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Allgemeinmedizin 19. September 2006

Neuer Anstrich für alte Pflegekrise

Seit Wochen überschlagen sich die Schlagzeilen zum „Pflegenotstand“. Der Ideenreichtum bei Lösungsvorschlägen zeigt mitunter kabarettistische Züge. Aus Sicht der Ärzteschaft wäre auch ein Neubeginn in der Gestaltung der Rahmenbedingungen der Hauskrankenpflege überfällig.

„Ich kann mich noch sehr gut an die Zeit vor 20 Jahren erinnern, als die Pflegeforschung in Österreich endlich Fuß fassen konnte, oder an die Diskussionen nach dem ersten Lainzskandal in den 1990-er Jahren: Schon damals war die Pflegekrise wochenlang DAS Thema“, blickt Prof. Dr. Elisabeth Seidl zurück. Sie hat seit knapp zwei Jahren eine Professur für Pflegewissenschaft an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Wien inne. Die heute kritisierten Zustände wurden schon damals prognostiziert. „Deren Thematisierung verschwand dann allerdings schnell wieder von den politischen Tagesagenden“, so Seidl.

Kein Platz für Zynismus

Der Altersforscher Prof. Mag. Dr. Anton Amann vom Institut für Soziologie der Universität Wien hält es für zynisch, „ständig vom Pflegenotstand zu sprechen“. Natürlich gebe es Probleme hinsichtlich Quantität und Qualität der Pflegekräfte, zugleich aber auch viele Bereiche, wo Pflege und Betreuung sehr gut und professionell funktionierten. Amann legt Wert auf die Differenzierung zwischen Betreuung und Pflege: „Viele Menschen brauchen Unterstützung in ihrem sozialen Umfeld oder bei der Bewältigung des Alltags.“ Dafür wäre die Stärkung der Kompetenzen der Betroffenen und deren Angehörigen bzw. der Auf- und Ausbau sozialer Netzwerke im Nahbereich nötig. Die nächste Stufe ist die „qualifizierte Betreuung“, etwa durch mobile Dienste, die teils auch mit Pflegekräften eng kooperieren. Auch Pflege im klassischen Sinn ist nicht immer rund um die Uhr nötig. „Diskutiert wird aber nur, ob jemand im Heim oder zu Hause betreut werden kann“, kritisiert Amann. Der Tagespflege und anderen teilstationären Modellen bzw. Wohngemeinschaften und betreubarem Wohnen werde in der Bewältigung der Krise viel zu wenig Bedeutung beigemessen. Amann fordert auch eine Aufstockung und weitere Valorisierung des Pflegegeldes. Dieses könnte durch private Pflegevorsorge ergänzt werden, was ebenfalls von der öffentlichen Hand gefördert werden müsste. „Vorstellbar wäre weiters eine Pflegeabgabe ähnlich den Zahlungen in die Arbeitslosenversicherung“, schlägt Amann vor.

Stärkung der Hausärzte

Schließlich hält der Altersforscher eine Stärkung der Hausärzte für wichtig, die „eine zentrale Rolle sowohl in der Betreuung als auch Pflege älterer Menschen spielen“. Sie hätten eine wichtige Funktion als Drehscheibe, dürften aber nicht durch ein zu großes Spektrum an Aufgaben überfordert werden. Der oberösterreichische Allgemeinmediziner Dr. Otto Pjeta fordert „einen Neubeginn in der Gestaltung der Rahmenbedingungen der Hauskrankenpflege“. Ausgangspunkt müsste eine deutliche Aufwertung der ärztlichen Visite sein, vor allem auch in finanzieller Hinsicht. Er kann sich dabei eine Differenzierung vorstellen, „die auf den jeweiligen Pflegegrad eines zu Betreuenden abgestimmt ist. Aber für Pjeta ist es sinnlos, „über Modelle zu diskutieren, die keine kostendeckenden Tarife bieten bzw. keine tatsächliche Systemänderung zum Ziel haben“.

„Seniorenhelfer“ schulen

Als neuen Vorschlag präsentierten Pjeta und der oberösterreichische Ärztekammerpräsident, Dr. Peter Niedermoser, kürzlich die Schulung von „Seniorenhelfern“. „Dabei geht es um Personen, die ohnehin in Netzwerken der Nachbarschaftshilfe tätig sind. Diesen sollten grundlegende Informationen zu Bereichen wie Haushaltsführung, Freizeitgestaltung, Umgang mit pflegerischen sowie ärztlichen Anweisungen, Erste Hilfe sowie Grundlagen der sozialen Intervention vermittelt werden.“ Dies wäre, so das Konzept, innerhalb von ein bis zwei Wochen möglich, es gehe nicht um eine neue Berufsausbildung. Die Finanzierung dieser „Seniorenhelfer“ sollte aus Mitteln der zu Betreuenden, unter anderen dem Pflegegeld, in Form einer Entschädigung erfolgen. So würde sich jedenfalls eine deutliche Entlastung für alle ergeben – sowohl für die pflegenden Angehörigen als auch die professionellen Unterstützer. Seidl kann dieser Idee grundsätzlich einiges abgewinnen. Genauso wichtig wäre aber die Frage, wie Arbeitsplätze für vorhandenes pflegerisches Personal, insbesondere im extramuralen und mobilen Bereich, geschaffen werden können. „Ärzte äußern nicht selten die Befürchtung, dass ihnen Pflegekräfte Kompetenzen absprechen oder diese übernehmen wollen“, berichtet Seidl aus ihrer Erfahrung. Funktionierende Modelle gebe es etwa in den skandinavischen Ländern, wo eine enge Kooperation zwischen Ärzten, Pflegekräften und Sozialarbeitern selbstverständlich sei.

Ärzte in Planung einbinden

„Ärzte spielen in der Pflege eine bedeutende Rolle und können auch bei der professionellen Planung und Umsetzung wichtige Aufgaben übernehmen. Gleichzeitig müssen sie sich aber um volle Ordinationen kümmern“, analysiert die Pflegeprofessorin mit der Überzeugung, „dass alle von der interdisziplinären Kooperation profitieren würden.“ Eine gute Organisation sei zentrales Element der Betreuung und Pflege, „die individuell auf die Bedürfnisse des Betroffenen abgestimmt sein muss und nicht auf die Zeitpläne der Dienstleister“, so Seidl. Ein gutes Beispiel dafür sei ein Projekt in Dänemark. Dieses stelle durch individuell gestaltete Betreuungspläne sicher, dass Personen adäquat betreut würden, ohne dass jemand 24 Stunden präsent sein müsse. Seidl setzt auf eine Kombination verschiedener Angebote aus dem stationären, ambulanten und mobilen Bereich, auf die Einbindung von Nachbarschaftshilfe und die Stärkung der pflegenden Angehörigen. Damit wäre auch eine langfristige Finanzierung der zunehmend nötigen Pflege und Betreuung machbar.

20 Jahre ohne Fortschritt

„Einige der gegenwärtig auf politischer Ebene diskutierten Konzepte enthalten durchaus entsprechende Ansätze“, meint die Pflegeexpertin. „Dies war aber auch schon vor 20 Jahren der Fall, leider hat sich in vielen Bereichen noch viel zu wenig getan.“ Ein besonderes Manko sehen alle Gesprächspartner in der Betreuung von Menschen mit Demenz. Hier würden die klassischen Angebote und Organisationsstrukturen oft weit am konkreten Bedarf vorbeigehen. Amann: „Insbesondere bei diesen Personen geht es um qua-lifizierte Betreuung bzw. Unterstützung der Angehörigen und der sozialen Netzwerke.“

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