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Allgemeinmedizin 26. September 2006

Kodierung von Leistungen nur gegen Honorar

Geht es nach den Plänen von Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat, dann sollen auch Leistungen im extramuralen Bereich lieber gestern als heute per Kodierung à la ICD 10 erfasst werden. Doch die niedergelassenen Ärzte können sich das unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen nicht vorstellen.

Ein Kernstück des Österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG) ist die Frage, welche Leistungen im intra- und welche im extramuralen Bereich derzeit und künftig angeboten werden. „Erstmals gibt es in Österreich eine integrierte Leistungsplanung. Ziel ist eine wohnortnahe und qualitätsbasierte Leistungserbringung im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten“, erklärt dazu Rauch-Kallat.

Unverzichtbar für Planung

Mit der Leistungsorientierten Krankenhausfinanzierung (LKF) sei bereits ein wichtiger Schritt in dieser Richtung erfolgt, nun gehe es um den „ambulanten Bereich“. Rauch-Kallat meint damit sowohl Spitalsambulanzen als auch niedergelassene Allgemeinmediziner und Fachärzte. „Unverzichtbare Vorraussetzung für eine gute Planung von Gesundheitsleistungen ist eine gute Datenbasis“, unterstreicht die Gesundheitsministerin. Vor allem durch die Erhebung mittels ICD 10 gebe es solche Daten für den Spitalsbereich, aber noch nicht für den „ambulanten“ Sektor. Seit längerem agiert eine Arbeitsgruppe der Bundesgesundheitsagentur, in der Bund, Länder, Hauptverband, Ärztekammer und das ÖBIG (Österreichisches Bundesinstitut für Gesundheitswesen) eingebunden sind. Dieses Team überlegt, wie sich die ICD 10-Kodierung für den „ambulanten“ Bereich „übersetzen“ lässt. Im ersten Schritt steht die Tätigkeit der Fachärzte auf der Agenda. Dazu gab es bereits Pilotprojekte, z.B. für die Augenheilkunde in Tirol. In Oberösterreich und Salzburg stießen geplante Testläufe auf Widerstand seitens der Standesvertretung. Nunmehr ist ein Projekt in Niederösterreich geplant, in das unter anderen der Spitalsträger NÖGUS und der Hauptverband eingebunden wären. „Die Kodierung und die daraus resultierende Erhebung von Leistungen im ambulanten Bereich soll möglichst einfach funktionieren und kompatibel mit dem Alltag der Handelnden sein“, betont Rauch-Kallat. Sie wünscht sich eine möglichst rasche Umsetzung. Von Seiten der Ärztekammer werden starke Vorbehalte gegen diese Pläne signalisiert. Dazu Dr. Jörg Pruckner, Obmann der Kurie der niedergelassenen Ärzte auf Bundesebene: „Eine weitere administrative oder bürokratische Belastung der niedergelassenen Ärzte ist unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen keinesfalls vorstellbar! Das hat auch die Kurie in ihrer letzten Sitzung einhellig festgestellt. Das Gesundheitsministerium kann nicht so tun, als wären wir Ärzte Angestellte, die bestimmte Änderungen oder neue Rahmenbedingungen ohne Kommentar übernehmen müssen.“

Reform kostet Ärzten Geld

Pruckner verweist auf eine aktuelle Erhebung, die aufzeigt, dass seit Beginn der Umsetzung der Gesundheitsreform niedergelassene Ärzte im Durchschnitt 70 Stunden pro Jahr mehr arbeiten müssen – zu denselben Konditionen wie bisher. Dadurch würden diese etwa 17 Prozent weniger jährlich verdienen. Rauch-Kallat beharrt auf der „Notwendigkeit der Erarbeitung einer soliden Datenbasis“ und wünscht sich konstruktive Verhandlungen mit der Ärzteschaft. Deren Vertreter würden auch immer wieder betonen, wie wichtig es wäre, Leistungen aus dem Spitalsbereich auszulagern. „Das ist ein wichtiges Ziel des ÖSG, das aber nur gemeinsam erreicht werden kann“, betont die Ministerin. Im Bereich von ABS und EKO gäbe es, so Pruckner, derzeit kon-struktive Verhandlungen mit Ministerium und Hauptverband. Hier können die Problembereiche vermutlich bereinigt werden. Als Vorraussetzung für Verhandlungen über ein Kodierungs-System fordert Pruckner eine massive Veränderung der Rahmenbedingungen, vor allem auch in finanzieller Hinsicht. Er erinnert daran, dass viele Ressourcen von Spitalsärzten durch bürokratische Tätigkeiten im Zusammenhang mit der leistungsorientierten Abrechnung gebun-den seien und es auch dadurch zu ständigen Überschreitungen des Arbeitszeitgesetzes komme.

Forderung für Niedergelassene

Bei der Auswahl des Systems wollen die Ärzte ein gehöriges Wörtchen mitreden. „Wenn es überhaupt zu einer Kodierung für niedergelassene Ärzte kommen soll, dann ist vor allem für die Allgemeinmedizin die Frage zu klären, welches System brauchbar wäre“, gibt Pruckner zu bedenken. Es könne nicht einfach ein nur marginal verändertes System des Spitalsbereichs übernommen werden. Pruckner spricht damit ein Projekt der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM) an, das seit einigen Jahren zur Diskussion steht. Die WONCA, die Weltorganisation der niedergelassenen Allgemeinmediziner, hat den ICPC2-Code entwickelt, der inzwischen auch von der Weltgesundheitsorganisation WHO anerkannt wird. Dieses Kodierungs-System wurde vor zwei Jahren von der ÖGAM gemeinsam mit den Gesellschaften aus der Schweiz und Deutschland übersetzt bzw. hinsichtlich regionaler Gegebenheiten ergänzt. „Damit können sowohl die Gründe für den Kontakt zum Arzt, die Diagnose bzw. medizinische Probleme sowie die gesetzten Maßnahmen erhoben werden“, erklärt Dr. Reinhold Glehr, Allgemeinmediziner in Hartberg und Referent für Qualitätssicherung der ÖGAM. Dies sei ein wichtiger Beitrag zur Qualitätssicherung bzw. zum Evidenz-basierten Arbeiten in den Ordinationen. Der ICPC2 habe den großen Vorteil, dass auch die Diagnoseunsicherheit, die es im niedergelassenen Bereich insbesondere zu Beginn einer Exploration gebe, Platz findet. „Dies hat – wie auch jüngste OGH-Urteile zeigen – juristische Relevanz“, betont Glehr. „Ein bestimmtes Symptom kann verschiedene Ursachen haben, erst retrospektiv ist alles klar.“

ICPC 2 wird favorisiert

Aus Sicht der ÖGAM hat die Kodierung mit ICPC 2 ein Höchstmaß an Praktikabilität. Dies bestätigen auch die Erfahrungen eines seit zwei Jahren laufenden Pilotprojektes. Wissenschaftlich begleitet vom Institut für Epidemiologie der Universität Wien sind über 100 niedergelassene Allgemeinmediziner in ganz Österreich eingebunden und testen eine elektronische Variante der Kodierung. „Wenn eine Kodierung für den niedergelassenen Bereich kommt – und daran lässt die Gesundheitsministerin ja keinen Zweifel –, dann sollte zumindest mit den Anwendern die beste Variante überlegt werden“, unterstreicht Glehr. Ein neues System dürfe nicht mit Gewalt von oben verordnet werden, außerdem müsse eine Entschädigung der dafür aufgewendeten Zeit erfolgen. Aus dem stationären Bereich wisse man, dass die Kodierungsarbeit ein „durchaus relevanter Zeiträuber“ sei.

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