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Allgemeinmedizin 2. Oktober 2006

Wer will den Facharzt für Allgemeinmedizin?

Die EU wünscht sich eine einheitliche Ausbildung für ihre Allgemeinmedi-
ziner. Österreich erfüllt derzeit gerade einmal die Mindeststandards. Damit eine längere Ausbildung aber auch Sinn macht, müssten sich die Rahmenbedingungen deutlich verbessern, meinen Experten.

Der Facharzt für Allgemeinmedizin (AM) steht vor den Toren Österreichs. Auf sanften Druck aus der EU wurde die Diskussion angeheizt. Tatsache ist, dass es mit der Ausbildung zum praktischen Arzt hierzulande nicht zum Besten steht. Österreich erfüllt gerade mal die Mindestanforderungen der Ausbildung, der Turnus steht im Kreuzfeuer der Kritik und die Lehrpraxen sind laufend vom Aushungern bedroht.
Auf der anderen Seite erhalten beispielsweise deutsche Ärzte bereits nach 18 Monaten postpromotioneller Ausbildung ihre Approbation und können ihren Beruf - auch in Österreich - ausüben. Das bedeutet wiederum einen Wettbewerbsnachteil für unsere Jungmediziner, die die Berufsberechtigung erst mit dem ius practicandi erhalten.
Der zur Diskussion stehende Facharzt für Allgemeinmedizin würde nun auch in Österreich zu einer Verlängerung der postpromotionellen Ausbildung (auf 4 bis 5 Jahre) und vermutlich zur Approbation zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt führen. Kritiker warnen vor nicht zu unterschätzenden Problemen: Eine Verlängerung des Turnus in der bisherigen Form würde zu keiner Verbesserung der Ausbildung führen. Die Organisation der Lehrpraxen bekäme man derzeit schon nicht in Griff, wie solle das dann in einer ausgeweiteten Form funktionieren, fragen sich engagierte Lehrpraxisleiter wie der Wiener Allgemeinarzt Dr. Hans-Joachim Fuchs.

Den Turnus nicht zerschlagen

In der Ärztekammer für Kärnten warnt der langjährige Funktionär Dr. Beppino Maieron vor einem Heer approbierter Ärzte ohne zusätzliche Ausbildung, die sich so recht und schlecht als Privatärzte und als Angestellte in Institutionen durchs Leben schlagen würden. Auch sollte man seiner Ansicht nach den Turnus nicht zerschlagen, weil man dabei auf den Vorteil verzichten würde, dass die Kosten der Ausbildung im Wesentlichen von den Krankenanstalten getragen würden. Auch Dr. Reiner Brettenthaler, grundsätzlich ein Befürworter des Facharztes für AM, sieht die Gefahr eines drohenden Allgemeinmedizinermangels durch die Verlängerung der Ausbildung. Die Mehrzahl der Jungmediziner würde sich wohl für eine andere Fachrichtung mit höheren Einkommenserwartungen und mehr Sozialprestige entscheiden, befürchtet er.
Als Vorteile sehen jedoch viele die Chance, die Ausbildung verbessern und praxisnaher gestalten zu können. Auch das Image des Praktikers würde gehoben werden: "Dann sind wir wenigstens nicht mehr die Underdogs unter den Medizinern", wie es kürzlich ein Wiener Kollege formulierte. Ob der Facharzt zu einer tatsächlichen Verbesserung der Ausbildung führen kann, wird ganz wesentlich von den Rahmenbedingungen abhängen. Die Reform des Medizinstudiums war sicherlich ein erster wichtiger Schritt. Eine reine Verlängerung der postpromotionellen Ausbildung in ihrer bisherigen Form würde das Ziel jedoch weit verfehlen.

Mag. Andrea Fried

"Es müssen neue Inhalte geschaffen werden. "

Dr. Reiner BrettenthalerDr. Reiner Brettenthaler
Präsident der Ärztekammer für Salzburg und Präsident des Dachverbandes der europäischen Ärzte (CPME)

In der Österreichischen Ärztekammer gibt es zu dieser Frage noch keine einhellige Meinung. Aber es zeichnet sich eine Grundtendenz ab, den Facharzt für Allgemeinmedizin anzustreben, wenn gewisse Voraussetzungen erfüllt werden. Man will keinesfalls nur eine Verlängerung der bisherigen Turnusarzttätigkeit, die zu 60 Prozent aus EDV besteht.
Es müssten auch neue Inhalte und ein neues System des Lernens und Lehrens geschaffen werden. Jedenfalls sollte eine Ausweitung der Fächer stattfinden, man braucht z.B. Psychiatrie und Orthopädie. In Europa ist man auch dieser Meinung. Man will den Weg zum Facharzt für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, den viele nordische Länder schon eingeschlagen haben, europaweit gehen. Da gibt es also einen Gleichklang der europäischen und der österreichischen Interessen.
Manche Gruppen meinen, dass durch die Änderung der Studienordnung eine praxisnahere Medizinerausbildung entstanden ist und es daher möglich sein müsste, mit Ende des Studiums auch ein eingeschränktes ius practicandi zu erlangen. Dies kann jedoch nicht im Rahmen der Sozialversicherungen, d.h. für Kassenverträge gelten. Oder man macht einen "common trunk" wie in Schweden, wo es 21 Monate eine gemeinsame Ausbildung gibt und dann eine fachspezifische Trennung erfolgt. Diese Diskussion ist bei uns aber nicht abgeschlossen.

"Die zukünftigen Allgemeinmediziner werden neuen Aufgaben gerecht werden müssen."

Dr. Reinhold GlehrDr. Reinhold Glehr
Arzt für Allgemeinmedizin in Hartberg

Im Zuge der Krise der europäischen Gesundheitssysteme wird einereffektiven und effizienten Grundversorgung vermehrt Beachtung geschenkt. Die jetzt umgesetzte Reform des Studiums der Humanmedizin in Österreich trägt diesem Trend bereits Rechnung und hat zwangsläufig Überlegungen hinsichtlich der postpromotionellen Weiterbildung nach sich gezogen.
Eine deutliche Unterscheidung des unmittelbar nach dem Studium approbierten Arztes, den es ja auf Grund des EU-Rechtes bereits jetzt in Österreich gibt, vom Arzt für Allgemeinmedizin, der den Anforderungen des erweiterten Wissensstandes über Primärversorgung entspricht, ist notwendig.
Die Rahmenbedingungen für Allgemeinmedizin haben sich in den letzten Jahren mit großer Geschwindigkeit geändert. Die Patienten haben sich durch die Informationsflut zu wissenden, kritischen Konsumenten entwickelt, die medizinische Versorgung ist arbeitsteiliger geworden mit größerem Steuerungsbedarf, evidenzbasierte Konzepte für eine strukturierte, Leitlinien-gestützte Betreuung haben sich etabliert, die Zusammenarbeit mit den Kostenträgern wird immer strengeren Regulativen unterworfen. Maßnahmen sind zu treffen, dass zukünftige Allgemeinmediziner diesen Aufgaben gerecht werden können.
In Österreich absolvieren zukünftige Spezialisten derzeit häufig zuerst die gesamte Turnusausbildung und konkurrenzieren später bei der Vergabe von Planstellen mit ebenso zunehmender Häufigkeit jene Ärzte für Allgemeinmedizin, die sich speziell auf die hausärztliche Tätigkeit durch Lehrpraxis und Praxisvertretung vorbereiten. Dementsprechend ist das Interesse junger Ärzte an einer effektiven, eigentlichen Weiterbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin in letzter Zeit immer mehr zurückgegangen.
Die Befürchtung mancher Gegner eines Facharztes für Allgemeinmedizin, dass durch eine Verbesserung und Verlängerung der Weiterbildung ein Ärztemangel hervorgerufen wird, ist bei unserer derzeitigen Ärztestatistik nicht nachvollziehbar. Die Angst vor zu vielen niedergelassenen approbierten Ärzten ohne entsprechende Weiterbildung wird auch in Zukunft abhängig von den Qualitätswünschen der Versicherungen geregelt sein. Die Verbesserung der Turnusausbildung als Grundlage der Weiterbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin ist mit oder ohne Facharzt für AM notwendig, um den gestiegenen Anforderungen der Grundversorgung gerecht werden zu können.
Die Änderungen der Arzt-Patient-Beziehung und der Anforderungen der Versicherungen lassen es nicht mehr zu, dass ein Großteil der für die allgemeinmedizinische Tätigkeit notwendigen Kenntnisse autodidaktisch erworben werden. Die Umsetzung einer geänderten Weiterbildungsordnung bedarf aber unbedingt geeigneter Rahmenbedingungen. Die Weiterbildungsverpflichtung des Landes muss in seinem eigenen Interesse erhalten bleiben, die Struktur der Weiterbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin muss der Breite der späteren Anforderungen entsprechen, und die Förderung der Lehrpraxis, die Bestandteil der neuen Weiterbildung sein soll, muss verbessert werden.

"In Österreich wäre ein radikales Umdenken bei den Lehrpraxen notwendig."

Dr. Gertraud Rothe
Allgemeinmedizinerin in Wien, Gründungsmitglied von EURACT (European Academy of Teachers in General Practice)

Der Trend geht in Richtung Verlängerung der Ausbildung von derzeit drei auf vier bis fünf Jahre. Zentraler Bestandteil sollte dabei sein, dass die Lehrpraxis beim niedergelassenen Allgemeinmediziner im Zentrum steht. Mindestens die Hälfte der Ausbildungszeit sollte der junge Mediziner hier absolvieren. Er hat einen Ausbildungsverantwortlichen, der sich um ihn kümmert und ihn auch beurteilt. Dieser muss natürlich auch regelmäßig seine Qualifikation nachweisen und für diese Tätigkeit entsprechend honoriert werden.
Wichtig ist, dass der Praktikant Verantwortung übernehmen und am Patienten tätig werden kann und nicht nur zuschauen darf. Es ist auch denkbar, dass er von der Ordination aus seine Ausbildung im Spital absolviert. Das würde eine sinnvolle Brücke bilden. In Österreich wäre dazu ein radikales Umdenken bei den Lehrpraxen notwendig, denn die erfahren großen Widerstand unter dem Vorwand von Finanzierungsproblemen. Damit stehen wir in Europa ziemlich alleine da - überall anders sind die Lehrpraxen besser etabliert.

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