zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 2. Oktober 2006

Ärzte gegen "Mac Donaldisierung"

Wie sich doch die Bilder gleichen: Finanzierungsprobleme, ökonomischer Druck, Budgetierungen und Rationierungen. Europas Gesundheitssysteme laborieren an den gleichen Krankheiten, überall wird vor sich hinbehandelt, der Blick über die Grenzen selten gewagt.
Große Anerkennung ernteten daher die Ärztekammern für Wien und Niederösterreich für ihre Enquete "Was blüht Österreich?", zu der sie internationale Referentinnen aus Großbritannien, den Niederlanden und Deutschland geladen hatten. Leider fiel das Resümee alles andere als optimistisch aus: Es gibt viele negative Impulse im Ausland - mögen sie uns doch erspart werden, fasste MR Prim. Dr. Walter Dorner, Wiener ÄK-Präsident, sinngemäß die Veranstaltung zusammen. Für die Diskussion konstruktiver Konzepte und Lösungsansätze fehlte leider Zeit und Raum.

Maria Rauch-Kallat,
Bundesministerin für Gesundheit und Frauen:

Das österreichische Gesundheitswesen sei ausgezeichnet, die Menschen damit sehr zufrieden, meinte Rauch-Kallat. Ihr Anliegen sei es, die Finanzierung des Systems auch langfristig auf solidarischer Basis sicherzustellen. "Ich bekenne mich ganz klar dazu, dass es in Österreich nicht sein darf, dass eine Hüftoperation für einen über 70-jährigen Patienten nicht von der Krankenkasse bezahlt wird", betonte sie. Rauch-Kallat erteilte auch eine klare Absage an das System der Versicherungspflicht. Erst die Pflichtversicherung habe unser Gesundheitssystem so gut gemacht. "Wir werden aber nicht umhin kommen, durch Strukturreformen die Finanzierbarkeit unseres solidarischen Systems zu erhalten." Als Ministerin wolle sie nie über eine Interessensgruppe hinweg entscheiden, sondern immer den Dialog und Konsens suchen. Sollte dieser jedoch nicht gefunden werden können, werde sie aber auch den Konflikt nicht scheuen, kündigte Rauch-Kallat an.

Prof. Dr. Reinhard Waneck,
Staatssekretär für Gesundheit:

Die Definition von Zielen und die Qualitätssicherung rangieren für Waneck vor der Frage nach der Finanzierung. Er wolle nicht nur einsparen, sondern auch zusätzliche finanzielle Mittel bis zum Jahr 2005 lukrieren. Die Finanzierungsvariante durch die Arztgebühr in der Höhe von 5 oder 10 Euro pro Arztbesuch sei jedoch gestorben. Auch die Landesgesundheitsfonds für jedes Bundesland bezeichnete er als wenig sinnvoll, da solche Modelle die unterschiedlichen Systeme weiter zementierten anstatt sie zu harmonisieren. Dies sei für ein kleines Land wie Österreich nicht günstig.

Deutschland im Umbruch

"Wir haben in den letzten zehn Jahren praktisch permanent die Diskussion gehabt, dass die Kosten im Gesundheitswesen zu hoch seien", klagte Dr. Magdalena Benemann, Geschäftsführerin des Marburger Bundes, der deutschen Standesvertretung der Spitalsärzte. Die Statistik habe jedoch nachgewiesen, dass es keine "Kostenexplosion" gäbe. Das Gesundheitswesen erlebe ein moderates Wachstum entsprechend der Wirtschaftsentwicklung, betonte sie. Das Problem sei jedoch eine Einnahmenschwäche, von der alle Systeme betroffen seien, deren Finanzierung von den Löhnen und Gehältern abhingen. Das deutsche Gesundheitswesen befinde sich derzeit in einer dramatischen Umbruchsituation mit heftigen Konflikten. Benemann: "Es gibt starre Budgetierungen, die in den letzten Jahren zum Teil zu erheblichen Einkommenseinbußen bei den Leistungserbringern geführt haben, sowie eine überbordende Bürokratie, unter der vor allem die Ärzteschaft zu leiden hat." Während die Leistungserbringer - also Ärzte, Krankenhäuser und Pharmaindustrie - höhere Einnahmen für notwendig halten, sehen viele Politiker nach wie vor Rationalisierungsreserven im System. Der Konflikt ist vorprogrammiert. Als nun die Gesundheitsberufe mit einer "Nulllohnrunde" (Benemann: "In Wahrheit eine Minuslohnrunde.") bedacht wurden, trugen die Ärzte ihren Protest massiv auf die Straße. "Wir müssen der Politik klarmachen, dass das Gesundheitswesen nicht mit der Industrie vergleichbar ist", forderte Benemann. Die Ärzte würden sich gegen eine "Mac Donaldisierung" der Medizin zu Wehr setzen.

Niederlande: Gescheiterte Selbstbehalts-Experimente

Das niederländische Gesundheitswesen zeichne sich durch einen hohen Grad an Solidarität aus, lobte Loes Markenstein von der Royal Dutch Medical Association. Die Finanzierung basiere auf einem mehrstufigen Versicherungssystem und Beiträgen aus dem Staatshaushalt. Die Höhe des jährlichen Gesundheitsbudgets sowie seine Aufteilung auf die verschiedenen Sektoren des Gesundheitswesens würden von der Regierung festgelegt. Den staatlichen Einfluss bezeichnete Markenstein dennoch als ziemlich gering, seit Ende der 80er-Jahre versuche man noch mehr Wettbewerb einzuführen. Neben der Überalterung werde in den Niederlanden auch zunehmend der Mangel an Ärzten und Pflegepersonen zum Problem. Ursachen dafür seien der beschränkte Zugang zum Medizinstudium als auch die Zunahme von Teilzeitarbeit und Frühpensionierungen bei Ärzten.
Eine zentrale Rolle spielt im niederländischen Gesundheitssystem der Hausarzt. Er ist - neben Hebammen, Physiotherapeuten, Zahnärzten, Apothekern - für die medizinische Grundversorgung zuständig. Er fungiert auch als "Gate keeper" für die Zulassung der Patienten zu anderen Bereiche der Gesundheitsversorgung: Nur wenn er nicht weiter kann, überweist er an Fachärzte, Ambulanzen oder Spitäler. Sozialversicherte müssen sich bei einem Hausarzt ihrer Wahl registrieren lassen. Dieser erhält einen jährlichen Fixbetrag für jeden eingetragenen Patienten, unabhängig vom Umfang der erbrachten Leistungen. Dieses System bewähre sich und sei auch sehr ökonomisch, meinte Markenstein. Ein Problem sei jedoch, dass die Allgemeinmediziner viel Zeit für die Überweisung ihrer Patienten benötigten und nicht zu ihren ureigensten Aufgaben kämen.
In den Niederlanden habe man einige Erfahrung mit der Einführung von Selbstbehalten gemacht, "allerdings ohne durchschlagenden Erfolg", wie Markenstein betonte. Ein Beispiel: 1997 wurde eine Regelung eingeführt, wonach Versicherte bis zu 20 Prozent der Behandlungskosten bei einem jährlichen Höchstwert von 90 Euro (45 Euro für Personen mit niederen Einkommen) aus eigener Tasche bezahlen mussten. Der Besuch beim Hausarzt, Zahnarzt oder bei der Hebamme war von diesem Selbstbehalt ausgenommen. Das Experiment wurde 1999 eingestellt, weil die Verwaltungskosten weit über den Einsparungen lagen.
Ein Ziel der Selbstbehalte sei es gewesen, das Kostenbewusstsein bei den Patienten zu steigern, sagte Markenstein. Man habe die Zuzahlungen aber immer sehr gering gehalten, weil man befürchtete, sonst den Zugang zu Gesundheitsleistungen für sozioökonomisch benachteiligte Gruppen zu verschließen. Damit seien aber auch die Steuerungseffekte ausgeblieben, erklärte Markenstein.

Der englische Patient

Das britische National Health Service ist ein steuerfinanziertes System, das die kostenlose Versorgung der Patienten vorsieht. Es wurde nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert und habe einen starken Solidarcharakter, zu dem sich auch die heutige britische Gesellschaft und Regierung bekenne, sagte Lorelei Cooke von der Health Policy & Economic Research Unit of the British Medical Association.
Aktuelle Analyse zeigten jedoch, dass es Unterversorgungen, regionale Unterschiede in der Versorgung sowie die Zuteilungen zur Behandlung auf der Grundlage von Merkmalen, die nichts mit dem medizinischen Bedarf zu tun haben, gäbe. Es komme auch vor, dass Patienten der Zugang zu einer Behandlung aufgrund ihres Alters und ungeachtet ihrer individuellen physiologischen Funktionsfähigkeit verwehrt werde. Die Krankenhausabteilungen - zumeist Transplantationsstationen -, die offizielle Altersbeschränkungen für eine Behandlung kennen würden, seien jedoch in der Minderzahl. Die Mehrheit der Rationierung finde aufgrund der Entscheidung einzelner Klinikärzte statt, so Cooke. Ihre vorsichtige Formulierung: "Wenn alleine der physiologische Zustand als Grundlage für die Zuteilung einer Behandlung dient, ist zu erwarten, dass ältere Menschen bei uns im Schnitt wahrscheinlich eher von einer Behandlung ausgeschlossen werden als junge."
Cooke betonte, dass sich die derzeitige Regierung zum Ziel gesetzt hatte, gegen regionale Unterschiede beim Recht auf Behandlung - im Volksmund oft als "Postleitzahl-Verordnung" bezeichnet - und gegen Altersdiskriminierung im staatlichen Gesundheitsdienst vorzugehen. Dies werde jedoch ohne Aufstockung der finanziellen Ressourcen nicht funktionieren, meinte die Expertin.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 12/2003

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben