zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 2. Oktober 2006

Ausblick in die Zukunft der Medizin

Der eine ist Landarzt im Innviertel, der andere ordiniert im 12. Wiener Gemeindebezirk und der dritte werkt an der Uniklinik Innsbruck an der Abteilung für Innere Medizin. Dr. Alois Pumberger, Dr. Erwin Rasinger und Prof. Dr. Kurt Grünewald - drei der Gesundheitssprecher der vier Parlamentsparteien sind in ihrem Brotberuf Arzt.
Aber auch Manfred Lackner von der SPÖ kennt als Leiter der Finanzabteilung des Krankenhauses Bludenz das Gesundheitswesen von innen. Auch wenn die Gesundheitssprecher nicht an der Spitze der Partei stehen, bestimmen sie doch deren gesundheitspolitische Ausrichtung in großem Ausmaß mit.
In dieser letzten Runde des ÄRZTE WOCHE-Wahlpanoramas haben wir sie nach ihrer sehr persönlichen Meinung zum Stand der medizinischen Wissenschaft und zur Herausforderung "Biomedizin" gefragt. Weitgehende Übereinstimmung gab es bei der Frage nach Versorgungslücken in unserem Gesundheitssystem: Hier orteten alle vier Defizite bei der Rehabilitation (vor allem bei Kindern), in der Psychiatrie bzw. Psychotherapie und in der Palliativmedizin. Hier scheint es also nur mehr Uneinigkeit über die Fragen der Finanzierung zu geben, zu denen wir die Antworten bereits in der Ausgabe Nr. 38 vom 30. Oktober 2002 der ÄRZTE WOCHE veröffentlicht haben. 

Mag. Andrea Fried 

Bei welchen Gesundheitsleistungen sehen Sie Versorgungslücken?

Manfred Lackner, Gesundheitssprecher SPÖ: Eine zukunftsorientierte Gesundheitspolitik sozialdemokratischer Prägung bedeutet nicht nur ,anstehende Finanzierungsprobleme zu lösen, sondern auch das Leistungsangebot für die Versicherten an die Bedarfslagen von morgen anzupassen. Durch die wachsende Zahl älterer Menschen wird auch die Inanspruchnahme gesundheitsbezogener Dienstleistungen steigen. Der medizinisch-technische Fortschritt stellt immer neue und bessere Diagnose- und Therapieverfahren zur Verfügung, die finanziert und den Menschen zugänglich gemacht werden müssen. Die präventive Ausrichtung des Gesundheitswesens vor allem im Kampf gegen die neuen Volkskrankheiten, z.B. Bewegungs- und Stützapparat, Stoffwechselerkrankungen, Altersdiabetes, muss verstärkt werden. Versorgungslücken, wie etwa im Bereich der Kinderrehabilitation, Zahnmedizin, der Psychotherapie auf Krankenschein oder der Palliativmedizin, müssen geschlossen werden.

Dr. Erwin Rasinger, Gesundheitssprecher der ÖVP: Es gibt nach wie vor ein starkes Stadt-Land-Gefälle insbesondere bei der Fachärzteversorgung. Hier besteht auch laut ÖBIG (Anm.: Österreichischem Bundesinstitut für Gesundheitswesen) in einzelnen Bundesländern, wie beispielsweise Oberösterreich, Nachholbedarf. Wir müssen auch bei der Vorsorgemedizin und in der Rehabilitation besser werden. 
Obwohl Österreich in der stationären Rehabilitation Weltklasse ist, bestehen Lücken bei der Krebsrehabilitation, in der Psychiatrie, Neurologie und bei Kinderkrankheiten.

Dr. Alois Pumberger, Gesundheitssprecher der FPÖ: Versorgungslücken haben wir im Wesentlichen bei der Psychotherapie und bei der Neurorehabilitation vor allem bei Kindern. Auch in manchen ländlichen Bezirken, zum Beispiel im Inn-viertel, wo ich meine Ordination habe, gibt es Lücken in der fachärztlichen Versorgung. Diese sollten durch eine Vermehrung der Kassenfacharztstellen geschlossen werden. Dadurch könnten wir auch die Zahl der Ambulanzbesuche verringern.

Prof. Dr. Kurt Grünewald, Gesundheitssprecher der Grünen: Große Versorgungslücken sehen die Grünen derzeit im Bereich Rehabilitation, Geriatrie, Psychotherapie sowie Psychiatrie.

Welche medizinische Errungenschaft der vergangenen zehn Jahre hat Sie persönlich am meisten beeindruckt?

Manfred Lackner, SPÖ: Bei der rasanten Entwicklung im Bereich der Medizin eine Errungenschaft besonders hervorzuheben, wäre für mich nicht zielführend. Mir ist es in diesem Zusammenhang wichtig, dass durch die solidarische Finanzierung des Gesundheitssystems weiterhin alle Menschen am medizinischen Fortschritt teilhaben können.

Dr. Erwin Rasinger, ÖVP: Am meisten beeindrucken mich derzeit die selbst-mitwachsende Knieprothese bei Patienten mit Knietumoren im Kindesalter und die Stentversorgung von Koronargefäßen.

Dr. Alois Pumberger, FPÖ: Am meisten beeindruckt mich derzeit die Stammzellenforschung. Hier entwickelt sich eine Sparte im Gesundheitswesen, von der wir derzeit nur träumen können, und die in der Medizin sicher große Fortschritte bringen wird.

Prof. Dr. Kurt Grünewald, Grüne: Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms.

Mit welchen Maßnahmen will Ihre Partei den rasanten Entwicklungen im Bereich der Biomedizin begegnen?

Manfred Lackner, SPÖ: Wir stellen mit zunehmender Aufmerksamkeit fest, dass die Biomedizin und die Biowissenschaft bahnbrechende Fortschritte in Erkenntnis und Anwendungsmöglichkeit macht. Die von diesen Wissenschaftsgebieten bzw. ihren Vertretern gezeichneten Visionen sind noch atemberaubender. Insbesondere in der Heilung von Krankheiten durch die Anwendung biomedizinischer Erkenntnisse sind bahnbrechende Fortschritte zu erwarten. Um diese Ergebnisse zu erreichen, muss - vor Erkenntnis und Anwendung - wissenschaftliche Forschung betrieben werden dürfen. Die SPÖ tritt daher dafür ein, dass der medizinische Fortschritt allen Patientinnen und Patienten zugute kommt. Der medizinische Fortschritt darf nicht zum Privileg der Reichen werden.

Dr. Erwin Rasinger, ÖVP: Der rasante Fortschritt der Medizin stellt auch Ärzte vor immer größere ethische Fragen. Ist es wirklich sinnvoll, Patienten mit genetischen Untersuchungen zu verunsichern? Werden Privatversicherungen und Unternehmen versuchen, auf heikle Daten zuzugreifen? Wird nur mehr das perfekte, gesunde Leben überleben dürfen? Kommen wir zu neuen Formen der Selektion? Bei diesen ethischen Fragen ist die Mitarbeit der Ärzte unbedingt notwendig, weil ihre Expertenmeinung entscheidendes Gewicht haben sollte.

Dr. Alois Pumberger, FPÖ: Jedem Missbrauch, der in diesem Bereich sehr verlockend ist, muss durch den Gesetzgeber Einhalt geboten werden. Wir hinken jetzt schon mit der öffentlichen Diskussion den wissenschaftlichen Möglichkeiten hinterher und müssen möglichst rasch dafür sorgen, dass kriminelle Machenschaften unterbunden werden. Ich glaube jedoch nicht, dass die Biomedizin zu einer Kostenexplosion führen wird, weil man auf der anderen Seite gerade in der Transplantationsmedizin oder bei chronischen Krankheiten viel Geld einsparen wird können.

Prof. Dr. Kurt Grünewald, Grüne: Den rasanten Entwicklungen im Bereich der Biomedizin wollen die Grünen vor allem mit einer offenen und intensiven Ethikdebatte begegnen. Die Auswirkungen von Forschung und angewandter Wissenschaft auf einzelne Individuen, aber auch auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung müssen beurteilbar werden. Eine breite und transparente Bioethikdiskussion soll verhindern, dass sich die Motive politischen Handelns nur auf naturwissenschaftliche oder auf ökonomische Überlegungen reduzieren. Daher sind für die Grünen über den rein naturwissenschaftlichen und fachspezifischen Ansatz hinaus auch psychologische, philosophische, soziologische, ökologische, politische und theologische Betrachtungen notwendig.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben