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Allgemeinmedizin 21. September 2006

Arzneimittelpreisen droht neuer Aderlas

Mitten im medialen Sommerloch ließ Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat die Katze aus dem Sack: Bis zum Jahr 2006 sollen 700 bis 800 Millionen Euro bei den Medikamenten eingespart werden. Die Ministerin will damit so wie schon ihre Vorgänger in den letzten Jahren die Notbremse ziehen.

Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger schätzt, dass seine Ausgaben für Heilmittel im laufenden Jahr um 7 bis 9 Prozent über dem Vorjahreswert liegen werden. Gespart werden soll - wie auch bei den letzten Sparpaketen in den Jahren 1995, 1997 und 2000 - sowohl bei der Industrie als auch beim Großhandel und bei den (Haus-) Apotheken.
Der Hauptverband hat dazu einige Vorschläge im Talon: Rund 86 Millionen Euro (inkl. USt) soll eine Senkung der Großhandelsspannen um 5 Prozentpunkte bringen. Bei den Apotheken sollen die Höchst-aufschläge um 6,2 Prozentpunkte gesenkt werden, was in Summe 65 Millionen Euro bringen könnte. Die Nachlässe, die die Apotheken der Sozialversicherung gewähren, sollen hingegen um einen Prozentpunkt erhöht werden. Für die Hausapotheken kann man sich im Hauptverband analoge Regelungen vorstellen. Möglich wäre es auch, das schon im Jahr 2000 vereinbarte "Solidaritätsmodell" weiterzuführen. 13 Prozent der Umsatzsteigerungen sollen dabei an die Sozialversicherung zurückfließen. Die Einhebung des Beitrages wurde jedoch im Jahr 2001 wegen der Klage eines niederösterreichischen Arztes gestoppt.
Der Protest der Pharmaindustrie und des Handels gegen diese Vorschläge ließ nicht lange auf sich warten. Sie wehren sich dagegen, schon wieder die Melkkühe der Nation zu spielen.

Mag. Andrea Fried

>> Wenn es tatsächlich zu Steigerungen kommt, sind wir bereit, einen Teil davon wieder herzugeben. <<

Prof. Mag. Heinz Krammer,
Geschäftsführer der ARGE Pharmazeutika (freiwillige Interessensvertretung des pharmazeutischen Großhandels)

Unser Aufschlag auf den Einstandspreis der Industrie ist derzeit durch Verordnung geregelt, und zwar in einer stark degressiven Staffelung: Je teurer das Produkt, umso niedriger ist der Aufschlag. Im vergangenen Jahr betrug der durchschnittliche Aufschlag 12,6 bis 12,7 Prozent. Dieser Satz sinkt jährlich automatisch um ca. 0,2 Prozentpunkte, weil immer teurere Produkte immer billigere verdrängen. Der Hauptverband fordert nun in der Preiskommission eine Reduktion um fünf Prozentpunkte, das sind mehr als 40 Prozent unseres derzeitigen Deckungsbeitrages. Aber die Verhandlungen sind zum Glück noch offen. Wir haben in den letzten zehn Jahren bereits drei Spannensenkungen hinter uns - nämlich in den Jahren 1995, 1997 und 2000. Wir sind von ursprünglich 20 auf 17 und dann auf 13,4 Prozent gesenkt worden. Im Zuge der Erosion sind wir nun bei 12,7 gelandet.
Wir haben in den Verhandlungen betont, dass wir nichts hergeben können, was wir nicht haben. Wir haben eine relativ bescheidene Ertragslage, die deutlich unter ein Prozent des Umsatzes liegt. Wenn es jedoch tatsächlich zu jenen Steigerungen kommt, wie sie der Hauptverband ankündigt, dann sind wir bereit, einen Teil davon wieder herzugeben. Wir rechnen damit, dass von den prophezeiten acht Prozent etwa drei Prozent für Kosten- und Mengensteigerungen bei uns verbleiben müssten. Den Rest - also eben fünf Prozent - würden wir dann rückführen. Das war unser Vorschlag, der aber nicht sehr freudig angenommen wurde.
Europaweit liegen wir in Österreich mit den Großhandelsspannen knapp unter dem Durchschnitt, wenn man es so betrachtet, wie man es betrachten muss: nämlich in Werteinheiten. Der Hauptverband rechnet natürlich in Prozenten, weil das für ihn besser aussieht.

>> Keine Spannenreduktion kann so viel einsparen wie ein richtig eingesetztes Medikament. <<

Dkfm. Erhard P. Geisler,
Geschäftsführer der Pharmig (Vereinigung pharmazeutischer Unternehmen)

Das Wichtige an der Spardebatte ist das Bewusstsein, dass Arzneimittel durch ihren Einsatz sparen. Keine Spannenreduktion kann so viel sparen wie ein einziges Medikament, wenn es richtig eingesetzt wird. Nehmen Sie das Beispiel der Protonenpumpenhemmer: Da kostet die medikamentöse Therapie zwei Prozent einer Operation. Das heißt, wir können um 49 Patienten mehr behandeln.
Zweitens wird bei den Arzneimitteln laufend gespart, weil bei jedem Medikament das Patent ja irgendwann ausläuft und dann der Preiswettbewerb durch die Generika beginnt. Das ist ein ständiger Beitrag zu Einsparungen im Medikamentensektor.
Drittens reden wir ja auch über Projekte wie "Arznei&Vernunft" einem vernünftigen Gebrauch von Arzneimitteln das Wort. Da ist auch noch Einsparpotenzial drinnen. Außerdem sinken seit Jahren die Preise für bereits am Markt befindliche Medikamente. Alleine in den Jahren 2000 bis 2003 wurden dadurch die Fabriksabgabepreise um 77 Millionen Euro reduziert. Die Krankenkasse hat sich damit an die 116 Millionen Euro erspart. Ich halte das für den besseren Ansatz, dass man das laufend und unter Wettbewerbsbedingungen macht und nicht alle drei Jahre mit irgendwelchen Senkungen Scheinerfolge erzielt.

>> Wir sind für eine umfassende strukturelle Reform statt kurzfristiger Einzelmaßnahmen.<<

Mag. Pharm. Dr. Herbert Cabana,
Präsident der Österreichischen Apothekerkammer

Einer umfassenden strukturellen Reform zur nachhaltigen Effizienzsteigerung des Systems ist der Vorzug gegenüber unausgewogenen kurzfristigen Einzelmaßnahmen zu geben. Die Apothekerkammer hat daher dem Ministerium
einige Strukturmaßnahmen vorgeschlagen, unter anderen die Förderung der Verschreibung von Generika, eine niedrigere Rezeptgebühr für Generika, eine Reduktion der Umsatzsteuer auf 10 Prozent sowie eine Verlängerung und Neugestaltung des Solidaritätsbeitrages.

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