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Allgemeinmedizin 2. Oktober 2006

Chronisch schlecht versorgt

Kritisch und zugleich besorgt. Mit diesem Grundtenor beleuchteten die Österreichische Gesellschaft für Rheumatologie und die Österreichische Rheumaliga ein viel zu wenig beachtetes Problem des heimischen Gesundheitswesens: die Versorgung von "Rheuma-Patienten".
Zu wenige Fachärzte, zu viele Fehldiagnosen von Nicht-Rheumatologen, erschwerter Zugang zu innovativen Medikamenten und Informationsdefizite. Diese Mankos wurden zum Internationalen Rheumatag am 12. Oktober 2002 bei einer Pressekonferenz auf den Tisch der Öffentlichkeit gelegt unter dem Motto: "Österreichs zwei Millionen Rheumakranke fordern Abhilfe!"

Kritische Versorgungssituation

"Österreichs Rheumakranke stehen vor einer kritischen Versorgungssituation", sagte Prof. Dr. Hans Bröll, 2. Med. Abt. am Kaiser-Franz-Josef-Spital der Stadt Wien. Exakt 172 ausgebildete Fachärzte für Rheumatologie stehen ca. zwei Millionen PatientInnen gegenüber, die an einer der rund 450 Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises leiden. "Selbst wenn man nur die schwersten Fälle herausgreift, bleibt ein enormes Ungleichgewicht bestehen."
Warum dieser Engpass in der fachärztlichen Versorgung? Bröll sieht dafür mehrer Gründe: Erstens gibt es den Additivfacharzt für Rheumatologie in Österreich erst seit zehn Jahren - "nach Albanien", wie mehrfach betont wurde; daraus resultiert ein Defizit bei Ausbildungsstellen. Zweitens können niedergelassene Rheumatologen keine ausschließlich ihrem Fach vorbehaltenen Positionen mit den Sozialversicherungen abrechnen. Und drittens leisten mitunter sogar die Ärztekammer oder Ärzte anderer Fachrichtungen Widerstand, wenn es um die Versorgung im niedergelassenen Bereich geht.
Konkret berichtete Bröll über einen solchen "Verhinderungsfall" im Burgenland, wo es weder einen praktizierenden rheumatologischen Facharzt noch eine Rheumaambulanz gibt. Dort wurde ein niederlassungswilliger Rheumatologe aus den eigenen Reihen boykottiert. Auch in Vorarlberg gibt es erst seit kurzem die erste Ambulanz. Wohin also soll der Patient sich unter diesen Voraussetzungen wenden?

Das "Los" trifft die Allgemeinmediziner, deren rheumatologische Kompetenz allerdings sehr zu wünschen übrig lässt. Was ihnen niemand ernsthaft vorwirft, geht es in der Rheumatologie doch um die Differenzierung von etwa 450 möglichen Diagnosen. Zu einer profunden Basisdiagnostik gehören "eine ordentliche Anamnese und eine klinische Untersuchung", so Bröll. Bildgebende Verfahren, Laborparameter und immunologische Tests seien für eine weiterführende Abklärung von Nutzen.
Nach den Defiziten in der Basisversorgung findet die Liste der Mankos ihre Fortsetzung im fachärztlichen Bereich. "Von den 172 Additivfachärzten für Rheumatologie muss man etwa die Hälfte wegrechnen, da ein großer Teil davon nicht in der Rheumatologie tätig ist", bedauert Bröll. "Was bleibt, sind etwa 85 Fachärzte, die ganz Österreich versorgen sollen." Davon ist der Großteil in Wien angesiedelt, viele Bundesländer müssen sich mit zwei bis fünf Fachärzten zufrieden geben. An den wenigen Spezialambulanzen entstehen monatelange Wartezeiten.

Was also fordert die Gesellschaft für Rheumatologie? Zum einen sollte die Ärzteausbildung so modifiziert werden, dass für das Additivfach unabhängig vom Hauptfach der gleiche Ausbildungskatalog gilt. Mehr Verständnis für die Problematik und mehr Unterstützung für niederlassungswillige Rheumatologen von Seiten der Standesvertretung sei wünschenswert. Und an die Adresse der Gesundheitspolitiker geht das dritte Anliegen: Mehr Möglichkeiten, im Sinne der Prävention eine Bewusst-seinsbildung in der Bevölkerung zu bewirken.
"Diese erschreckende Situation führt dazu, dass viele nicht oder nur ungenügend behandelt werden", berichtete Doz. Dr. Attila Dunky, Leiter der 5. Med. Abt. am Wilhelminenspital Wien. Einige Gründe dafür habe eine europäische Umfrage der Arthritis Action Group (AAG), einer interdisziplinären Gruppe von Arthrose-Spezialisten, erhoben (siehe Kasten). "Der dabei festgestellte Mangel an Bewusstsein und Wissen um die Erkrankung ist äußerst bedenklich", bedauerte Dunky.

Erfahrungen einer Patientin

Eine, die diesen Mangel am eigenen Leib erfahren musste, ist Daniela Loisl, die seit 16 Jahren an chronischer Polyarthritis leidet. Sie ist Präsidentin der Österreichischen Rheumaliga (ÖRL) und hat mehrere Selbsthilfegruppen ins Leben gerufen (siehe Beitrag unten). Fünf Jahre hat es bei ihr gedauert, bis eine kompetente Behandlung erfolgte. "Ein Anliegen der Rheumaliga ist, der Gesellschaft und der Politik die drastischen Konsequenzen der Rheumaerkrankungen vor Augen zu führen", so die Präsidentin. "Aus unterschiedlichen Gründen wird Rheuma in Österreich traditionell verharmlost. Hinter den Erkrankungen steckt aber großes menschliches Leid und ein hohes Sterblichkeitsrisiko. Auch die finanziellen Auswirkungen auf den Staatshaushalt durch zwei Millionen Rheumakranke sind enorm und bergen Sparpotenzial."
Ärzte- und Patientenvertreter betonten beim Pressegespräch zwei Kernaspekte: die "echte" Partnerschaft von Arzt und Rheuma-Patient und das "ganzheitliche" Management rheumatologischer Erkrankungen. Dies gelte sowohl in medizinischer Hinsicht wie auch für die Zusammenarbeit der involvierten Gesundheitsberufe. "Echte Partnerschaft bedeutet, offen über Behandlungsalternativen, Vor- und mögliche Nachteile zu sprechen", so Dunky. Nur so ließe sich die individuell beste Therapie finden.
Ein Hindernis dabei stellt auch die restriktive Kassenpolitik dar. Dunky: "Häufig haben von schwersten Erkrankungsbildern betroffene Patienten keinen Zugang zu modernen Medikamenten." Nebenwirkungsarme Alternativen zu den klassischen NSAR, z.B. die selektiven COX-2-Hemmer, würden von den Kassen nur unter strengen Auflagen bewilligt. Ebenso werde der Zugang zu den neuen gentechnisch hergestellten Antikörpern erschwert.
Diese Situation führt beispielsweise dazu, dass weniger als ein Viertel der an chronischer Polyarthritis Erkrankten die erforderliche Basistherapie erhalten. Der Rest (77%!) lebt nur mit Schmerzmitteln und Kortisonpräparaten, was zur Folge hat, dass Gelenksverformung und Bewegungseinschränkung sehr viel früher eintreten als beim basistherapierten Patienten. Bröll: "Diese ungenügend behandelten Patienten verursachen letztlich wesentlich mehr volkswirtschaftliche Kosten, auch wenn es zunächst vielleicht Kosten für Basismedikamente spart." 

Herbert Hauser  

Rheuma: Traditionell verharmlost

Ergänzung zur ärztlichen Versorgung: die Österreichische Rheumaliga

Auf der einen Seite stehen die Mankos in der medizinischen Versorgung von Rheuma-Patienten. Auf der anderen Seite haben sich Betroffene gefunden und ein mittlerweile ansehnliches und kompetentes Angebot geschaffen. Die Österreichische Rheumaliga (ÖRL) versteht sich als Plattform zwischen Arzt und Patient. Ziel ist es, Patienten zu informieren, zu beraten und sie an Fachärzte zu vermitteln.
In der Non-Profit-Organisation arbeiten der gesamte Vorstand sowie alle freiwilligen Funktionäre und Helfer ehrenamtlich. Derzeit gibt es Landesgruppen in Wien, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark und Vorarlberg sowie eine Vielzahl von lokalen und regionalen Selbsthilfegruppen.
Seit April 2002 fungiert Daniela Loisl als Präsidentin. In der Öffentlichkeit möchte die ÖRL vor allem den Irrtum ausräumen, dass rheumatische Erkrankungen vorwiegend im Pensionsalter auftreten. Immer öfter wird diese Diagnose auch bei Kindern, Jugendlichen und vor allem berufsfähigen Menschen gestellt. "Aus unterschiedlichen Gründen wird Rheuma in Österreich traditionell verharmlost. Neben dem Leid der Betroffenen sind auch die finanziellen Auswirkungen auf den Staatshaushalt nicht zu unterschätzen." Das Sparpotenzial könne aber nur dann genutzt werden, wenn die gesundheitspolitische Tragweite anerkannt und an den richtigen Punkten angesetzt werde: einer korrekten, rechtzeitigen medizinischen Grundversorgung für Rheumakranke.
Seit vergangener Woche gibt es eine neue Hotline der Rheumaliga für Patienten mit rheumatoider Arthritis: unter der Telefonnummer 0800/1234-11-11 können Patienten kostenlos Hilfe in Anspruch nehmen. Geschultes Personal steht in der Zeit von Montag bis Freitag 8.00 bis 19.00 Uhr und Samstag von 8.00 bis 13.00 Uhr für Auskünfte zur Verfügung.
Homepage: www.rheumaliga.at 

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