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Allgemeinmedizin 21. September 2006

Psychotherapie auf Krankenschein ist rar

Seit mehr als zehn Jahren müsste es Psychotherapie auf Krankenschein geben. Nachdem kein bundesweiter Gesamtvertrag zustande gekommen ist, haben die Länderkassen eigene Modelle gebastelt. Der Bedarf ist jedoch noch bei weitem nicht gedeckt.

Die Versorgungslücke merkt jeder Arzt spätestens dann, wenn er einen seiner Patienten überweisen möchte: Psychotherapie auf Krankenschein ist rar. In den meisten Fällen gibt es von der Kasse nur einen Zuschuss von 21,80 Euro pro Therapiestunde. Bei Honoraren zwischen 61,50 und 123 Euro macht das einen etwa 70-prozentigen Selbstbehalt aus, der für finanzschwache Patienten unleistbar ist.
Mindestens zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung - das sind rund 170.000 bis 400.000 Österreicher-Innen - hätten Bedarf an einer Psychotherapie, so die Schätzungen des ÖBIG (Österreichisches Bundesinstitut für Gesundheitswesen). Im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger geht man hingegen von einem Bedarf an ambulanter Psychotherapie von 0,7 Prozent aus.

Niedriges Plansoll

Doch auch dieses bereits sehr niedrig angesetzte Plansoll wird in der Realität bei weitem nicht erreicht. Nur rund 33 Prozent der dafür notwendigen Stunden könnten derzeit österreichweit auf Krankenschein erbracht werden, bemerkte erst kürzlich der Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse. Stolz fügte er hinzu, dass in Wien 90 Prozent des vom Hauptverband festgelegten Bedarfes gedeckt seien. Was sich in der Praxis jedoch nicht immer bemerkbar macht.
Besonders bei schweren Störungen und Sozialfällen (Drogensubstitutionspatienten) ist es auch in der Medizin-Weltstadt Wien sehr schwer, sofortige und kostenfreie Psychotherapie zu bekommen. Vor allem Gewalt- und Mobbingopfer bräuchten sofort einen Gratisplatz, fordert der Kassenarzt Dr. Hans-Joachim Fuchs. Die Allgemeinmediziner würden aber mit ihren Patienten bis zu einem Viertel oder halben Jahr allein gelassen. Nur für Verbrechensopfer gebe es beim Weißen Ring sofort das Geld für einen Behandlungsplatz.
Nachdem es seit zehn Jahren dem Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie (ÖBPV) und dem Hauptverband nicht gelungen ist, einen Gesamtvertrag auf die Beine zu stellen (dreimal lag er unterschriftsreif vor!), haben die einzelnen Kassen an eigenen Modellen gebastelt und bieten nun zumeist über Vereine Psychotherapie auf Krankenschein an. Damit wurde wieder einmal - wie auch in vielen anderen Bereichen des Gesundheitswesens - die Grundlage für eine Ungleichbehandlung der Patienten in unserem Land gelegt. Während im "Mustergesundheitsland" Vorarlberg der Bedarf gut gedeckt zu sein scheint und hier auch Patienten mit geringfügigeren (beginnenden?) Leiden kostenfreie Psychotherapie bekommen können, gibt es in anderen Ländern hohe Zugangsbarrieren.
In Tirol obliegt es beispielsweise der "Tiroler Gesellschaft für psychotherapeutische Versorgung", auszusieben, welchen Patienten die Psychotherapie auf Krankenschein zukommen soll und wer bloß einen Zuschuss von der Kasse erhält. Beurteilt werden dabei unter anderem Schwere der Erkrankung und Dringlichkeit der Behandlung sowie die soziale Bedürftigkeit. Im Burgenland hat der "Verein für Psychotherapie im ländlichen Raum" die Aufgabe, die Mittel der Krankenkasse für Psychotherapie auf Krankenschein gerecht zu verteilen. In Oberösterreich sind es zwei Vereine (PGA und oö. Gesellschaft für Psychotherapie), die Kassenplätze nach medizinisch-therapeutischer und sozialer Notwendigkeit vergeben sollen.

Sondermodell Salzburg

In Salzburg beabsichtigt man die Gründung einer GesmbH, in der die Gebietskrankenkasse und die Berufsgruppe der Psychotherapeuten gemeinsam die Abwicklung der Psychotherapie auf Krankenschein durchführen wollen. In diesem Modell sollen die Ausgaben der Kasse für Psychotherapie mit 3,2 Millionen Euro gedeckelt sein und alle Sachleistungen (Psychotherapie auf Krankenschein), Kostenerstattungen (Wahltherapeuten) und Kostenzuschüsse umfassen. Die freien Plätze sollen nach objektiven Kriterien und gewichtet nach der Schwere der Beeinträchtigung, der Dringlichkeit der Behandlung, der sozialen Lage und der bisherigen Wartezeit erfolgen. Im Bewilligungsverfahren sollen auch Krankheitsbilder und Behandlungsverläufe der Patienten detailliert erhoben und anonymisiert an die Begutachtungsstelle weitergeleitet werden. Noch fehlt der Sanktus des Ministeriums.

Wien und NÖ

In Wien und Niederösterreich gibt es solche Auswahlverfahren derzeit nicht: Aber auch das hat seine Tücken. Denn hier gewinnen die "sozial Kompetentesten" den Kampf um die Kassenplätze, kritisiert Dr. Eva Mückstein vom ÖBVP.
Doch nicht nur die Abrechnungsmodalitäten für niedergelassene Psychotherapeuten sind österreichweit unterschiedlich, sondern auch jene für Vertragsärzte: Während in manchen Bundesländern jeder Arzt mit einer abgeschlossenen Psychotherapieausbildung bzw. dem PSY-III-Diplom der Ärztekammer Psycho-therapie mit der Kasse abrechnen kann, ist das in manchen Bundesländern nur Fachärzten für Psychiatrie und Neurologie vorbehalten.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 26/2003

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