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Allgemeinmedizin 2. Oktober 2006

Abschied vom Arzt als Paternalisten

Wie sieht der Arzt der Zukunft aus? Ist er wissender Heiler oder mehr suchender Forscher, mehr Beschützer oder Berater? Wie viel Autorität braucht er, wie viel Mitbestimmung wollen seine Patienten? Die Wandlungen des Arztberufes in der Informationsgesellschaft standen als ein zentrales Thema bei den diesjährigen Gesundheitsgesprächen im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach zur Diskussion.

Wollen Patienten mitentscheiden?

"Wie geht es uns denn heute?" Dieser "Pluralis hospitalis", wie ihn die Wiener Linguistin Prof. Dr. Ruth Wodak nennt, genießt heute noch weite Verbreitung. Er sei jedoch ein Zeichen für mangelnden Respekt vor dem Kranken, meint die Sprachwissenschafterin.
"Unsere Patienten, und vor allem jene der Zukunft, sind mit einem demokratischeren Verständnis aufgewachsen", meint auch die ehemalige Kärntner Patientenanwältin DDr. Doris Lakomy. "Sie möchten als Gesprächspartner akzeptiert werden und sind immer weniger bereit, in die Rolle des passiven Kranken zu schlüpfen."
Eine Meinung, die Prof. Dr. Dieter K. Hossfeld, Vorstand der Abteilung für Onkologie und Hämatologie an der Universität Hamburg, aufgrund seiner mehr als 30-jährigen Erfahrung nicht teilen möchten: "Ich bin überzeugt, dass die Mehrheit der Patienten nach einer autoritären Entscheidung verlangt." Wenn schon der Arzt oft nicht sicher sein könne, welche Therapie für den einzelnen Patienten die richtige sei, so könne dies der Patient umso weniger sein. "Nur eine verschwindende Minderheit kann das, denn in der Regel fehlt den Patienten das Grundwissen", sagt Hossfeld.
Eine Ansicht, der auch Lakomy bedingt zustimmen kann: "Es gibt tatsächlich Patienten, die nicht in die Entscheidung mit eingebunden werden wollen. Das sind vor allem ältere, multimorbide und solche im ländlichen Raum." Die Aufgabe des Arztes werde damit um eine pädagogische Dimension erweitert: Er müsse sich einfühlen in die Bedürfnisse desjenigen, der vor ihm sitzt, und den entsprechenden Zugang wählen. Der Arzt dürfe auch nicht vergessen, dass Patienten mit Leidensdruck, Angst und Schmerzen eine beeinträchtigte kognitive Wahrnehmung haben. Nicht nur Erklären, sondern auch Zuhören sei daher besonders wichtig. Dies erfordere zweifelsohne viel Zeit, die auch honoriert werden müsse, betonte Lakomy. Sie sieht darin eine Investition, die sich lohnt. Denn "wenn der Arzt am Patienten vorbeiredet, dann hat der Patient am Arzt vorbeigelitten", meinte sie pointiert.

Jungmediziner ihrer Aufgabe oft nicht gewachsen

Heftige Kritik äußerte Prof. Dr. Hildegunde Piza, Vorstand der Klinik für Plastische und Wiederherstellungschirurgie der Universität Innsbruck. "Mediziner am Ende des Studiums sind häufig ihrer Aufgabe nicht gewachsen", betonte sie. "Der Arzt ist kein Tischler. Seine Aufgabe ist der Dienst am Mitmenschen. Viele junge Mediziner üben jedoch maximal den Beruf des Gesundheitstechnikers aus." Das Vertrauen der Patienten müsse erst erworben werden, durch fundiertes Wissen sowie menschliche Zuwendung und Hilfe zu jeder Zeit. Pizas Nachsatz: "Auch wenn es dabei Kollisionen mit dem Arbeitszeitgesetz gibt." Die menschliche Komponente sei ihrer Ansicht nach durchaus lernbar, es bedürfe dazu nur engagierter Schüler und guter Lehrer, die klare Positionen beziehen.

Kein Ort des Dialogs 

"Das Krankenhaus ist kein Ort für partnerschaftliche Gespräche", konstatierte Ulrike Toellner-Bauer, Leiterin des Referates für Qualitätsmanagement am Uniklinikum Köln. "In einer Visitenzeit von durchschnittlich drei Minuten pro Patient kann keine Kommunikation stattfinden." Auch die Erwartungen gingen oft auseinander: Während der Patient in erster Linie wissen möchte, wie es mit ihm weitergehe, erklären Ärzte ihm nicht selten den Operationsverlauf im Detail und wollen Anerkennung für ihre Kunst, zitierte Toellner-Bauer die Ergebnisse einer Untersuchung an der Uniklinik Köln. Es sei dringend notwendig, eine Kultur des Dialogs zu entwickeln - mit Kommunikationsräumen, der Abstimmung von Dienstzeiten und Besuchszeiten sowie einer stärkeren Einbeziehung der Pflegepersonen.
"Das Arztbild der Zukunft ist in höchstem Maße spekulativ", sagte Prof. Dr. Christoph Fuchs, Hauptgeschäftsführer der Bundesärztekammer und des Deutschen Ärztetages. Für ihn stehe aber außer Zweifel, dass die Patienten kompetenter werden und zunehmend mitentscheiden wollen. Nicht selten kommen sie mit Ordnern voll Informationen, sei es aus Zeitung, Fernsehen oder Internet, in die Arztpraxis. "Der Arzt verliert sein Wissensmonopol", diagnostiziert Fuchs. Dies bedeute einen Wandel des Berufsverständnisses: vom Heiler und Macher hin zum Steuermann und Lotsen - also der Abschied vom Paternalisten.
Die Arzt-Patienten-Beziehung sollte, so Fuchs, zunehmend durch die Vereinbarung von individuellen Gesundheitszielen und dem Gedanken des "Empowerments" (Hilfe zur Selbsthilfe) geprägt sein und sich um folgende vier Fragen drehen: 

  • Was will der Patient?
  • Was braucht der Patient?
  • Wie kann der Patient in den Behandlungsprozess einbezogen werden?
  • Wie kann ich den Patienten dabei unterstützen?

Dies erfordere vom Arzt eine hohe kommunikative Kompetenz und eine Vernetzung mit anderen Fach- und Berufsgruppen. "Das Paradigma des 21. Jahrhunderts ist das Netz", sagte Fuchs. Und damit ist nicht nur das Internet gemeint.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 30/2002

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