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Allgemeinmedizin 2. Oktober 2006

Gespart wird nur bei Ärzten

Der Schlagabtausch zwischen Medizinern und Ökonomen war beim Symposium-Thema "Gesundheit für alle? - Visionen zur Zukunft des Gesundheitswesens" Ende Jänner 2003 in Wien unausweichlich. Diesmal hatte sich das Forum der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich (FOPI) gemeinsam mit dem Europäischen Forum Alpbach und dem ORF dieses Themas angenommen. Ein launiger Dr. Erhard Busek führte als Alpbach-Chef durch die erste Hälfte der Veranstaltung, in der die unterschiedlichen Denkwelten von Ökonomie und Medizin deutlich wurden.

Machbarkeitsexplosion in der Medizin

Zu heftigen Reaktionen auf dem Podium und aus dem Publikum führte der Vortrag von Prof. Dr. Walter Krämer vom Institut für Wirtschafts- und Sozialstatistik der Universität Dortmund. Seine These: "Dass rationiert werden muss, steht fest. Wir haben überhaupt nicht mehr die Wahl." Die enormen Erfolge der Medizin - Krämer bezeichnete sie als "Machbarkeitsexplosion" - hätten dazu geführt, dass die medizinischen Möglichkeiten auf Dauer nicht finanzierbar seien.
Krämer zitierte dabei einen alten deutschen Kliniker: "Früher hatten wir es einfach. Da war der Patient nach einer Woche entweder gesund oder tot." Tatsache sei, dass der medizinische Fortschritt viele Menschenleben verlängere, der Durchschnitt der überlebenden Bevölkerung dadurch jedoch nicht gesünder, sondern im Gegenteil sogar kränker sei. Die Medizin halte ein Arsenal von Abwehrwaffen bereit, diese "halfway-technologies" machten die Patienten jedoch nicht komplett gesund, sondern führten zu weiteren Folgekosten. Beispiele seien die Möglichkeiten in der Dialyse und Behandlung von Diabetes.
"Ein Schritt in die richtige Richtung" wäre nach Ansicht des wirtschaftsliberalen Wissenschafters ein größeres Vertrauen in die Marktwirtschaft. Er räumte jedoch ein, dass diese Wundermittel nicht flächendeckend einsetzbar seien: "Steht nämlich der Tod vor der Tür, ist Rationierung durch den Markt auch mit dem Weltbild eines extremen Wirtschaftsliberalen nicht mehr unter einen Hut zu bringen." Ein konkretes Menschenleben sei kein ökonomisches Gut und habe daher auch keinen Preis. Daher seien hier Kosten-Nutzen-Analysen völlig fehl am Platz. Das bedeute aber nicht, dass nicht vor dem Eintritt eines Eventualfalles Kapazitäten beschränkt werden dürften und sogar müssten. Es sei jedenfalls nicht finanzierbar, jedem Versicherten einen Mercedes auf Krankenschein zur Verfügung zu stellen, nur weil sich dadurch die Wahrscheinlichkeit eines frühen Unfalltodes reduzieren ließe, polemisierte Krämer.

Rationierung an Ärzte delegiert

Um Prioritätensetzung - sprich "Rationierung" - ging es auch im Vortrag von Dr. Matthias Perleth vom Bundesvorstand der deutschen Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK). Seine These: Rationierung findet statt. Sie werde derzeit implizit betrieben, indem die Verantwortung an die Ärzte delegiert werde. Sie müssten dann entscheiden, für wen ein Intensivbett freigemacht oder eine Spezialbehandlung eingeleitet werde. "Der internationale Trend geht dahin, diese Entscheidungen explizit zu machen. Das setzt jedoch einen breiten gesellschaftlichen und gesundheitspolitischen Diskurs voraus", so Perleth.
In Schweden habe die öffentliche Meinung zu folgender Prioritätensetzung geführt: Der Wert "Menschliche Würde" rangiert vor den Werten "Bedarf und Solidarität". Erst an dritter Stelle soll - so der gesellschaftliche Konsens - die "Effizienz einer Behandlung" als Kriterium herangezogen werden.
Perleth warnte davor, bei der zukünftigen Entwicklung der Gesundheitssysteme sowohl in Österreich als auch in Deutschland die Entscheidungen auf europäischer Ebene zu ignorieren. Obwohl die EU nicht das Mandat habe, die nationalen Gesundheitssysteme zu beeinflussen, seien die europäischen Wirtschaftsprinzipien ("free movement") auch hier ein wichtiger Einflussfaktor. "Mittelfristig ist daher ein EU-weiter Minimal-Leistungskatalog und ein Finanzausgleich auf europäischer Ebene nicht undenkbar", so Perleth.

Qualitätsniveau halten

Der Wiener Sozialmediziner und Ökonom Prof. Dr. Bernhard Schwarz, Ludwig Boltzmann Institut für Gesundheitsökonomie, beurteilte die Situation etwas weniger düster. Seine Rezepte für die Gesundung des Systems:
• Wir werden mehr Geld benötigen.
• Wir müssen uns besser überlegen, wohin wir das Geld steuern.
• Wir müssen die Qualität der
Versorgung auf hohem Niveau halten.
Österreich habe eine hohe Ärzte- und Spitalsdichte. Dies sei in seinen Augen aber eine Stärke und nicht - wie so oft behauptet - eine Schwäche. "Dies zu belegen, ist Aufgabe der Gesundheitsökonomie", betonte Schwarz.

System braucht mehr Geld

Eine ökonomische Sicht, die dem Präsident der Ärztekammer für Wien vermutlich wohl in den Ohren klang: "Übertriebene Sparsamkeit ist der falsche Weg im Gesundheitswesen. Das System braucht dringend mehr Mittel, um den Standard halten zu können", betonte MR Prim. Dr. Walter Dorner. Der Gesundheitsmarkt sei einer der Antriebsmotoren der Wirtschaft und schaffe Arbeitsplätze. Daher sei es gefährlich, ausschließlich auf die Gesundheitsökonomen zu hören, warnte Dorner.

Die Hände gebunden

Offene Worte kamen vom Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse, Franz Bittner: Die Krankenkassen könnten nur bei den Ärzteverträgen sparen, da ihnen in anderen Bereichen, zum Beispiel bei den Spitälern, die Hände gebunden seien. "Wir vergessen dabei oft auf den Arzt und Behandler", so Bittner. Die finanzielle Situation werde jedoch nicht rosiger. Sollte die Entwicklung so weitergehen, erwarte die Wiener Kasse im Jahr 2006 ein Euro-Milliardendefizit.

Relevanter Wirtschaftsfaktor

"Das Finanzloch im Gesundheitswesen ist aber auch nicht alleine über Medikamenteneinsparungen zu stopfen", betonte Dr. Peter Mateyka, Vizepräsident des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie (FOPI). Er wies darauf hin, dass Arzneimittel 13 Prozent der Gesamtausgaben im Gesundheitswesen verursachten: "Damit kann man nicht die restlichen 87 Prozent retten." Seitens der pharmazeutischen Industrie habe man aber immer wieder mit diesem Vorurteil zu kämpfen. Dabei werde vergessen, dass die Zeit, in der ein Präparat seine Entwicklungskosten hereinspielen müsse, durchschnittlich nur acht Jahre betrage. Insgesamt investiere die forschende pharmazeutische Industrie 15 Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung und sei daher ein relevanter Wirtschaftsfaktor im Land.

Bevölkerung soll bestimmen

Zu einer "Gesundheit für alle" bekannte sich Prof. Dr. Kurt Grünewald, Gesundheitssprecher der Grünen. Dies könne jedoch nicht dazu führen, dass "jede Oma auf dem Nachtkästchen einen Computertomographen stehen hat". Man müsse sich auch der Relationen bewusst sein: Nur 20 bis 30 Prozent der Gesundheit mache die medizinische Versorgung aus. Der Rest hänge von anderen Faktoren, wie dem Einkommen, der Bildung, den Wohnverhältnissen, dem Arbeitsplatz und den Umweltbedingungen ab, betonte Grünewald. "Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Regierung vorhat, eine Milliarde Euro im Gesundheitswesen einzusparen. Daher ist es dringend an der Zeit, die Bevölkerung zu fragen, was ihr die Gesundheit wert ist."

Optimale Ausbildung für "berufene" Mediziner

Heftige Kritik an der Ärzteausbildung übte Prof. Dr. Hildegunde Piza, Vorstand der Universitätsklinik für plastische Chirurgie in Innsbruck. Nicht Einkommen und Ansehen in der Gesellschaft sollten die Motivation für die Wahl des Arztberufes sein, sondern der Wunsch, Menschen zu helfen. "Darum halte ich Zugangsbeschränkungen für ‚ungeeignete Medizinstudenten‘ für richtig, um den Berufenen optimale Ausbildungsbedingungen zu schaffen." Als ersten Schritt begrüßte Piza das neue Medizincurriculum, das nun eine Selektion nach dem ersten Abschnitt um nahezu die Hälfte vorsehe. Es sei aber auch die persönliche Verantwortung der Klinikvorstände gefordert, dem Nachwuchs die richtigen Werte zu vermitteln. Werde eine betont finanzielle Orientierung vorgelebt, sei das ebenfalls "kontraproduktiv".

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 10/2003

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