zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 3. Oktober 2006

Neue britische Leitlinien: Betablocker bedingt „out“

In Großbritannien hat die Gesundheitsbehörde nun gemeinsam mit der britischen Hypertonie-Gesellschaft die Hypertonie-Leitlinien aktualisiert. Zentraler Punkt: Betablocker verlieren ihren Status als First-line-Option bei unkomplizierter Hypertonie.

Wenn Fachgesellschaften zu einer außerplanmäßigen Revision ihrer Therapieempfehlungen schreiten, müssen besondere Gründe im Spiel sein. Es war eine Neubewertung mit Ankündigung. Schon bei der Präsentation der Hauptergebnisse der ASCOT-Studie im letzten Jahr unkte der Londoner Studienleiter Prof. Dr. Peter Sever, dass die Daten dieser Studie sicher nicht ohne Auswirkungen auf die britischen Hypertonie-Leitlinien bleiben dürften. Er sollte Recht behalten.
Zur Erinnerung: In ASCOT sind bei 19.257 Hypertonikern mit mindestens drei weiteren kardiovaskulären Risikofaktoren zwei antihypertensive Therapieregime ver-glichen worden. Basis bildeten der Kalziumantagonist Amlodipin oder der Betablocker Atenolol. Um den Zielblutdruck zu erreichen, konnte Amlodipin mit dem ACE-Hemmer Perindopril und Atenolol mit dem Thiaziddiuretikum Bendroflumethiazid kombiniert werden.
Aufgrund der Überlegenheit der Amlodipin-gestützten Therapie, die in fast allen Studienendpunkten zum Ausdruck kam, wurde die ASCOT-Studie vorzeitig beendet. Spätestens da sahen die Verantwortlichen in Großbritannien die Zeit für gekommen, die Position der Betablocker zu überdenken.
Diskussionen über die Effizienz von Betablockern bei Bluthochdruck gibt es nicht erst seit ASCOT. Schon 1998 gelangte eine Gruppe um den Hypertonie-Forscher Prof. Dr. Franz Messerli in ihrer Metaanalyse zu dem Schluss, dass Betablocker nicht als geeignete Substanzen für die Ersttherapie bei ältereren Hypertonikern in Betracht kommen sollten. Nachfolgende Metaanalysen bescheinigten den Betablockern ebenfalls eine relative Ineffizienz im Vergleich zu anderen Wirkstoffklassen.
Die von der britischen Gesundheitsbehörde NICE (National Institute of Health and Clinial Excellence) mit der Erstellung der neuen Hypertonie-Leitlinien beauftragte Expertengruppe hat nun eine eigene Auswertung der zum Zeitpunkt Dezember 2005 verfügbaren Literaturdaten vorgenommen. Für diese Metaanalyse wurden nur Stu­dien herangezogen, in denen Antihypertensiva unterschiedlichen Typs einem direkten Vergleich unterzogen wurden.
Insgesamt 20 Studien genügten den Einschlusskriterien, von denen vier – darunter ASCOT – bei der Abfassung der letzten, im Jahr 2004 veröffentlichten Leitlinien noch nicht vorlagen. Erstmals wurde auch eine gesundheitsökonomische Modellanalyse zur Kosten-Effektivität diverser Antihypertensiva berücksichtigt. Zudem haben auch pathophysiologische Aspekte, etwa Überlegungen zum Einfluss von Alter und ethnischer Abstammung auf den Renin-Status, die Festlegung der Leitlinien beeinflusst.
Nach Begutachtung aller relevanten Informationen schlossen sich auch die britischen Leitlinien-Entwickler dem Urteil an, dass die Betablocker vor allem in der Schlaganfall-Prävention im Vergleich zu anderen Optionen geringer effizient sind. Erschwerend komme hinzu, dass die Substanzen das Risiko für das Auftreten von Diabetes mellitus erhöhen.

Neue First-line-Optionen

Am besten schneiden in der Gesamtbewertung Kalziumantagonisten und Thiaziddiuretika ab, die nun für die meisten Patienten als geeignete First-line-Optionen empfohlen werden. Obwohl Kalziuman­tagonisten bei der gesundheitsökonomischen Analyse etwas besser als die Thiazide abschnitten, werden beide Antihypertensiva angesichts noch bestehender analytischer Unsicherheiten als äquivalent eingestuft. Die Wahl zwischen beiden sollen nun die britischen Ärzte nach klinischen Erwägungen treffen. Für Betablocker bleiben in den neuen britischen Leitlinien zumindest bei Hypertonie allenfalls Indikations-Nischen übrig. Aus pragmatischen Erwägungen wird ihnen bei jüngeren Hypertonikern ein gewisser Nutzen zugute gehalten, etwa dann, wenn Anzeichen für eine erhöhte Sympathikus-Aktivität, etwa Tachykardie, bestehen oder die in dieser Altersklasse favorisierten ACE-Hemmer und Sartane kontraindiziert sind.
Unangetastet von der vorgenommenen Revision bleibt allerdings der Stellenwert der Betablocker bei anderen „zwingenden Indikationen“. So wird großer Wert auf die Feststellung gelegt, dass Betablocker sowohl in der Sekundärprävention bei koronarer Herzerkrankung als auch bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz unangefochten von hohem Nutzen sind.
Die britischen Experten haben mit ihrer Leitlinien-Aktualisierung ein Zeichen gesetzt, das andere nationale Fachgesellschaften nicht ignorieren können. Auch sie werden um eine neuerliche Befassung mit den Betablockern nicht umhinkommen.

 Die neuen britischen Hypertonie-Leitlinien

 Kommentar Prof. Dr. Jörg Slany

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben