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Allgemeinmedizin 2. Oktober 2006

Schulärzte fordern mehr Freiräume

Während Lehrer gegen die von der Bundesregierung geplanten Stundenkürzungen protestieren und darin eine Gefahr für die Bildung unserer Schüler und eine reine Sparmaßnahme sehen, lässt sich für die Schulärzte in dieser Regelung sehr wohl ein positiver Aspekt erkennen. "Es kommt darauf an, wie man die gewonnene Zeit nützt", betont Dr. Lilly Damm, Koordinatorin für schulärztliche Angelegenheiten.
Das Thema Stundenkürzungen in Schulen erhitzt bereits seit langem die Gemüter. Die lang ersehnte Stellungnahme der österreichischen Landesschulärzte liegt nun auch auf dem Tisch (siehe Kasten), und ihre Forderungen gehen klar in eine Richtung: Eine Entlastung der Schüler ist notwendig, doch die gewonnenen Freiräume müssen konstruktiv genutzt werden. Eine reine Kürzung der Unterrichtsstunden erfüllt mit Sicherheit nicht ihren Zweck.

Sitzen macht Nackenschmerzen

Mehr als die Hälfte aller 16- bis 18-jährigen Schüler klagt über Nackenschmerzen. Durchschnittlich 9,3 Stunden am Tag müssen die Kinder sitzend und ohne ausreichende Bewegung verbringen. Die Aufnahmebereitschaft beginnt bereits nach 20 Minuten abzunehmen, die Schüler werden unkonzentriert.
Und genau hier setzt bereits der wichtigste Kritikpunkt der Schulärzte an. "Die Schulen müssen lernen, mit diesen Rhythmen besser umzugehen. Durch die gewonnene Zeit ergibt sich die Möglichkeit, gezielte Pausen einzulegen, in denen die Kinder den Lernstoff verarbeiten, sich körperlich betätigen, sich regenerieren und letztlich auch entspannter weiterarbeiten können. Diese ‚Freizeitbetätigungen’ sollten aber ebenfalls von Pädagogen geleitet werden", empfiehlt Damm. Sie gibt aber Folgendes zu bedenken: "Sollten die Kinder durch die Kürzung nur früher nach Hause geschickt werden, besteht die Gefahr, dass sie wiederum vor einem Bildschirm enden und die notwendige Bewegung erst recht zu kurz kommt."
Die Studien über Gewichtszunahme bei Jugendlichen sollten eigentlich genügend Grund zur Besorgnis geben. Die Tendenz zu Übergewicht ist in der gesamten westlichen Welt steigend. Als Vorbild könnten gesundheitsfördernde Schulen dienen. In derartigen Institutionen erbringen die Schüler nachweislich bessere Leistungen, rauchen seltener und konsumieren weniger Alkohol. Vor allem im Bereich des EDV-Unterrichts sehen die Mediziner einen großen Nachholbedarf, denn gerade bei der Arbeit vor dem Bildschirm sind gezielte Pausen mit Bewegung und das entsprechende Mobiliar besonders wichtig.

Frage der Prioritäten

Die Schulen besitzen einerseits zwar autonome Freiräume für die Anzahl der einzelnen Unterrichtsstunden, dürfen andererseits aber nicht versuchen, in der gekürzten Unterrichtszeit möglichst viel Lernstoff unterzubringen. Es ist also alles nur eine Frage der Argumentation und der richtigen Prioritäten.
Dadurch ergibt sich aber auch das eigentliche Problem für die Forderungen der Schulärzte, denn in den Verhandlungen wird den medizinischen Standpunkten nur selten das verdiente und nötige Gehör geschenkt. Es obliegt letztlich also den einzelnen Schulen, ob sie das Problem auch aus gesundheitlicher Sicht betrachten und aus diesen Stundenkürzungen eine wahre Erleichterung erreichen wollen, oder die Schüler durch komprimierte Lehrstoffvermittlung noch mehr unter Druck gesetzt werden.

Feichtenberger, Ärzte Woche 15/2003

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