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Allgemeinmedizin 21. September 2006

Generationenkonflikt um die Kassenstellen

Etwa 2,7 Prozent aller §-2-Kassenärzte sind über 65 Jahre alt. Keine große Zahl. Doch in konkreten Einzelfällen zeigt sich immer wieder die Dramatik der Situation: Ein junger Arzt wartet schon jahrelang auf die Kassenstelle, doch sie wird und wird nicht frei. Und die Kasse weigert sich, eine Vorgriffsstelle einzurichten.

Als man einmal den bekannten Wiener Anwalt Dr. Stern, der mit 90 Jahren noch Verhandlungen führte, gefragt hat, wie lange er denn noch zu arbeiten gedenke, antwortete er: "Bis der Bub in Pension geht." Aber nicht nur bei den Anwälten gibt es den einen oder anderen Methusalem. Auch unter den Ärzten finden sich einige, die den 80-er schon vor einigen Jahren gefeiert haben.
Laut einer Statistik des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger waren im Jahr 2000 etwa 340 der 9.679 §-2-Kassenärzte über 65. Bei der BVA waren es rund 590 von insgesamt 10.106 Vertragsärzten.

Vergleich der Fachgruppen

Große Unterschiede zeigten sich im Vergleich der Fachgruppen. Während nur 1,3 Prozent der Allgemeinmediziner (51 von 3.963) noch nach ihrem 65. Geburtstag einen §-2-Kassenvertrag hatten, waren es bei den Augenärzten immerhin 7 Prozent (23 von 304) und bei den Internisten 5,4 Prozent (21 von 368). Eine absolute Spitzenposition nehmen jedoch die Dentisten ein: Sage und schreibe 94,2 Prozent aller Kassenstellen sind in der Hand der über 65-Jährigen.
Doch wann ist ein Arzt tatsächlich reif für den Ruhestand? Wird es für künftige Generationen nicht normal sein, bis 70 zu arbeiten? Wer kann einen Freiberufler zum Aufhören zwingen? Ungelöste Fragen - doch der Generationenkonflikt ist vorprogrammiert. Die Jungen warten sehnlichst auf die Kassenstelle und fristen als Wahlärzte ihr Dasein. Die Alten haben noch Spaß an der Arbeit oder müssen ihre Familie versorgen und denken nicht daran, in Pension zu gehen.
Die Kassen wollen sich prinzipiell nicht einmischen, weigern sich aber gleichzeitig, Vorgriffsstellen zu installieren. Auch sinnvolle Praxis-Übergabemodelle gibt es nach wie vor nicht. Angesichts der steigenden Lebenserwartung einerseits und der Jungmedizinerschwemme andererseits werden in Zukunft wohl auch bei den Kassenverträgen innovativere und flexiblere Modelle gefragt sein.

Mag. Andrea Fried

>> Wenn ein Vertragsarzt eine bestimmte Zahl von Patienten nicht mehr versorgen kann, dann sollte er den Kassenvertrag zurücklegen. <<

Dr. Peter ScholzDr. Peter Scholz,
Leiter der Vertragspartnerabteilung im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger

Das Alter alleine ist aus Sicht der Sozialversicherungen nicht ausschlaggebend. Wenn ein älterer Arzt sehr gut arbeitet, dann ist er den Krankenkassen herzlich willkommen. Probleme gibt es nur dort, wo die Ärzte nicht mehr in der Lage sind, die Kapazität zu erbringen. Unter 200 Scheinen pro Quartal wird es kritisch.
Vorgriffsstellen machen aus unserer Sicht keinen Sinn. Wir gehen davon aus, dass ein Vertragsarzt
eine bestimmte Anzahl von Patienten voll versorgen soll. Wenn er das nicht mehr kann, dann sollte er den Kassenvertrag zurücklegen. Die Sozialversicherung könnte ihn theoretisch zwar kündigen, aber das tun wir einem über 70-Jährigen sicher nicht an.

>> Dass man irgendwo ein Limit, zum Beispiel bei 70 Jahren, einführt, darüber wird man wohl reden können. <<

Dr. Ulrich AltrichterDr. Ulrich Altrichter,
HNO-Arzt in Klagenfurt, Seniorenreferent in der Ärztekammer für Kärnten

In der öffentlichen Diskussion wird der Standpunkt vertreten, die Menschen sollten generell länger arbeiten. 65 Jahre ist für Ärzte vielleicht auch tatsächlich etwas niedrig, denn viele gehen ja erst mit 35 Jahren in die Praxis. Dass man aber irgendwo ein Limit, z.B. bei 70 Jahren, einführt, darüber wird man wohl reden können. Setzt man jedoch eine Altersgrenze, dann besteht die Gefahr, dass diese ständig nach unten revidiert wird.
Im Grunde geht es aber eigentlich darum, wie der psychische und körperliche Zustand des Arztes ist. Da kann oft ein 60-Jähriger schlechter beisammen sein als ein 65-Jähriger. Es ist schon richtig, dass es Kollegen gibt, die es vielleicht ein bisschen übertreiben. Da könnte man eventuell über eine Eignungsuntersuchung nachdenken. Auf der anderen Seite gibt es auch viele ältere Patienten, die einen Arzt suchen, der sich Zeit nimmt und Verständnis für sie hat.
Vielleicht hätte ich mich früher auch nicht so intensiv mit ihnen beschäftigt. Natürlich wird auch die Praxis kleiner, die Patientenzahl reduziert sich ohnedies von selber. Die Krankenkassen bemessen jedoch den älteren Kollegen weiter voll und wollen keine neue Kassenstelle aufmachen. Das Konzept der Vorgriffsstellen funktioniert leider nur sehr mühsam. Da muss man die Kassen schon sehr martern. Dabei würde das die Sache entschärfen und den Druck der Kollegen, die oft auch schon lange warten, etwas wegnehmen. Ebenso wünschenswert wäre endlich die Etablierung einer Übergabepraxislösung, wo Senior und Junior eine Zeitlang zusammenarbeiten.

>> Wenn ein Kollege tatsächlich durch nichts zu bewegen ist, seinen Vertrag zurückzulegen, müsste man das Problem mit einer Vorgriffsstelle lösen. <<

Dr. Christian EulerDr. Christian Euler,
Allgemeinmediziner, Präsident des Österreichischen Hausärzteverbandes

Prinzipiell ist die Rückgabe der Kassenverträge mit 65 zu befürworten. Das heißt ja nicht, dass man auf Biegen und Brechen und zum persönlichen Schaden einzelner Menschen dieses Prinzip durchziehen muss. Aber die Richtlinie muss unmissverständlich so sein: "Mit 65 ist Schluss." Man kann natürlich nicht heute einem 64-Jährigen sagen: "Morgen gibt’s du ab!" Aber mit einer angemessenen Übergangsfrist könnte man so eine Bestimmung schon einführen. Das ist in meinen Augen auch eine Frage der Solidarität mit den Jungen. Natürlich muss man die Altersgrenze an das allgemeine Pensionsalter anpassen.
Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, mit 70 noch diese Anforderungen erfüllen zu können. Wenn aber ein Kollege tatsächlich durch nichts zu bewegen ist, seinen Vertrag zurückzulegen, dann müsste man das Problem mit einer Vorgriffsstelle lösen. Jeder Arzt kann natürlich privat weiterarbeiten, so lange er will. Mit dem Kassenvertrag stößt aber meiner Meinung nach das Freiberuflersein auf deutliche Grenzen. Das Vertragsende mit 65 wäre eine Reglementierung, wie viele andere Vertragsteile auch.
Ich glaube, auch zum Aufhören gehört eine gewisse Energie. Manche bringen diese aber nicht mehr auf. Das ist ja eigentlich zu bedauern. So müsste man die Leute eigentlich schon zu ihrem eigenen Glück zwingen und sagen: "Mit 65 ist es aus!" Bei den Praktikern ist das Weiterarbeiten auch sehr selten, denn wir leisten ja auch einen sehr hohen physischen Einsatz. Das macht man nicht ewig.
Ich sehe eigentlich keinerlei Vernunftgründe fürs Längerarbeiten. Ein Argument eines Kollegen, das ich vor 20 Jahren nicht verstanden habe, kann ich heute jedoch nachvollziehen. Er sagte damals zu mir: Seit ich 60 bin und meine Schulden bezahlt habe, bleibt mir endlich etwas von dem Geld, das ich verdiene, übrig. Und jetzt soll ich aufhören?

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