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Allgemeinmedizin 27. September 2006

Abwarten kann Antibiotikaverbrauch reduzieren

Entscheiden Eltern selbst, ob ihr Kind ein Antibiotikum benötigt, sinkt der Verbrauch dieser Medikamente, ohne dass die Komplikationsrate steigt.

Akute Otitis media ist bei Kindern der häufigste Grund für Antibiotikaverschreibungen. Allein in den USA werden dafür jedes Jahr geschätzte 15 Millionen Rezepte ausgestellt. Unbehandelt heilt die akute Mittelohrentzündung oft von selbst aus, die Komplikationsraten sind mit und ohne bakterizide Medikamente gleich hoch. Antibiotikaresistenzen sind weltweit ein wachsendes Gesundheitsproblem, und sie werden mit dem zu großzügigen Gebrauch dieser Arzneimittel in Verbindung gebracht. Das sind die Hintergrundinformationen eines vor kurzem im Journal of the American Medical Association JAMA erschienen Berichts (2006; 296: 1235-1241). Kern des Artikels ist jedoch die Studie einer Ärztegruppe um Dr. David M. Spiro von der Pädiatrischen Abteilung der Yale University School of Medicine im US-amerikanischen New Haven. Der Kinderarzt wollte mit seiner Forschertruppe herausfinden, ob Eventualrezepte den Verbrauch der Bakterizide gegenüber sofort einzulösenden Verschreibungen signifikant reduzieren könnten und ob das Zuwarten die klinischen Symptome und das Kompli­kationsrisiko beeinflusse.

Akute Mittelohrentzündungen sind meist selbstlimitierend

283 Kinder im Alter von sechs Monaten bis 12 Jahren, die zwischen Juli 2004 und Juli 2005 mit akuter Otitis media in die Notfallambulanz kamen, wurden randomisiert entweder der Gruppe zugeteilt, die ein Eventualrezept erhielt, oder der Gruppe, die eine Standardverschreibung bekam. Allen Patienten wurden Ibuprofen und schmerzlindernde Ohrentropfen nach Hause mitgegeben. Das Ergebnis war ein geringerer Antibiotikaverbrauch. Denn im Vergleich zur Standard-Gruppe lösten aus der Eventualrezept-Gruppe bedeutend mehr Eltern die Verschreibung gar nicht ein (13 vs. 62 Prozent). Was Fieber oder Ohrenschmerzen anlangt, so traten diese Symptome bei den Kindern ohne Antibiotika nicht statistisch häufiger auf als bei jenen der Kontrollgruppe. Wurde das Eventualrezept doch eingelöst, so gaben die Eltern als Grund Fieber (60 Prozent), Ohrenweh (34 Prozent) und Weinerlichkeit (sechs Prozent) an. Es kam zu keinen ernsthaften Komplikationen. „Eventualrezepte könnten einen Kreislauf aus Antibiotikaverschreibungen, der Erwartung der Eltern, Mittelohrentzündungen sofort mit antibakteriellen Medikamenten zu behandeln und weiteren Arztbesuchen unterbrechen“, so Spiro. „Die möglichen Nebenwirkungen von Antibiotika – einschließlich gastrointestinaler Beschwerden und allergischer Reaktionen – sowie die zunehmenden Resistenzen gegenüber bakteriellen Pathogenen müssen gegen ihren Nutzen bei einer meist selbstlimitierenden Krankheit abgewogen werden. Das routinemäßige Eventualrezept für akute Otitis media würde Kosten und Risiken senken.“ Im Editorial der Zeitschrift (JAMA 2006; 296: 1290-1291) werden allerdings Bedenken angebracht, dass besonders schwer erkrankte Kinder möglicherweise aus der Studie ausgeschlossen waren. Auch sollte, so der Herausgeberbrief, nur dann mit Antibiotika zugewartet werden, wenn das Kind keine systemische Erkrankung habe und keine anderen Krankheitszeichen aufweise.

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