zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 2. Oktober 2006

Kein Interesse am "Family Doctor"?

Während in vielen Teilen der Welt der Begriff "Family Medicine" die Allgemeinmedizin in solchem Maße verdrängt hat, dass beide Bezeichnungen bereits synonym verwendet werden, ringt die Allgemeinmedizin hierzulande nach wie vor mit einer Standortbestimmung. Der Begriff "Familienmedizin" wurde bereits1954 von Dr. Ri-chardson, einem New Yorker Internisten und Kardiologen, geprägt. Im Mittelpunkt steht die Erkenntnis, dass jeder Mensch sowohl von seiner Heredität als auch durch Sozietät mit seiner Familie verbunden ist und dass diese Zusammenhänge für die ärztliche Beobachtung von Krankheitserscheinungen und Heilungsprozessen von entscheidender Bedeutung sind.
Obwohl die Erforschung der familiären Kommunikationsstrukturen sowie der Arzt-Patienten-Kommunikation seit den Siebzigerjahren Thema der medizinischen Forschung ist, sieht die Praxis in unserem Land anders aus. "Die Umsetzung medizinisch-wissenschaftlicher Erkenntnisse der Familienmedizin durch Ärzte wird nicht unterstützt, weder durch Motivation noch durch Geld noch durch offizielle Anleitung", kritisiert der Wiener Allgemeinmediziner Dr. Hans-Joachim Fuchs. Die Ärzte bräuchten mehr psychosoziale Kompetenz, und die Ärztekammer müsse endlich das Kernanliegen, nämlich gute Bezahlung für exzellente ärztliche Konsultationen, durchsetzen.

Mag. Andrea Fried.

"Da müssen eben die anderen warten"

Dr. Maria Wagner-Dietl, Ärztin für Allgemeinmedizin im 5. Bezirk in Wien: 

Ich verstehe mich sehr wohl als Familienmedizinerin. Die Unterstützung, die wir von anderen sozialen Berufen bekommen, ist leider oft sehr mangelhaft. Es gibt schon einige Institutionen und Therapeuten, aber es ist oft aussichtslos, einen Termin zu bekommen. Gerade Patienten mit psychischen Problemen sind hier zumeist überfordert, und finanziell schlechter Gestellte sind besonders benachteiligt. Das heißt, hier muss der Allgemeinmediziner viel abfangen. Wir müssen uns um den Patienten intensiv kümmern, bis wir einen Facharzt oder Therapeuten beiziehen können.
Aber auch Menschen, die bereits in Therapie sind, kommen immer wieder zu uns in die Ordination, wenn sie ein akutes Problem haben. Oft geht es nur einmal darum, dass sie ihr Herz ausschütten können. Wenn es um Gewalt in der Familie geht, dann hilft oft schon ein offenes Gespräch mit dem Gewalttäter. Viele Männer, die ihre Frauen schlagen, hören damit auf, wenn sie wissen, dass es ein Fremder weiß und ihnen auch eine Anzeige droht. Manchmal rate ich den Betroffenen auch, Unterstützung in einem Frauenhaus zu suchen. Da habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. Man muss eben recherchieren, ähnlich wie ein Journalist, um geeignete Institutionen zu finden. Wenn jemand vor mir sitzt, der psychosoziale Hilfe braucht, dann nehme ich mir Zeit. Da ist es mir dann auch egal, wenn das Wartezimmer voll ist. Dann müssen eben die anderen warten.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben