zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 2. Oktober 2006

Sind die Ärzte kammermüde?

In den meisten Bundesländern sind die Wahlen geschlagen. Wer die wahren Gewinner sind, werden nun die konstituierenden Vollversammlungen zeigen. Ein Verlierer steht jedenfalls fest: die Wahlbeteiligung. Bei den Ärztekammerwahlen 2003 ging die Wahlbeteiligung in allen Bundesländern (bisher 7) zurück, in Wien rutschte sie sogar unter 50 Prozent. Auffallend niedrig war die Zahl der Turnusärzte, die von ihrem demokratischen Recht Gebrauch machten. Ein Faktum, das die Kammerführung doch zum Nachdenken anregt.
Hat sich Resignation breit gemacht? Sind die Ärzte zu wenig informiert? Gab es zu viele technische Probleme bei der Briefwahl? Oder hat gar die Kurienreform vor vier Jahren das Interesse an der Standesvertretung absinken lassen? Die Zahlen lassen darauf schließen: 1993 - als die Turnusärzte noch einen eigenen Wahlkörper hatten - gingen 43,8% dieser Gruppe in Wien zur Urne, heuer waren es nur mehr 27, 3%. In Tirol fällt der Vergleich ähnlich aus: Lag 1994 die Wahlbeteiligung im Wahlkörper der Turnusärzte noch bei 63,28 Prozent, betrug der Anteil der wählenden Turnusärzte in diesem Jahr nur mehr 46,6 Prozent. Mögen die Zahlen auch nicht ganz vergleichbar sein, so sollten sie doch Anlass geben, den Jungärzten in der Kammer mehr Augenmerk zu schenken.

Mag. Andrea Fried

>>Ich frage mich, ob sich die Turnusärzte bewusst sind, was eine starke Kammer wert ist."<<

Dr. Martina PlatzerDr. Martina Platzer
Vorsitzende der Sektion Turnusärzte in der Ärztekammer für Wien

Die Wahlbeteiligung war wirklich erschreckend niedrig. Ich frage mich, ob sich die Turnusärzte bewusst sind, was eine starke Kammer wert ist. Ich glaube aber, dass es nicht nur Interesselosigkeit, sondern auch eine Form der Resignation ist. Die Probleme der Turnusärzte haben stark zugenommen. Gerade in Wien haben ihnen die Gehaltverhandlungen große Opfer abverlangt, die dafür versprochene Ausbildungsoffensive ist bisher noch ausgeblieben. Viele fühlen sich betrogen. Das führt zu Frustration.

>> Wir erleben in unserem persönlichen Umfeld, dass die Diskussion, die derzeit in der Steiermark sehr heftig geführt wird, das Interesse weckt.<<

Dr. Peter SchmidtDr. Peter Schmidt
Obmann der Kurie der Angestellten Ärzte der steirischen Ärztekammer

Wir glauben nicht, dass die Ärzte kammermüde sind, die geringe Wahlbeteiligung ist für mich kein Zeichen von Resignation. Wir erleben in unserem persönlichen Umfeld immer wieder, dass die Diskussion, die derzeit in der Steiermark sehr heftig geführt wird, das Interesse weckt. Die Ärzte beginnen sich langsam mit kurienüberschreitenden Themen auseinander zu setzen.
Die Turnusärzte in Ausbildung zum Allgemeinmediziner sind ganz neu im System und kennen die Ärztekammer meist nur von der Überreichung des Ärzteausweises. Die wissen eigentlich nicht, was Standesvertretung mit allen Konsequenzen bedeutet. Die Assistenzärzte sind - davon sind wir überzeugt - wesentlich stärker zur Wahl gegangen. Wir wollen mehr Offenheit und Transparenz in die Kammer bringen und auch die Kommunikation verstärken. Die Kammer darf für die Mitglieder nicht länger eine Black Box sein. Dadurch wird sie auch interessanter.

>> Es ist enttäuschend, dass durch das Kuriensystem Gruppeninteressen aufgewertet wurden und nun ein Absinken der Wahlbeteiligung stattfindet.<<

Dr. Otto PjetaDr. Otto Pjeta
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Es ist ganz offensichtlich, dass hier gewisse Gruppen innerhalb der Ärzteschaft weniger an der Standespolitik interessiert sind, aber durch das Wahlsystem gleiche Möglichkeiten haben. Die Frage, was ein Mandat wert ist, ist sicherlich Anlass für Überlegungen, wie man hier wieder eine gerechte Verteilung herstellt. Es ist auch irgendwie enttäuschend, dass man durch das Kuriensystem Gruppeninteressen aufgewertet hat, und nun ein Absinken der Wahlbeteiligung stattfindet. Ich hoffe, dass es diesen Zusammenhang nicht gibt, denn das war das Letzte, was man damit bewirken wollte.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben