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Allgemeinmedizin 2. Oktober 2006

Wenn der Visitator dreimal klingelt 

Denken Sie mal an Ihre Zeit als Turnusarzt zurück: Haben Sie da noch richtig und intensiv Medizin gelernt? Heutzutage ist das anscheinend anders. Die Turnusärzte leiden jedenfalls. Sie werden von Dokumentationsaufgaben und Bürokram erdrückt, bekommen ihre Ausbildner - vor allem in großen Häusern - kaum zu Gesicht und erhalten nur sehr spärlich Einblicke in die weite Welt der Krankenbehandlung.
Der ökonomische Druck der Krankenhausträger wird immer stärker. Vor allem in den Ballungszentren steuert die Qualität der Ausbildung langsam, aber sicher einem Punkt zu, der als "bedenklich" bezeichnet werden kann. Die EU fordert die Durchführung von Visitationen - also die Vor-Ort-Überprüfung von Ausbildungsstätten - als Mittel der Qualitätssicherung.
Im Bundeskrankenanstaltengesetz wurde dies bereits verankert. Die Umsetzung auf Landesebene schleppt sich dahin. Die Durchführung der Visitationen wurde den Landesärztekammern übertragen. In Niederösterreich wurde in diesem Jahr die 25. Abteilung visitiert, in Wien waren es bisher vier. Das Ergebnis: Die Akzeptanz und Kooperationsbereitschaft sei hoch, betonen die Verantwortlichen, das Verbesserungspotenzial ebenfalls. Zumeist seien es strukturelle und organisatorische Probleme, die die Qualität der Ausbildung beeinträchtigen.
Und "small is beautiful": Auch wenn sie ihren Turnusärzten vielleicht nicht immer die ausgefallensten Spezialfälle und neuesten Operationsmethoden aus Übersee präsentieren können - die Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin scheint in kleineren Spitälern besser zu sein. Das Erfolgsrezept: Persönlicher Kontakt und hohes Engagement der Ausbildner und Auszubildenden.

Mag. Andrea Fried

"Ausbildner unter den Zwängen des Rechtsträgers"

Dr. Harald SchlögelDr. Harald Schlögel
Vizepräsident der Niederösterreichischen Ärztekammer und Vorsitzender der Ausbildungskommission der Österreichischen Ärztekammer 

Wir haben im Juli 2000 die erste Visitation in Niederösterreich gemacht und nun die 25. abgeschlossen. Die Visitationen wurden von den Kollegen grundsätzlich sehr positiv empfunden - unabhängig vom Ergebnis. In etwa der Hälfte der Fälle haben wir Verbesserungsvorschläge angebracht. Trotz dieses doch eher negativen Ergebnisses waren die Rückmeldungen - mit einer einzigen Ausnahme - durchwegs positiv. Das vor allem deshalb, weil die Ausbildungsverantwortlichen sehr oft unter den Zwängen des Rechtsträgers agieren, der hier bemüht ist, möglichst das volle Spektrum der Ausbildung anzubieten, um die Leute an das Haus zu binden. Die Wissensvermittlung erfolgt in der Regel sehr unstrukturiert. Da hat das Rasterzeugnis leider überhaupt keine Verbesserung gebracht. Auch die geplante Verpflichtung zur Rotation ist ein großes Problem. Wie das zu organisieren sein wird, ist völlig ungelöst. Wir sollten jetzt einmal daran gehen, die bisher eingeführten Maßnahmen der Qualitätssicherung zu nützen, auszubauen und zu verbessern. Erst dann können wir uns zusätzlichen Aufgaben widmen. Unser Arbeitskreis hat auch ganz deutlich gezeigt, welch große Unterschiede es bei der Ausbildung in einem Ballungszentrum wie Wien, Graz oder Innsbruck im Vergleich zu den kleinen Häusern in der Provinz gibt. Die Ausbildung ist viel persönlicher und hängt viel mehr von der Initiative des Einzelnen ab. Vielleicht ist auch in der Provinz die Freude, mit der erfahrene Kollegen ihr Wissen weitergeben, noch mehr verbreitet - aber jede Pauschalierung wäre hier sicher fehl am Platz.

"Wir sind schon mehr EDV-Fachleute als Ärzte"

Dr. Peter NiedermoserDr. Peter Niedermoser
Bundessektionsobmann der Turnusärzte der Österreichischen Ärztekammer

Was mir sehr wichtig ist: Die Visitation ist kein Strafinstrument, sondern ein partnerschaftliches Überprüfen der Struktur der Ausbildung. Das haben auch alle, die an Visitationen teilgenommen haben, angemerkt. 
Wenn es nicht optimal läuft, dann hat man die Chance, gemeinsam zu einer Verbesserung zu finden. Wenn die Visitation zu einem zufriedenstellenden Ergebnis gekommen ist, dann ist das ein Qualitätssiegel für die Abteilung.
An Problemen sind auch nicht immer die handelnden Personen schuld. 
Oft liegt es an strukturellen Schwächen, für die eigentlich nur der Krankenhausträger verantwortlich ist, indem er zum Beispiel zu wenig Personalressourcen zur Verfügung stellt. Es ist sicherlich so, dass die Zentralkrankenhäuser keine so gute Ausbildung bieten können. 
Auch das hat meist nichts mit dem Engagement der Ärzte zu tun, sondern mit den dort oft zu geringen personellen Ressourcen.
Natürlich fehlt es daran auch in den kleinen Häusern, aber da wiegt der persönliche Kontakt einiges wieder auf. Neben den bürokratischen 
Überforderungen ist es auch ein Problem, dass die jungen Kollegen viel zu wenig in die Ambulanzen kommen, 
wo sie auf "unbehandelte" Patienten treffen. 
Wir sitzen einen Großteil unserer 
Arbeitszeit am Computer und sind schon mehr EDV-Fachleute als Ärzte. 
Es kommt nicht auf die Zahl der Nachtdienste an, sondern darauf, 
welche Tätigkeiten ich in der Zeit, 
in der ich da bin, ausführe.

"Die Wissensvermittlung ist viel zu wenig strukturiert"

Prof. HR Dr. Robert FischerProf. HR Dr. Robert Fischer 
Primarärztereferent der Ärztekammer für Wien, Präsident des Primarärztekollegiums Wien, Leiter des ärztlichen Instituts für Qualitätssicherung der Österreichischen Ärztekammer

Wir haben wirklich Sorge, dass die Qualität der Ärzteausbildung in unserem System zunehmend schlechter wird. Die zu vermittelnden Lehrinhalte werden immer umfangreicher - auch im Hinblick auf die zunehmenden ökonomischen Inhalte. Die Wissensvermittlung ist viel zu wenig strukturiert. Es soll Abteilungen geben, in denen der einzelne Abteilungsleiter die ihm zur Ausbildung anvertrauten Kollegen nicht einmal kennt. Das ist tatsächlich bedenklich.
Die Visitation der ärztlichen Ausbildungsstellen im Spital ist nun gesetzlich
verankert. Bei der Durchführung durch die Ärztekammern kommt es manchmal
jedoch zu erheblichen Widerständen seitens der Primarärzte. Im Großen und Ganzen sind gerade in Wien nun einige Visitationen recht positiv für die Abteilungen über die Bühne gegangen. Aber der Unmut über die Ausbildungsbedingungen ist bei den Turnusärzten in Ausbildung zum Allgemeinmediziner und zum Teil auch bei den in Facharztausbildung befindlichen Kollegen groß.
Die Verantwortlichen für die Ausbildung - die Primarärzte - haben viel zu wenig Einfluss in Ausbildungsfragen. Bei der Bestellung von Primarärzten sollten auch viel mehr die Qualifikationen bei der Wissensvermittlung berücksichtigt werden. Dazu kommt das sehr problematische Honorierungssystem, denn der Primarius bekommt für die Ausbildnertätigkeit nichts bezahlt.
Das Kuratorium für ärztliche Aus-, Fort- und Weiterbildung hat 
nun eine Resolution zur Optimierung der ärztlichen Aus- und Weiterbildung 
herausgegeben, die auch vom Primarärzteverband befürwortet wurde. 
Die wichtigste Empfehlung ist die ausschließliche Verwendung von fünf bis zehn Prozent der Arbeitszeit des Abteilungsleiters für Ausbildungsangelegenheiten 
außerhalb der Routine. Ein Ausbildungsassistent soll ihm dabei organisatorische 
Hilfe leisten, darf aber nicht die gesamte Ausbildung der Turnusärzte übertragen 
bekommen. Rasterzeugnisse oder Logbücher sollen die Qualität der Ausbildung transparenter machen. Weitere wesentliche Maßnahmen sind die Durchführung
der Visitationen und die Förderung der Rotation.

"Ärzteausbildung gehört saniert"

Dr. Christoph SchuschnigDr. Christoph Schuschnig
Vorsitzender der Ausbildungskommission der Ärztekammer für Wien

Die Turnusärzte in Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin sind die Leidtragenden und bekommen sicherlich nicht jene Ausbildung, die man sich wünschen würde. 60 bis 70 Prozent ihrer Zeit widmen sie bürokratischen Tätigkeiten. Die Basisversorgung durch die nächste Generation der praktischen Ärzte wird meiner Ansicht dadurch gefährdet. Die Turnusärzte nehmen die Visitationen (Vor-Ort-Überprüfung der ärztlichen Ausbildung durch die Landesärztekammern) sehr gut an. Wir bekommen in persönlichen Gesprächen sehr viele Informationen und Hinweise, die dann in standardisierten Fragebögen genauer evaluiert werden. Manche Abteilungsleiter sind sehr kooperativ bei den Visitationen, manche hingegen sehr pikiert. Vorrangig ist, dass die Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin saniert gehört. 
Dazu werden auch bereits vom Wiener Krankenanstaltenverbund Tutoren ausgebildet. Weiters hat auch schon das Bundesministerium für Soziale Sicherheit und Generationen reagiert: Die verpflichtende Rotation für Ärzte in Ausbildung zum Facharzt im Hauptfach sollte in die nächste Verordnung hineinkommen und auch das Logbuch ein verpflichtender Bestandteil der Ausbildung werden. Bei den vier Visitationen in Wien ist aufgefallen, dass Privatspitäler besser abgeschnitten haben. Man merkt ganz deutlich, dass dort mehr persönliches Engagement der nachgeordneten Fachärzte zu sehen ist und dass die Turnusärzte besser integriert sind - sowohl ins Ärzte- als auch ins Schwesternteam. 
Ich würde das auf die Größe des Spitals zurückführen und auch auf die 
Spezialisierung. In öffentlichen Spitälern haben die Fachärzte weniger Zeit. 
Die Oberärzte verschwinden in ihre Privatordinationen und der Turnusarzt interessiert eigentlich niemanden. Der läuft einfach mit. Kleine Spitäler sind motivierter, gute Leute auszubilden, die dann auch eventuell im Haus bleiben bzw. kooperative Zuweiser werden.

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