zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 21. September 2006

Wie viel Codierungsarbeit ist Ärzten in der täglichen Praxis zumutbar?

"Problemorientierte Dokumentation" (ProDok) heißt das Zauberprogramm, das den Ärzten die ihnen drohende Codierarbeit vom Hals schaffen soll.
Zumindest wenn man dem Allgemeinmediziner und EDV-Spezialisten Dr. Wolfgang Edinger Glauben schenkt, der in jahrelanger Arbeit an einem Softwareprogramm zur optimalen Karteiführung gearbeitet hat.

Im Gegensatz zur üblichen chronologischen Karteiführung ermöglicht die ProDok eine übersichtlichere Darstellung der unterschiedlichen Gesundheitsstörungen, aufgrund derer der Patient die Ordination aufsucht. Auf Knopfdruck wird kategorisiert und werden Verknüpfungen hergestellt. Die Verbindungen zwischen Beratungsursache und -ergebnis sowie alle Folgedaten werden selbstständig verknüpft, und es entsteht eine "Datenkette" für jedes Gesundheitsproblem sowie die Aufzeichnung eines automatisch mitlernenden Therapieverhaltens.
Edingers ProDok-Programm wird gerade in 20 österreichischen Arztpraxen und im Hanusch-Krankenhaus der Wiener Gebietskrankenkasse getestet. Im Endstadium müsse auch eine Kompatibilität mit der Dokumentation in den Spitälern gegeben sein, sagt er. Für sein Programm spiele es jedoch keine Rolle, ob eine Codierung in ICD-10 oder ICPC-2 vorgeschrieben werde. Das kümmere dann auch den niedergelassenen Arzt wenig. Er könne in seiner Kartei weiterhin die gewohnten Ausdrücke verwenden, denn die ProDok kennt mehr als 50.000 medizinische "Jargonbegriffe" und verwandelt diese automatisch in den aktuell geforderten Code. Die Nachvollziehbarkeit der Dokumentation bleibe daher auch bei einer Umstellung der Codierungssysteme, z.B. von ICD-10 auf ICD-11, erhalten, betont Edinger.

EDV codiert "im Hintergrund"

In der praktischen Arbeit haben der Arzt und seine Mitarbeiter also nichts mit der Codierung zu tun. Diese erledigt die EDV im Hintergrund. Damit erspart er sich den Aufwand, und auch Fehlerquellen werden damit praktisch ausgeschlossen. Dass die Karteiführung in der ProDok jedoch einen etwas höheren Aufwand und ein diszipliniertes Dokumentieren erfordert, verschweigt Edinger nicht. Die Vorteile würden das jedoch bei weitem aufwiegen, meint er.
Dem Programm gelinge es auch, den gesamten Behandlungsprozess festzuhalten. "Es ist ganz wichtig, dass Eins zu Eins dokumentiert wird, was sich der Arzt in der Beratung denkt - auch aus forensicher Sicht", betont Dr. Edinger. Dies ermögliche nur eine indirekte Codierung mit einer intelligenten und fachlich abgesicherten Datenbank im Hintergrund. "Hinter einem einzigen ICD-10-Code verbergen sich bis zu 100 verschiedene Begrifflichkeiten", betonte er. Niemand könne mehr nachvollziehen, ob sich hinter J40 eine "Beginnende spastische Bronchitis", eine "Protrahierte Bronchitis" oder eine "Exazerbierte Bronchitis" verstecke. Der Diagnoseverlauf sei bei der Aufzeichnung von "J40 - J40 - J40" nicht mehr nachvollziehbar.

Verhaltene Skepsis

In der Gesundheitsszene hat die ProDok zu einigem Aufsehen geführt. Kaum jemand kennt sie nicht, doch noch herrscht verhaltene Skepsis vor. Man will das Programm weiter in der Praxis testen und schauen, ob die medizinischen Zuordnungen tatsächlich halten, was sie versprechen. Manche fürchten eine allzu große Transparenz der Vorgänge in der niedergelassenen Praxis und neugierige Blicke der Kostenträger. Suspekt erscheint auch manchen, dass hier ein einzelner Arzt mit einem Softwareanbieter im Hintergrund scheinbar im Alleingang ein solches System auf die Beine gestellt hat. Das sei, so Edinger, für den Aufbau einer Grundstruktur und als Bestätigung der Realisierbarkeit notwendig gewesen. Nun halte er es aber für wichtig, dass sich ärztliche Institutionen in den Prozess einklinkten, um an den Therapiestandards und Leitlinien mitzuarbeiten.
Für die Kammer stand bisher vor allem die Frage im Mittelpunkt, ob der Arzt für den erhöhten Codierungsaufwand entsprechend honoriert werde. Positive Reaktionen und Kooperationsangebote gab es bisher vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger und ganz aktuell auch aus dem "Gesundheitsmusterland" Vorarlberg. Auch aus Deutschland, wo sich seit einigen Jahren die Ärzte mit der ICD-10-Codierung abmühen, seien bereits die ersten Anfragen eingelangt. "Die sind jetzt dort, wo wir vor vier Jahren gestanden sind", sagt Edinger.

Mag. Andrea Fried

Infos: Dr. Wolfgang Edinger, Tel. 01/817-42-19,
E-mail:

"Alle Codierungssysteme sind problematisch, wenn es darum geht, einen Prozess abzubilden. "

Dr. Franz BurghuberDr. Franz Burghuber
Allgemeinmedizinerin Rohrbach, Vorstandsmitglied der ÖGAM (Österreichische Gesellschaft für Allgemeinmedizin/Familienmedizin)

Im Jahr 2001 haben wir von der ÖGAM in mehreren Praxen einen Modellversuch durchgeführt und dabei die Diagnosen-Vercodierung im ICD 10 und im ICPC 2 miteinander verglichen. Da ist eindeutig herausgekommen, dass in der Allgemeinmedizin der ICPC 2 einen Vorteil gegenüber dem ICD 10 hat. Er macht es leichter, die Beratungsergebnisse abzubilden. Wobei sicher alle Codierungssysteme problematisch sind, wenn es darum geht, einen Prozess abzubilden. Gerade da hat der ICPC2 den Vorteil, dass er auch prozessorientiert arbeiten kann, während der ICD 10 nur eine Endpunktbeurteilung darstellt.
Außerdem ist der ICPC 2 wesentlich einfacher aufgebaut. Das hat sicherlich wiederum Auswirkungen auf die Codierungsgenauigkeit. Schätzungsweise 20 bis 30 Prozent aller ICD-10-Codierungen kommen aus den Spitälern - methodenbedingt - mit ungenauen Diagnosen heraus. Wenn man hier die Qualität nicht verbessern kann, kriegt man nur noch mehr Datenmüll.
Es wäre jedenfalls sinnvoll, Beobachtungspraxen in ganz Österreich zu installieren, die für die zusätzliche Codierungsarbeit auch ein Honorar bekommen. Damit wäre es auch möglich, qualitativ bessere Ergebnisse zu bringen. Es steht außer Zweifel, dass die Codierung grundsätzlich eine Mehrarbeit für den Arzt bedeutet. Es ist eine Illusion, dass das nur von der Maschine gemacht wird. Dieser Mythos wird von den Zahlern im Gesundheitssystem gehegt. Jeder, der sich praktisch damit beschäftigt hat, weiß, dass das Mehrarbeit ist. Ich kenne das ProDok-System von Dr. Edinger nur theoretisch und habe keine praktische Erfahrung damit. Es ist aber sicher eine wertvolle Überlegung und eine vernünftige Alternative, die in der Praxis geprüft werden muss.

"Auch aus forensischer Sicht ist diese Art von Dokumentation sehr empfehlenswert. "

Dr. Waltraud FinkDr. Waltraud Fink
Allgemeinmedizinerin in Straning

Ich habe meine Praxis mit der so genannten "Braun Kartei" auf einem DIN-A4-Karton mit zwölf Feldern begonnen. Die chronologische Dokumentation wird ja nach wenigen Jahren schon sehr unübersichtlich. Nach der Computerisierung meiner Praxis vermisste ich diese übersichtliche Kartei. Ich habe mir dann mein Software-Programm selber durch Anlegen von 12 Karteireitern so zurecht gerichtet, dass ich zu einer ähnlich übersichtlichen Karteiführung gelang.
Mittlerweile habe ich das ProDok-Programm, das vom System her ähnlich funktioniert. Das Arbeiten mit dem Programm erfordert schon einige Auseinandersetzung. Man muss überlegen und kann nicht mehr hastig einfach ein Beratungsergebnis hinschreiben, weil man dann im Programm nicht weiter kann. Man wird also zur Disziplin gezwungen. Das ist schon etwas für genaue Leute, die sich auch Gedanken machen.
Der Lohn ist aber eine sehr schön dokumentierte, korrekte, nachvollziehbare Karteiführung. Ich glaube, dass die Allgemeinmedizin dadurch aufgewertet werden kann. Es wird oft gefürchtet, dass der Handlungsspielraum des Arztes dadurch eingeschränkt wird. Das würde ich auch nicht wollen. Ich möchte meine Patienten so behandeln, wie ich es für richtig halte. Aber es hat schon Dr. Braun 1970 in seinem "Lehrbuch der ärztlichen Allgemeinpraxis" darauf hingewiesen: "Das Goldene Zeitalter der Allgemeinmedizin, in dem jeder Doktor dort tun und lassen konnte, was ihm beliebte, geht seinem Ende entgegen."
Ich finde, dass sich die Allgemeinmedizin nicht verstecken muss. Es gehört aber vieles überhaupt erst noch erforscht. Ich habe nichts dagegen, meine Vorgangsweise transparent zu machen. Auch aus forensischer Sicht ist diese Art von Dokumentation sehr empfehlenswert. Wenn die Ärzte jedoch einfach die Pflicht zur Codierung übergestülpt bekämen, dann würden dabei nur Hausnummern herauskommen. Das muss über eine Software laufen, denn das Codieren ist den Ärzten nicht zumutbar und auch nicht sinnvoll.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben