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Allgemeinmedizin 2. Oktober 2006

Das neue Medizin-Curriculum

Mit diesem Wintersemester begann an den medizinischen Fakultäten in Wien, Graz und Innsbruck das neue Medizin-Curriculum. Mehrere Jahre hat die Abstimmung der unterschiedlichen Konzepte in Anspruch genommen. Die Studienpläne sind nahezu nicht wieder zu erkennen: Statt vor Rigorosen zittert man nun vor SIPs (Summativ Integrierten Prüfungen), und zur Vorbereitung darauf absolviert man FIPs (Formativ Integrierte Prüfungen). Seziert wird, wenn überhaupt, erst zu Studienende, die vorklinischen Fächer wurden extrem gestrafft und gemeinsam mit den klinischen Fächern in themenzentrierte Blöcke integriert.

Zwei Semester für berufliche Orientierung

Der erste Studienabschnitt dauert nun zwei Semester und dient vor allem der beruflichen Orientierung, aber auch der Selektion. Denn um ab dem zweiten Abschnitt das Arbeiten in Kleingruppen zu ermöglichen, muss davor kräftig gesiebt werden. Ein heikles Unterfangen angesichts des freien Zugangs zu den Universitäten.
Während in Innsbruck und Graz die Selektionsmodalitäten bereits feststehen, wird in Wien noch heftig darum gerungen. Seitens der Universität hält man eine Beschränkung auf maximal 570 Studierende (Human- und Zahnmedizin) für absolut notwendig, um die pädagogischen Konzepte und die Praxisbezogenheit des neuen Curriculums umsetzen zu können. Angesichts der rund 1.400 Studienanfänger würde dies eine drastische Selektion und damit auch eine Reduktion der Absolventen bedeuten. Das zuständige Ministerium hat dazu bisher aber noch keine Zustimmung gegeben.

Weniger vorklinische Fächer 

Neben der Reduktion der Anzahl von Prüfungen mit Entscheidungscharakter - in Wien sind es statt 23 nur noch drei bis vier - kam es auch zu einer Entschlackung der Inhalte. Vor allem die vorklinischen Fächer mussten Streichungen über sich ergehen lassen - nicht immer zur Freude der bisherigen Lehrbeauftragten. Das Studium sei dadurch aber bestimmt nicht leichter geworden, meinen sowohl Vortragende als auch Studenten. Denn manche Fächer hätten nun eine extrem hohe inhaltliche Dichte.
Koordinatoren übernahmen die Abstimmung der neuen themenzentrierten und fächerübergreifenden Module. Es soll nun mehr Möglichkeiten geben, Lerninhalte von unterschiedlichen Blickwinkeln aus zu betrachten, und auch die Prüfungen finden in "integrierter" Form statt.
Dies erfordert einen hohen Änderungsbedarf seitens der Lehrenden und der Studierenden: 20 Jahre alte Skripten, die Generationen von Studenten bisher den Vorlesungsbesuch erspart haben, sind nun wertlos geworden. Dementsprechend groß ist auch derzeit das Gedränge in den drei Universitäten mit medizinischer Fakultät. So musste in Innsbruck die Eingangsvorlesung mittels Videoübertragung in einem zweiten Hörsaal ausgestrahlt werden. Für die erste große Prüfung wurde bereits das Kongresszentrum angemietet.

Praxisorientierte Elemente

Wesentliche Änderungen betreffen auch die traditionelle Blockung von Therapie und Klinik, die nun aufgebrochen wurde. Im neuen Curriculummodell sind praxisorientierte Ausbildungselemente (siehe Kasten) von Anfang an enthalten, ihr Stellenwert nimmt im weiteren Studienverlauf zu. Ein besonderer Schwerpunkt im dritten Semester ist die Vorbereitung auf die Tätigkeit in anrechenbaren "strukturierten Famulaturen". Auch die wissenschaftliche Ausbildung wurde intensiviert und durch eine Diplomarbeit ergänzt.
Den kommunikativen, sozialen und auch ethischen Kompetenzen des Arztberufes wurde besonderes Augenmerk geschenkt. Veranstaltungen zu diesen Themen begleiten die "neuen Mediziner" durch ihr gesamtes Studium und sollen ihnen später einmal den Alltag in
Ordination oder Krankenhaus erleichtern.

Mag. Andrea Fried

"Es wird schwer werden, neben dem Studium zu arbeiten"

Gerhard KrennGerhard Krenn
Fakultätsvertreter Humanmedizin der Österreichischen Hochschülerschaft

Wir von der Studentenvertretung haben immer dafür plädiert, die zahlenmäßige Beschränkung der Plätze für den zweiten Studienabschnitt an den Absolventenzahlen zu orientieren. Das wäre in Wien eine Zahl um 690 herum. Bei den jetzt vorgesehenen 570 Plätzen fallen von den derzeit rund 1.400 Studienanfängern mehr als 50 Prozent raus - das ist sicher nicht fair. Ich sehe schon ein, dass man für eine höhere Qualität Beschränkungen einführen muss, aber die Auswahl darf nicht über eine einzige Prüfung erfolgen.
Die Idee der Kleingruppen finde ich übrigens ausgezeichnet. Ich bin froh, dass das Studium nun so umgestaltet wurde. Es kann nur besser sein als bisher. Es findet jedoch auch eine "Verschulung" statt, denn die Studenten bekommen einen fix vorgegebenen Stundenplan. Das heißt auch, dass es sehr schwer werden wird, nebenbei zu arbeiten. Dafür ist das Studium aber so konzipiert, dass man tatsächlich in sechs Jahren fertig sein kann.
Die Berufsfelderkundung am Studienanfang wird hoffentlich dazu beitragen, dass die Erwartungen an den Arztberuf realistischer werden. Denn manche Maturanten haben wirklich haarsträubende Vorstellungen.

"Vorsicht bei Reduktion der Absolventenzahlen"

Prof. Dr. Klaus LechnerProf. Dr. Klaus Lechner
emer. Vorstand der Univ.-Klinik für Innere Medizin I, AKH-Wien

Die Einrichtung eines neuen Studiums ist ein äußerst schwieriges Unternehmen. Wir sind immer noch dabei, das Curriculum zu adjustieren und zu optimieren. Es gibt aus meiner Sicht aber wesentliche Verbesserungen. Im Gegensatz zu früher werden die Studenten viel rascher in die klinischen Belange der Medizin eingeführt. Früher sind sie erst nach fünf bis sechs Jahrenn zur "Inneren Medizin" gekommen. Dann haben sie ca. drei bis sechs Monate für die Interne Prüfung gelernt, und das war es dann auch schon. Die hatten gar keine Zeit, in die Vorlesungen zu gehen. Jetzt werden die Studenten bereits im 3. Semester das erste Mal ernsthaft mit klinischen Problemen konfrontiert, es beginnt mit einer Einführung in die Diagnostik und Therapie. Sie lernen hier über die wichtigsten Symptome, diagnostische Prinzipien an Beispielen und sehen Bilder von Patienten. Anschließend werden sie in die allgemeinen Grundprinzipien der Therapie eingeführt. Vom 4. bis zum 7. Semester gibt es dann integrierten Unterricht, bei der vorklinische und klinische Fächer gemeinsam gelehrt werden. Ein wesentliches Kriterium für den Erfolg des Curriculums wird die Studentenzahl sein. Wenn wir im 2. Abschnitt 1.000 Studenten haben, dann können wir unser Ziel nicht erreichen. Man darf die Absolventenzahlen aber auch nicht zu sehr reduzieren, denn sonst kommt es langfristig zu einem Ärztemangel.

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