zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 19. September 2006

„Hörsturz“ in der Nase – häufiger als man denkt

Wenn die Welt der Düfte, Gerüche und Aromen plötzlich unerreichbar ist, haben die Betroffenen einen lang anhaltenden Leidensweg vor sich, der sogar zu Depressionen führen kann.

Der Geruchssinn erfährt dank der opulenten Verfilmung von Süskinds „Das Parfüm“ eine Aufwertung, die ihm oftmals verwehrt bleibt. Während die Vorstellung, blind oder taub zu werden, den meisten Menschen einen Schauer über den Rücken jagt, wird der Verlust des Riechens noch am ehesten in Kauf genommen. Tatsächlich ist ein intaktes Riechorgan für die Lebensqualität aber nicht unerheblich. Der Duft des Waldes nach einem Regen, sinnliches Parfüm, der dampfige Duft aus Mutters Kochtopf lassen wunderschöne Gefühle aufwallen. Dies alles und viel mehr muss der Betroffene plötzlich – manchmal lebenslang – entbehren. Ein schwindender Geruchssinn gefährdet aber auch Leib und Leben: Etwa wenn verdorbenes Essen nicht als solches identifiziert werden kann (in Zeiten eines Gammelfleischskandals nicht unerheblich) oder Gas- und Feuergeruch nicht wahrgenommen wird. Was nach einem Albtraum für Vinologen klingt, ist nicht so selten. Prof. Dr. Thomas Hummel von der HNO-Klinik Dresden erklärte im Vorfeld der 79. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (20. bis 22. September 2006 in Mannheim), dass bei unseren Nachbarn jährlich rund 80.000 Menschen beim HNO-Arzt dieses Leidens wegen Hilfe suchen. Die Ursachen können recht trivial sein. Ein grippaler Infekt, eine Grippe oder eine Sinusitis können den olfaktorischen Sinn schleichend reduzieren und schließlich gänzlich versiegen lassen (sinunasale Riechstörungen). In diese Kategorie fallen ebenfalls durch Allergien oder anatomisch bedingte Geruchssinneinbußen. Insbesondere Frauen nach dem 50. Lebensjahr sind gefährdet; die Frage nach dem warum, so Hummel, könne nur spekulativ beantwortet werden. Aber auch Traumata können der Grund für eine „blinde“ Nase sein. So führen Quetschungen olfaktorisch bedeutsamer Hirnareale oder ein Abriss des ersten Hirnnerven zur Anosmie. Zu diesen nicht-sinunasalen Riechstörungen ge-hören desgleichen schwere Schädigungen des Riechepithels.

Langwierige Therapie

Sinunasale Riechstörungen sind mithilfe von Medikamenten, z.B. eine möglichst frühe, hoch dosierte Kortikoidgabe, oder im Falle von anatomischen Missbildungen durch Operationen behandelbar. Bei Patienten, die einen Riechverlust aufgrund einer Grippe oder eines grippalen Infektes hinnehmen mussten, ist die Prognose relativ gut. Die Erfolgsquote liegt immerhin bei zirka 60 bis 70 Prozent, obwohl die Heilung sehr langsam, häufig über Jahre hinweg erfolgt. Von solchen Erfolgen können die Therapeuten von Unfallopfern nur träumen. Dort zeigen sich nur bei 10 bis 20 Prozent der Patienten hinlängliche Verbesserungen. „Hierbei hilft uns gezieltes Riechtraining“, so Pharmakologe Hummel, denn mittels systematischen Erkennens bestimmter Düfte und Gerüche bilden die Riechzellen neue Nervenfasern aus. Aber auch dieser Prozess braucht Zeit. Derzeit laufen Untersuchungen, die erklären sollen, wie die Hirnaktivität während einer beeinträchtigten Geruchswahrnehmung tatsächlich abläuft. Einige Ergebnisse dieser Untersuchungen sollen auf der Jahrestagung der DGN in Mannheim vorgestellt werden.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben