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Allgemeinmedizin 4. Oktober 2006

Wissen, woran der Patient glaubt

Am 24. September hat der Ramadan begonnen. Doch nicht nur das sollten Ärzte berücksichtigen, wenn sie Menschen muslimischen Glaubens behandeln. So schätzen muslimische Eltern die körperlichen und seelischen Beschwerden ihrer Kinder meist ganz anders ein als hier zu Lande üblich.

In manchen Hausarztordinationen machen Muslime bis zu 30 Prozent der Patienten aus. Nicht immer klappt die Verständigung reibungslos. „Sprachbarrieren, aber auch die unterschiedlichen Weltbilder und Wertvorstellungen können in der Praxis ein breites Spektrum an Verständigungsproblemen und Interessenkonflikten schaffen“, beschreibt der Arzt und Philosoph Prof. Ilhan Ilkilic von der Universität Mainz das Problem.
Ein ethisch vertretbarer Umgang mit solchen Konflikten erfordere nicht nur ein Grundwissen über fremde Wertvorstellungen, sondern Ärzte müssten diese auch einschätzen, konkretisieren und bewerten können, so Ilkilic beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin in Mainz.
Im Verhältnis zwischen einheimischen Ärzten und Muslimen, etwa muslimischen Eltern kranker Kinder, sieht Ilkilic Probleme auf sprachlicher, religiöser und sittlicher Ebene.
Selbst wenn ein Dolmetscher beim Gespräch anwesend ist, stellt sich die Frage nach dessen Neutralität. Oft springt ein Familienmitglied oder ein Nachbar der Patienten ein. „Aus medizinethischer Perspektive ist das problematisch“, sagte Ilkilic. Allzu leicht wird dann die Schweigepflicht des Arztes oder die Intimsphäre der Patienten verletzt. Außerdem gibt es andere Probleme – so würde kein türkischer Mann über seine Potenzprobleme sprechen, wenn sein Sohn als Übersetzer fungiert. Aber auch Aussagen des Arztes könnten manipuliert werden. Manchmal geben sie Diagnosen nicht an die Patienten weiter, um sie zu schonen.
Für religiöse Muslime ist es zum Beispiel unvorstellbar, einem Herzklappenimplantat vom Schwein zuzustimmen. Die Medikation muss alkoholfrei sein. Das Schamgefühl gebietet es, dass Frauen und Mädchen von einer Ärztin oder einer Krankenschwester untersucht werden. Am 24. September hat der Ramadan begonnen – auch darauf müssen Ärzte Rücksicht nehmen, etwa bei der Medikation.

Andere Auffassungen

Muslimische Eltern schätzen somatische und psychosomatische Beschwerden ihrer Kinder anders ein als deutsche. Lernschwierigkeiten und Depressionen werden eher verdrängt oder vehement abgelehnt mit dem Argument: „Das liegt in der Familie.“ Nach den Worten von Ilkilic spielt auch eine Rolle, dass es zum Beispiel in der Türkei sehr viele Eheschließungen innerhalb der Verwandtschaft gibt, was die Zahl von Erbkrankheiten signifikant erhöht.
Ilkilic kritisiert die mangelnde Einsicht in notwendige Prävention oder Impfungen bei vielen Muslimen. Die Überzeugung „Man geht erst zum Arzt, wenn man krank ist“ sei gerade unter Muslimen verbreitet. Pädiater sollten deshalb unbedingt auf Einhaltung der im Mutter-Kind-Pass vorgeschriebenen Untersuchungen bestehen.
Das Körpergewicht wird von Muslimen anders beurteilt. Nach dem Motto „Dick ist gesund, weil wohlhabend“ wird ein adipöses Kind oft wohlwollend betrachtet. Sind die Kinder chronisch krank, wird nicht etwa das eigene Verhalten in Frage gestellt, sondern die kurative Fähigkeit des Arztes.
Die im Islam zulässige Güter­abwägung zwischen religiösem Gewissen und dem Wohl des Kindes sei Eltern oft nicht bekannt, so der Pädiater. Abgesehen von gesetzlichen Regelungen in muslimischen Ländern, erlauben manche religiösen Rechtsschulen den Schwangerschaftsabbruch aus medizinischer Indikation.
Um Gewissenskonflikte zu lösen, ist nach der Erfahrung von Ilkilic daher in der Beratung eine Integration von medizinischer und theologischer Aufklärung immens wichtig.

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