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Allgemeinmedizin 2. Oktober 2006

"Billige" Sachverständige sind gefragt

Seit zehn Jahren gibt es den ICD-10. In vielen Bereichen nicht unumstritten, hat er doch vor allem bei den psychiatrischen Erkrankungen einiges dazu beigetragen, die Diagnosen dem Stand der Wissenschaft anzupassen. Doch selbst Sachverständige und Gerichtsgutachter scheinen ihn oft nicht zu kennen.

Eine besondere Bedeutung erlangt die Diagnose bei der Erstellung psychiatrischer Gutachten. "Bis tief in die 80er-Jahre gab es Sachverständige, deren Ausbildung sehr lange zurück lag und die im Kopf Klassifikationen hatten, die weit älter als der ICD-9 waren", sagt der Psychiater Ass.-Prof. Dr. Alexander Friedmann, Leiter der Spezialambulanz für Transkulturelle Psychiatrie und Migrationsbedingte Psychische Störungen der Universitätsklinik Wien. Lange Zeit war es so, dass zwischen organisch bzw. biologisch bedingten, also "echten Krankheiten" einerseits und umweltbedingten psychischen Störungen andererseits, unterschieden wurde. Je nachdem wurde eine Einschränkung der Erwerbsfähigkeit attestiert oder auch nicht.
"Früher war der Sachverständige wie der liebe Gott", sagt Friedmann, der selbst als Gutachter tätig ist. Da wurden auch nicht selten Entscheidungen getroffen, die an den "Grundfesten der Rechtssprechung" (Friedmann) gerüttelt haben. Doch auch heute seien bei weitem nicht alle Sachverständige am letzten Stand der Wissenschaft. Besonders in der Psychiatrie liege vieles im Argen, kritisiert Friedmann. "Es geht hier oft um Rechte der Menschen, und das verlangt größte Sicherheit in der Diagnostik", mahnt er. Viele Sachverständige und auch die Gerichte müssten sich hier vielfach den Vorwurf der Fahrlässigkeit gefallen lassen (siehe unten "Der Fall Gonzalez).

Qualitätsfeindliche Gebühren

Ein Problem sei auch das Faktum, dass Gutachter schlecht bezahlt werden. Das Gebührenanspruchsgesetz, das für Gutachten im öffentlichen Bereich gilt, arbeite gegen die Qualität, kritisiert Friedmann. Während Statiker, Ziviltechniker oder auch Juristen keinerlei Beschränkungen bei der Honorierung ihrer Gutachten hätten und dafür bis an die 10.000 Euro kassieren dürften, gibt es für Mediziner strengste Reglementierungen. Dabei werden jedoch die von der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) empfohlenen 245 Euro pro Stunde weit unterschritten. Eine Tatsache, die unter anderem auch in der Fachzeitschrift "Der Sachverständige" (Heft 1/2003) bereits heftig kritisiert wurde. Da heißt es: Beim Ärztetarif des §43 Gebührenabgabegesetz seien legistische Maßnahmen dringend geboten.
Die Konsequenz des Preis-Dumpings sei, dass nicht selten "billige" Sachverständige von den Richtern beauftragt würden. Oft führe das zu Gutachten, die nicht länger als eine Seite seien und dem Stand der Wissenschaft nicht gerecht würden. Das widerspreche dem Anspruch auf Qualität und den Rechten des Kranken, meint Friedmann. Auch psychiatrische Massenuntersuchungen, wie sie vor den Arbeits- und Sozialgerichten vorkommen und wo ein Sachverständiger pro Tag bis zu zehn Fälle begutachte, diktiere und vor Gericht vortrage, seien mehr als bedenklich. Friedmann: "Es geht um die Zukunft von Menschen. Das verlangt höchste Seriosität."

Mag. Andrea Fried

Der (tragische) Fall Gonzalez

Vielen Gutachtern scheint das posttraumatische Belastungssyndrom nach wie vor unbekannt zu sein

Ein Student wird nach dem Militärputsch vom 11. September 1973 in Chile inhaftiert, misshandelt und mit dem Tod bedroht. Er bekam Asyl in Österreich. 30 Jahre später leidet er noch immer unter den Folgen dieses Traumas. Doch vom Amtsarzt wird das ignoriert.
José Gonzalez* ist 51 Jahre alt und lebt in Wien. Er ist verheiratet und hat einen Sohn. Wenn er von seinem früheren Leben in Chile erzählt, dann zittern seine Hände noch stärker als sonst. Besonders wenn er von jenen zehn Tagen in der Todeszelle der Militärputschisten berichtet. Er wurde geschlagen, misshandelt und mit der Hinrichtung bedroht. Er wusste, dass zahlreiche Bekannte und Freunde nach ihrer Inhaftierung spurlos verschwunden waren. Die Angst, die er durchlebte, kann er nicht in Worte fassen - verspüren aber noch immer. Auch heute, genau 30 Jahre später, schreit er immer wieder im Schlaf auf und schlägt um sich.

1974 Asyl in Österreich

Vor seiner Inhaftierung war José Gonzalez Publizistik-Student in Santiago und arbeitete als Journalist bei einem Radiosender der Universität. Als Studentenführer hatten es die Militärs ganz besonders auf ihn abgesehen. 1974 bekommt Herr Gonzalez Asyl in Österreich. Hier versucht er sein Publizistik-Studium fortzusetzen. Da er ein Stipendium beantragt hat, kann er nur geringfügige Arbeitsverhältnisse als Arbeiter abschließen. Starke Angstzustände und Konzentrationsprobleme, unter denen er seit seiner Inhaftierung leidet, verhindern einen erfolgreichen Abschluss.
Als er aus dem Leben scheiden will, retten ihn zwei seiner chilenischen Freunde. Er hofft, das Erlebte aus eigener Kraft verarbeiten zu können. Sein Selbstwertgefühl ist jedoch schwer beschädigt. Seine Gefühle beschreibt er mit Wut, Ohnmacht, Demütigung und Nutzlosigkeit.
Anfang der 90er-Jahr erleidet er eine schwere Gehirnblutung, die zu einem mehrtägigen Koma und einer Halbseitenlähmung führt. Die Rehabilitation nach einer Gamma-Knife-Intervention dauert ein ganzes Jahr. Zurück bleiben ein Kraftverlust der unteren Extremitäten sowie ein Tremor beider Hände.
Ein psychiatrisches Attest bescheinigt das Auftreten eines hirnorganischen Psychosyndroms. Sechs Jahre später wird bei Herrn Gonzalez ein Tonsillen-Karzinom entdeckt und operiert. Als Folgeoperation wird im selben Jahr eine Neck-Dissection sowie eine langwierige Radiotherapie durchgeführt. Er verliert 10 Kilo an Gewicht. Sein Allgemeinzustand und auch seine Depression, die seit einiger Zeit medikamentös behandelt wurde, verschlechtern sich deutlich.
Herr Gonzalez verfügt seit seiner Erkrankung über kein eigenes Einkommen. Er stellt bei der Pensionsversicherungsanstalt einen Antrag auf Invaliditätspension, der abgelehnt wird. Die Inhaftierung, die Misshandlungen und die Gewährung des Asyls sind im Bescheid mit keinem Wort erwähnt. Eine Posttraumatische Belastungsstörung wird vom ärztlichen Begutachter ebenfalls nicht festgestellt, obgleich ein ärztliches Attest des Hausarztes mit dieser Diagnose vorgelegt wurde und auch ein testpsychologischer Befund der Klinik deutliche Hinweise darauf enthielt. Der essentielle Tremor wird im ablehnenden Bescheid als Konversionsstörung bezeichnet.

"Eine läppische Formulierung"

"Das ist eine läppische Formulierung für das, was dieser Mann tatsächlich an vernichtenden Lebensereignissen durchgemacht hat und unter denen er heute noch leidet", kritisiert Gonzalez’ Hausarzt, Dr. Hans-Joachim Fuchs, die "Oberflächlichkeit" der Begutachtung. Das Faktum Asyl werde einfach unterschlagen, "nicht einmal ignoriert". Ein zweiter Antrag auf Invaliditätspension wurde zu Beginn dieses Jahres erneut abgelehnt. Auch darin kein Wort über das, was Herr Gonzalez erlebt hat. Nun läuft ein Verfahren vor dem Arbeits- und Sozialgericht.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 21/2003

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