solche Aktionen einzubringen. Dies treffe insbesondere auf Wahlärzte zu, für die eine Vorsorgeuntersuchung die Chance birgt, langfristige Kontakte zu Patienten aufzubauen. „Ärzte sollten ganz bewusst in die Öffentlichkeit gehen und den Kontakt zu den Menschen suchen“, regt der Allgemeinmediziner an. Es sei zu wenig, auf den Erfolg von noch so gut gemeinten Werbeaktionen zum Thema Gesundheit zu warten.
Auch der Innsbrucker Sozialmediziner Prof. Dr. Walter Kofler propagiert „eine stärkere Bezugnahme der Ärzte zum Lebensraum der Menschen“. Als „problematisch“ sieht er die Tatsache, „dass bei der Vorsorgeuntersuchung eher Erkennen und Behandeln von Krankheiten und weniger das Thema Gesundheit im Vordergrund steht.“
Und Kofler betont weiter: „Gesundheit sollte als Wert vermittelt werden, der unmittelbar mit Lebensqualität in Freizeit und Beruf zusammenhängt.“ Es sei sinnvoller, darauf hinzuweisen, dass es sich lohne, dafür zu investieren, anstatt davon zu reden, was jemand nicht soll und darf. „Mit Prävention sollten Maßnahmen verbunden werden, die primär nichts mit Kasteiung zu tun haben, sondern vor allem mit Lust am Leben, an Bewegung und gesunder Ernährung.“
Der Aktion „Fit in the city“ steht der Sozialmediziner grundsätzlich positiv gegenüber. Er kann sich aber nicht vorstellen, dass „Bestandteile der Vorsorgeuntersuchung einfach in den nächstbesten Supermarkt verlegt werden“. Sinnvoll wären vielmehr Imagekampagnen für die Gesundheit. Ein positives Beispiel dafür wäre das Projekt „Schritt ins Alter“ mit dem Ziel, dass Kinder und Jugendliche ihr Verständnis für das Alter weiterentwickeln. Ergänzend dazu setzen Firmen gezielte Maßnahmen für ältere Menschen.
Pazourek sieht vor allem bei Hausärzten großes Potenzial: „Sie können ihren besonderen Zugang zu verschiedenen sozialen Systemen nutzen.“ Über Patientinnen könnten beispielsweise andere Familienmitglieder angesprochen werden. Eine Chance zur Motivation für Vorsorgeuntersuchungen sei auch das Engagement von Ärzten in den „Gesunden Gemeinden“. In diesem Rahmen könnten sie sich als „kompetente Partner für Gesundheitsfragen“ positionieren.

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