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Allgemeinmedizin 2. Oktober 2006

Aufregung um EDV-Umstellung

Seit 1. Jänner müssen alle Kassenärzte elektronisch abrechnen. Wer das nicht will oder kann, für den übernimmt die Kasse gegen 50 Cent pro Schein weiterhin die Abrechnung. Das scheint in weiten Teilen Österreichs kein Problem zu sein, doch in Wien bereitet es vielen Kollegen offenbar große Sorge und auch Ärger. Kein Wunder, waren hier im vergangenen Sommer doch erst 20 bis 25 Prozent mit EDV-Anlagen ausgerüstet. Österreichweit liegt der Durchschnitt bei 80 Prozent. 
"Das liegt daran, dass wir in Wien einfach kleinere Ordinationseinheiten haben, für die sich das sehr teure EDV-Angebot nicht einmal ansatzweise gerechnet hat", sagt Dr. Johannes Steinhart, Vizepräsident der Wiener Ärztekammer. Die Politik habe darauf zu wenig Rücksicht genommen und die gesetzliche Regelung zu früh vom Zaun gebrochen. "Minister Haupt zeigte sich dabei von strahlender Uneinsichtigkeit, und schon war das Gesetz beschlossen", spart Steinhart nicht mit Kritik an der Vorgangsweise. Auch von anderer Seite wird moniert, dass sich der Gesetzgeber immer häufiger in Angelegenheiten einmische, die eigentlich Verhandlungssache zwischen Ärztekammer und Sozialversicherung seien. So habe es bereits vor der Verpflichtung zur EDV-Abrechnung per Gesetz (59. ASVG-Novelle) eine Vereinbarung zwischen der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) und dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger gegeben. Diese wurden jedoch durch die gesetzliche Regelung obsolet. So wurde zum Beispiel die Erfassung des Systemdatums - gegen die sich die Ärztekammer in den Verhandlungen vehement ausgesprochen hatte - als verbindlich erklärt. Damit kann die Kasse kontrollieren, wann die Leistung vom Arzt eingegeben wurde. Eine reine Schikane, wie manch ein Systemkenner meint. 
Lange hatten kritische Stimmen vor den vermehrten Kontrollmöglichkeiten der Kasse durch die EDV gewarnt. Eine Gefahr, die zwar gerne heruntergespielt wird (Steinhart: "Ärzte haben Kontrolle nicht zu fürchten."), aber die bereits Realität ist: Die Überwachung durch "Öko-Tool" und FOKO wäre ohne elektronische Datenerfassung nicht möglich. Die Ärzte liefern dabei selbst die Daten und zahlen seit Jänner sogar noch dafür. Wen wundert da noch der viel zitierte Ausspruch: "Die Ärzte liefern den Strick, an dem sie aufgehängt werden"?
MR Dr. Hellmut Wutzl, Präsident des Wiener Hausärzteverbands, sieht es generell sehr kritisch, dass die Kammer die Kassenabrechnung aus der Hand gegeben hat: "Vor jeder Honorarverhandlung muss die Kammer zum Wienerberg betteln gehen, damit sie die Zahlen bekommt." Seiner Ansicht nach sei nun die Jahrhundertchance vertan worden, die Abrechnung und damit auch ihre Kontrolle wieder in die Hände der Kammer zu legen. 
Eine Möglichkeit, die Abrechnung auch ohne eigene EDV nicht der Kasse zu überlassen, bietet die steirische Firma [ai’ti:], mit der die ÖÄK einen Rahmenvertrag zur elektronischen Abrechnung mit den kleinen Kassen vereinbart hat. 
Die Ärztekammer für Steiermark hat auch einen Vertrag für GKK- Scheine. Andere Kammern sind noch am Sondieren. Das Angebot habe einige Vorteile für die Ärzte, meint Mag. Gerhard Holler von der ÖÄK. Die Firma [ai’ti:] verlange nur 48 Cent (inkl. Umsatzsteuer) pro abgerechnetem Schein und biete auch eine Versicherung auf dem Postweg. Dazu bekommt der Arzt eine Honorarvorschau, damit er weiß, wie viel ihm die Kasse zu bezahlen hat. "Die Ärzte machen die Kontrolle oft nicht. Dadurch können sie sich möglicherweise wieder einiges an Geld zurückholen", meint Holler. Ganz allgemein ist jedoch die Frage zu stellen, ob sich die Fremdabrechnung lohnt, oder doch lieber in den sauren Apfel gebissen und ein Computer angeschafft werden sollte. Für rund 3. 700 Euro ist man mit einer simplen Hard- und Software für zwei Arbeitsplätze dabei, meint der EDV-Referent der Ärztekammer für Kärnten, Dr. Rudolf Pototschnig. Diesen Investitionsbetrag hätte man mit 1.000 Scheinen pro Quartal in zwei Jahren wieder herinnen. Doch die Hürde scheint für viele doch zu hoch zu sein. Und Hand aufs Herz: Wer schäumt nicht vor Wut, wenn das Kastl wieder einmal spinnt und keiner da ist, der hilft. 

Mag. Andrea Fried 

 "Ein Pflanz der Politik"

Dr. Johannes SteinhartDr. Johannes Steinhart,
Vizepräsident der Ärztekammer für Wien

Die geringe EDV-Ausstattung liegt daran, dass wir in Wien einfach kleinere Ordinationseinheiten haben, für die sich das sehr teure EDV-Angebot nicht einmal ansatzweise gerechnet hat. Wir haben das Problem mit Beginn der Legislaturperiode antizipiert und uns da bereits intensiv mit Vernetzungskonzepten auseinander gesetzt. Das Problem ist, dass wir von der Politik viel zu früh zur EDV-Abrechnung gezwungen wurden. Dort hat man sich auch gegenüber dem Argument verschlossen, dass wir zum damaligen Zeitpunkt fast 1.100 Ordinationen nachzurüsten hatten und dass ja keine Firma nur annähernd diese Kapazitäten für Installation, Schulung, Support etc. hatte. Minister Haupt zeigte sich dabei von strahlender Uneinsichtigkeit, und schon war das Gesetz beschlossen. Jeder Tankwart habe ja bereits eine EDV, hat man uns als nicht sehr schmeichelhaften Vergleich hingeworfen. 
Ein weiterer Ärger war, dass für kleine Ordinationen sehr lange auch keine passende Lösung auf dem Markt war. Denn der Preis muss ja auch dem Instrumentarium in einer Ordination entsprechen. Für mich ist es aber wirklich ein "Pflanz" der Politik: Uns Ärzten donnern sie die elektronische Befundübermittlung hinein und dann lese ich in der Zeitung, dass sich die Träger innerhalb der Sozialversicherung auf kein gemeinsames EDV-System einigen konnten. Das ist ja wohl lächerlich. 
Die Vereinbarung mit der Wiener Gebietskrankenkasse über die Kreditfinanzierung war ein Zugeständnis dafür, dass eigentlich wir Ärzte für etwas zahlen, das vor allem jemandem anderen nützt. Wir haben den Aufwand, und eigentlich ist es für uns in den Ordinationen nicht so wichtig wie in der Administration. Dass sie das eingesehen haben, ist der GKK hoch anzurechnen. Es ist natürlich nicht der Sinn, dass ein Kollege keine Medikamente mehr verschreiben darf oder einen Patienten zum Allgemeinmediziner schickt. Es sollte nur ein Anreiz sein, das EDV-gestützte "Ökotool" - also die Reihung der Generika nach Kosten auf Knopfdruck - zu nutzen. Es geht also nicht um eine Leistungsreduktion, sondern um Einsparungen bei gleicher Qualität.

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