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Allgemeinmedizin 2. Oktober 2006

Hat der Paradigmenwechsel in der Radiologie gegriffen?

Der Begriff des Paradigmas und des Paradigmenwechsels wurde 1962 von Thomas S. Kuhn in die Wissenschaftstheorie eingeführt. In diesem Jahr erschien sein Buch "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen", das auch heute noch viel zitiert wird.
"Der Paradigmenwechsel in der Radiologe ist unter anderem auf die ungeheure Entwicklung bei den bildgebenden Verfahren zurückzuführen", so Prof. Dr. Heinrich Czembirek, Präsident der Österreichischen Röntgengesellschaft. Früher habe die Radiologie - als Lieferant von Informationsbausteinen - lediglich eine auxiliäre Funktion eingenommen. "Hingegen werden wir heute immer öfter direkt gefragt: Was hat der Patient?" so Czembirek. Dies bedeute aus seiner Sicht einen Paradigmenwechsel.
Orten andere Radiologen diesen Paradigmenwechsel ebenfalls? Und wie sehen Praktiker, die zum Teil während ihrer Tätigkeit im Krankenhaus zahlreiche Röntgenuntersuchungen durchgeführt haben, die aktuellen Entwicklungen in der Radiologie? Welche finden sie besonders faszinierend, welche eher problematisch? Und: Hat sich im Verhältnis zwischen niedergelassenen Allgemeinmedizinern oder Internisten durch die zunehmende klinische Orientierung der Radiologie etwas geändert?

Dr. Peter Wallner

>> Mir sind diejenigen Zuweisungen am liebsten, die ein Maximum an Information enthalten. <<

Doz. Dr. Franz Frühwald Doz. Dr. Franz Frühwald
Niedergelassener Radiologe in St. Pölten (Institut Frühwald-Steiner-Obermayr)

Nach meiner Erfahrung gibt es drei Typen von Zuweisern: Ärzte, die von uns Radiologen eigentlich nur ein "Bild" haben wollen, zweitens Ärzte, die meist recht unspezifische Angaben wie "Schulterschmerz" auf den Zuweisungsschein schreiben und von uns die exakte Diagnose erwarten, und drittens Kollegen, die den Patienten genauer untersucht haben und etwa "fragliche Arthritis" eintragen. Mir sind diejenigen Zuweisungen am liebsten, die ein Maximum an Informationen liefern, mühsam ist, wenn man diese erst mühsam aus dem Patienten "herauskitzeln" muss.
Generell halte ich die traditionelle "Gewaltentrennung" zwischen Zuweisern und Radiologen für eine gute Sache. Dadurch werden letztlich weniger Untersuchungen gemacht, was - zumindest aus Sicht des Strahlenschutzes - im Sinne des Patienten ist und auch unnötige Untersuchungen reduziert. Allerdings ist es auf Grund der rasanten Entwicklung des Fachgebiets für die zuweisenden Kollegen nicht so einfach, das jeweils am besten geeignete bildgebende Verfahren auszuwählen.

>> Wir Radiologen werden immer häufiger gefragt: Was hat der Patient? Man verlangt also von uns die Diagnose. <<

Prof. Dr. Heinrich CzembirekProf. Dr. Heinrich Czembirek
Leiter des Zentralröntgen am KH Lainz in Wien, Präsident der Österreichischen Röntgengesellschaft

Die konventionelle Röntgendiagnostik hatte früher in der Medizin nur eine Hilfsfunktion, sie lieferte lediglich Informationsbausteine. Heute ermöglichen die modernen Schnittbildverfahren klare Diagnosen. Daher werden wir Radiologen immer häufiger explizit gefragt: "Was hat der Patient?" Man verlangt also von uns die Diagnose, was aus meiner Sicht zweifellos als Paradigmenwechsel anzusehen ist.
Mit Hilfe der Multisclice-CT können heute zum Beispiel bei der unspezifischen Zuweisung "Thoraxschmerz" eine Fülle von Diagnosen ausgeschlossen oder bestätigt werden. Im Rahmen einer einzigen Untersuchung ist der Nachweis von kleinen Pulmonalembolien, entzündlichen Infiltrationen oder Primärtumoren in der Lunge und im Mediastinum möglich. Gleichzeitig sind auch Zusatzinformationen über die Situation im Oberbauch möglich.
Die MR wiederum ermöglicht bei uncharakteristischen Beschwerden im Bereich des Kniegelenks Diagnosen von hoher Sicherheit: vom Meniskusein- bis zum Kreuzbandriss, von der oberflächlichen Knorpelläsion bis zum gelenknahen Tumor.
Auch in der Onkologie hat die Radiologie sicherlich einen ganz anderen Stellenwert als früher. Hier denke ich - abgesehen von der Primärdiagnostik - an das Tumorstaging sowie das Monitoring der Therapie. Insgesamt werden wir durch diese Entwicklungen mehr gefordert, und die Kommunikation und Interaktion zwischen Radiologen und Ärzten anderer Fachrichtungen nimmt zu. Zum Paradigmenwechsel in der Radiologie zählt für mich weiters auch die zunehmende Bedeutung der interventionellen Radiologie.
Blickt man in die Zukunft, so wird die Bedeutung der modernen radiologischen Verfahren noch weiter zunehmen. Eine Vision der Radiologie besteht auch darin, dass ein ins Krankenhaus aufgenommener Patient zunächst - mit der entsprechenden klinischen Basisinformation - der radiologischen Abteilung zugeordnet wird. Diese entscheidet dann, welches der bildgebenden Verfahren primär einzusetzen ist.

>> Ich vermisse die Irrigoskopien nicht! <<

Dr. Helmut LeitnerDr. Helmut Leitner
Arzt für Allgemeinmedizin und Facharzt für Innere Medizin, St. Oswald-Möderbrugg (Bezirk Judenburg)

Als ich noch Internist im Spital war, habe ich viele Röntgenuntersuchungen und auch Irrigoskopien durchgeführt. Die Irrigoskopie vermisse ich durchaus nicht, und auch beim Thoraxröntgen war man sich doch öfters nicht so ganz sicher. CT und MR gab es damals ja noch nicht.
Die neuen bildgebenden Verfahren liefern heute oft die entscheidenden Informationen und spielen in der Primärdiagnose zweifellos
eine wichtige Rolle. Das ist einfach eine Tatsache und sicher ein Unterschied zu früher, wo die radiologische Diagnostik häufig der Bestätigung des klinischen Verdachts diente und eher eine Hilfsfunktion innehatte.
Ich habe mit dieser Entwicklung keine Probleme und finde die Möglichkeiten speziell der MR wirklich faszinierend. Aus medizinischer Sicht ist dies sicher zu begrüßen, ich verstehe aber, dass die Kostenträger darüber nicht glücklich sind. Spektakulär erscheinen mir auch die invasiven Verfahren sowie die Möglichkeiten der interventionellen Radiologie.
Insgesamt sehe ich die Entwicklungen im Bereich der Radiologie sehr positiv und bin mit der Arbeit der niedergelassenen Kollegen in 99 Prozent der Fälle zufrieden.

>> Ich habe Radiologen eigentlich nie als meine 'Fotografen' betrachtet. <<

Dr. Manfred Müller-Klingspor Dr. Manfred Müller-Klingspor
Arzt für Allgemeinmedizin in Wien

Ich habe Radiologen eigentlich nie als meine "Handlanger" oder "Fotografen" gesehen, sondern denke, dass nur durch enge Zusammenarbeit Synergieeffekte zum Wohle der PatientInnen zu erzielen sind. Gerade heute, da es durch den gezielten Einsatz von Ultraschall, CT und Magnetresonanz nicht selten gelingt, eher vage klinische Beschwerden durch die Bildgebung aufzuklären, hat der Radiologe meiner Ansicht durchaus die Berechtigung, klinische Äußerungen in den Befund einfließen zu lassen.
Bei Zuweisungen geht es einesteils um die Bestätigung der Verdachtsdiagnose, in anderen Fällen möchte man, dass einem der Radiologe weiterhilft. Übrigens gibt es auf dem Zuweisungsformular mehr Platz für den Körperteil als für die Krankheit. Speziell dann, wenn man mit der Hand schreibt, reicht der Platz öfters nicht aus. Sehr hilfreich für die Zuweisung ist die "Orientierungshilfe Radiologe", an die wir uns im Allgemeinen halten. Schließlich hat sich in der Radiologie viel getan: Wenn ich zum Beispiel an die Gallenblasendiagnostik denke, dann ist es noch gar nicht so lange her, dass die orale Cholezystographie gang und gäbe war. Heute macht man diese Untersuchung nicht mehr, und auch die i.v.-Cholangiographie wurde von der MR praktisch abgelöst; Basisdiagnostik ist natürlich der Ultraschall.
Stürzt ein Patient beim Eislaufen auf den Kopf, fordert man heute gleich ein Schädel-CT an, bei Schulterbeschwerden durch Sport eine MR bzw. bei Sehnenläsionen eine Ultraschall-Untersuchung. Nur beim Hüftgelenk ist es noch bei der guten alten Röntgendiagnostik geblieben. Beim Kniegelenk kommt man bei den meisten Verletzungen nicht um eine MR herum, denke ich. Die Krankenkassen sehen dies zwar nicht so gerne, aber insgesamt ist es doch zweifellos billiger, gleich am Anfang eine MR durchzuführen.
Spektakulär finde ich auch die Erfolge, die gute Abteilungen mit Hilfe der interventionellen Radiologie erzielen. Erst vor kurzem hat sich eine 83-jährige Patientin von mir, die an ausgeprägter Claudicatio intermittens litt, einer PTA unterzogen - mit einem wirklich beeindruckenden Ergebnis.

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