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Allgemeinmedizin 2. Oktober 2006

"Psychosoziale Medizin ist ein Hobby"

Wie sehr ist die Familienmedizin in Österreich verankert?

Fuchs: Was die Familienmedizin betrifft, gibt es in Österreich einen Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Das heißt, die Hausärzte kennen meistens alle Familienmitglieder. Aber in der medizinischen Krise passiert es dann doch, dass man die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander aus den Augen verliert und sich ganz auf das medizinische Problem konzentriert. Oft kommt bei den Ärzten erst viel später, z.B. nach erfolgloser Behandlung, das psychosoziale Problem wieder in Erinnerung. Familienmedizin bedeutet für mich beides: Das körpermedizinische Problem und die psychosozialen Bezüge im Auge zu behalten. Das ist für mich ein erfolgversprechendes Paradigma.

Welche Voraussetzungen braucht ein Allgemeinmediziner, um auch ein guter Familienmediziner zu sein?

Fuchs: Die Allgemeinmediziner bräuchten zunächst einmal einen Auftrag. Solange die Auftraggeber - sprich die Sozialversicherungen - den Auftrag für die Körpermedizin erteilen, aber nicht für die psychosoziale bzw. psychosomatische Medizin, bleibt dieser Bereich eine Art Hobby des Allgemeinmediziners. Es ist auch vom ökonomischen Standpunkt her unverantwortlich, da es dadurch zu einer ungeheuren Verschwendung von Mitteln kommt. Psychosomatische Patienten, die nicht adäquat behandelt werden, kosten am meisten Zeit und Geld.

Welche Werkzeuge stehen dem Familienmediziner bei Krisen zur Verfügung?

Fuchs: Es gibt zuerst einmal das ärztliche psychosoziale Explorationsgespräch, das viel Vertrauen stiftet, sehr relevante Informationen bringt und bereits auch therapeutischen Stellenwert hat. Wenn es dabei Bereiche gibt, von denen der Arzt - bewusst oder unbewusst - gar nichts wissen will, dann wird er sie wahrscheinlich auch nicht erfahren. Es gibt sicherlich Bereiche, die manch ein Arzt lieber nicht berühren würde, wie etwa Gewalt oder Missbrauch. Die Kenntnisnahme davon bringt viele Kollegen in echte Verlegenheit, weil sie nicht wissen, wie sie helfen können. Das trägt oft dazu bei, dass sich Kriminalität und entsetzliches Unglück fortsetzen.

Bekommen Familienärzte hier ausreichend Unterstützung? 

Fuchs: Die Umsetzung medizinisch-wissenschaftlicher Erkenntnisse der Familienmedizin durch Ärzte wird nicht unterstützt, weder durch Motivation noch durch Geld noch durch offizielle Anleitung. Auch das therapeutische Netzwerk wird nicht "frei Haus" geliefert. Das muss sich jeder Arzt selbst erarbeiten. Es ist zumindest seine Aufgabe, bei entsprechendem Bedarf die Behandlung durch Kollegen auch aus anderen sozialen Berufen zu initiieren. Die reine Feststellung eigener Unzuständigkeit kann durchaus auch als unterlassene Hilfeleis-tung interpretiert werden. 
So gut auch sonst unser Gesundheitswesen organisiert sein mag: Es ist wirklich höchst beklagenswert, dass so wenig Sozialarbeit und so wenig Psychotherapieplätze auf Krankenschein zur Verfügung stehen.

Woran fehlt es bei der Umsetzung?

Fuchs: Die Weichenstellungen im österreichischen Gesundheitswesen sind ganz offenbar hinter der gesellschaftlichen Entwicklung und hinter dem Bedarf zurückgeblieben. Es erstaunt mich besonders, dass sich viele Ärzte seit Jahrzehnten von der Realität überzeugen, und dass dennoch die Ärztekammer das Kernanliegen, nämlich gute Bezahlung für exzellente ärztliche Konsultationen, noch immer nicht durchgesetzt hat.
Ärzte und Ärztekammer resignieren doch ganz zu Unrecht. Sie finden sich mit einem Zustand der Unzulänglichkeit und Unzuständigkeit ab, anstatt die Empfehlung umzusetzen, sich echte ärztliche Kompetenz, z.B. durch Teilnahme an einem Fortbildungscurriculum für Psychosoziale Medizin mit Schwerpunkt Familienmedizin, zu erwerben.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 3/2003

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