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Allgemeinmedizin 2. Oktober 2006

Ministerium nimmt wissentlich tote und behinderte Kinder in Kauf

Schutzimpfungen gehören zu den wirksamsten Präventivmaßnahmen der Medizin. Sie helfen nicht nur persönliches Leid zu verhindern, sondern auch Krankheitsfolgekosten einzusparen. Ärzte laufen für die flächendeckende Pneumokokken-Impfung von Kindern ab dem 2. Lebensmonat Sturm, doch das zuständige Ministerium kann sich das nicht leisten.

Die Vorgangsweise unserer Regierung kann nur höchst kritisch beurteilt werden. "Obwohl der Impfausschuss des Obersten Sanitätsrates bereits mehrfach ausdrücklich eine Pneumokokken-Impfung für alle Kinder ab dem 2. Lebensmonat empfohlen hat und deren Wertigkeit und Finanzierbarkeit seitens des Gesundheits-Staatssekretariates nie in Frage gestellt wurde, wird nach wie vor kein Geld zur flächendeckenden Umsetzung bereitgestellt", sagte Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, Mitglied des Impfausschusses und Leiter der Abteilung für spezielle Prophylaxe und Tropenmedizin, Univ. Wien, auf der Protestpressekonferenz am 13. Juni in Wien.

"Das ist ein gesundheitspolitischer Skandal"

"Der offensichtliche Sinneswandel, der mit der Übernahme des Ministeriums durch Frau Rauch-Kallat zusammenfällt, ist uns völlig unverständlich", so die anwesenden Experten entrüstet. Eigentlich ein gesundheitspolitischer Skandal, denn die Kosten dieser High-Tech-Impfung sind auf Grund des aufwändigen Entwicklungsprozesses, der Zwischenhandelsspannen und der Mehrwertsteuer so hoch, dass sich derzeit nur Eltern mit genügend Geld diese erfolgreiche Vorsorge für ihr Kind leisten können (siehe Kasten unten: "Nachgefragt: Daten und Fakten.").
Was ist mit den anderen Kindern? "Offensichtlich benötigt unsere Regierung mehr Tote, um endlich zu handeln. Denn sie nimmt entgegen dem ärztlichen Rat des Impfausschusses wissentlich bei Kindern, deren Eltern sich infolge ihres geringen Einkommens die Impfung nicht leisten können, eine Pneumokokken-Meningitis, -Sepsis und -Pneumonie und deren Folgen in Kauf", sagte Prof. DDr. Ernst G. Huber, langjähriger Primar, engagierter Kinderarzt und Präsident des Österreichischen Grünen Kreuzes für Vorsorgemedizin, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. "Gerade Säuglinge und Kleinkinder bis zu fünf Jahren haben aufgrund ihres noch nicht völlig ausgebildeten Immunsystems ein ganz besonders hohes Risiko, an einer invasiven Pneumokokken-Infektion zu erkranken", betonte Prof. Dr. Karl Zwiauer, Mitglied des Impfausschusses und Vorstand der Abt. für Kinder- und Jugendheilkunde, LKH St. Pölten.
Dieses noch insuffiziente Immunsystem ist auch der Grund, warum nicht der Impfstoff für Erwachsene verwendet werden kann. Nach internationalen Studien verlaufen 10 Prozent der invasiven Pneumokokken-Infektionen tödlich. Bei 30 bis 40 Prozent der Überlebenden bleiben unterschiedlich schwere Dauerbehinderungen in Form von Taubheit, psychomotorischer Retardierung, Zerebralparesen, zerebralen Krampfanfällen, Schreianfällen, Störungen des Gleichgewichtes, des Denkens oder des Sprechens zurück. Zwiauer: "Diese Langzeitschäden können sich auch bei rechtzeitig einsetzender Diagnose und Therapie entwickeln, da die zur Verfügung stehenden Antibiotika auf Grund der zunehmenden Resistenzen für die sichere Bekämpfung der Pneumkokken nicht ausreichen."

Dauerfolgen kommen teuer

Der Betreuungsaufwand für Dauerfolgen ist extrem hoch, die Folgekosten ebenfalls. Ein behindertes Kind kostet im Laufe seines Lebens dem Gesundheitssystem etwa 700.000 Euro und den Eltern jährlich rund 18.200 Euro an privaten Mehrkosten. Mit dem konjugierten polyvalenten Pneumokokken-Impfstoff für Kinder ließen sich hingegen 90 Prozent der Erkrankungen verhindern und zusätzlich, quasi als Nebeneffekt, etwa 20.000 Mittelohrentzündungen pro Jahr. Nur Risikokinder zu impfen, zahlt sich weder seitens der Prävention noch ökonomisch gesehen aus (siehe Grafik).
"Wir können nicht zulassen, dass der freie Zugang zur kostenlosen Pneumokokken-Impfung durch das Bundesministerium für Gesundheit und Frauen erneut verzögert wird", so die ob diesem Gebaren fassungslosen Experten. "Die Entscheidung, nicht alle Kinder in Österreich zu impfen, ist rein politisch, denn der Oberste Sanitätsrat hat seine ausdrückliche ärztliche Empfehlung für die Impfung gegeben", betonten die Experten abschließend.

Dr. Sabine Schneider

"Gesichert ist derzeit nur die Impfung von Risikokindern"

Stellungnahme von Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat

Gesundheitsministerin Maria Rauch-KallatWarum wird seit einem Jahr kein Geld für einen freien, kostenlosen Zugang zur Pneumokokken-Impfung aller Kinder in Österreich zur Verfügung gestellt, obwohl sich dadurch nachweislich allein 90 Prozent der schweren Infektionen (Meningitis, Sepsis, Lungenentzündung) verhindern lassen und obwohl der Impfausschuss des Obersten Sanitätsrates bereits mehrfach die ärztliche Empfehlung zur generellen Impfung abgegeben hat? Wer ist schuld daran?

Rauch-Kallat: Ich erkenne sehr wohl die Gefahr, die von einer Pneumokokken-Infektion ausgeht, doch im Moment ist eine generelle Impfung aller österreichischen Kinder zu
teuer. Nach unseren Berechnungen würden sich die Gesamtkosten derzeit auf rund 18 Millionen Euro pro Jahr belaufen. Dieses Geld hat unser Gesundheitsressort nicht, und das Budget des Finanzministers für 2003/2004 ist bereits abgeschlossen. Gesichert ist dagegen das Budget zur Impfung von Risikokindern, wir warten diesbezüglich aber noch auf die Expertenmeinung des Impfausschusses des Obersten Sanitätsrates. Selbstverständlich werden wir auch in den weiteren Verhandlungen mit dem Alleinanbieter alles versuchen, um den Preis dieses Spezialimpfstoffes so weit herunter zu handeln, dass er auch den anderen Kindern günstig zur Verfügung gestellt werden kann.

Wann wurde seitens des Gesundheitsministeriums bzw. des vorherigen Bundesministeriums für soziale Sicherheit und Generationen eine Budgeterhöhung für 2003/2004 beantragt, um eine generelle Pneumokokken-Impfung aller Kinder zu ermöglichen?

Rauch-Kallat: Im Vergleich zum Budget 2002 wurde für das Jahr 2003 und auch 2004 eine Budgeterhöhung beantragt, die in vollem Umfang die Umsetzung einer Pneumokokken-Impfung vorsah. Der Antrag erfolgte bei der routinemäßigen Budgetplanung für die Doppeljahre im heurigen Frühjahr und auch bei den Budgetverhandlungen, die noch im BMSG im vergangenen Winter mit dem BMF stattfanden.

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