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Allgemeinmedizin 12. September 2006

Notfallmedizin hat keine starke Lobby

Im Vergleich zu anderen Ländern weisen österreichische Notärzte Defizite in Know-how und Erfahrung für den Einsatz in der Praxis auf. Genauso unbefriedigend ist, dass sie viel zu oft zu Einsätzen gerufen werden, wo sie eigentlich fehl am Platz sind. Koordination und Kommunikation funktionieren suboptimal.

Jeder Mediziner, der die 60-stündige Weiterbildung absolviert hat, kann als Notarzt arbeiten. „Tatsächlich gibt es viele Notarztstützpunkte, wo Ärzte mit dieser letztlich nicht ausreichenden Grund-lage tätig sind“, kritisiert Prof. Dr. Gerhard Prause, Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin an der Grazer Univ.-Klinik. In anderen Ländern werden ganz andere Grundanforderungen an Notärzte gestellt. So gibt es z.B. in Frankreich und Belgien ein zweijähriges Zusatzfach Notfallmedizin, in Deutschland müssen Notärzte zuerst drei Jahre in einer Erstversorgungseinrichtung oder als Anästhesist tätig gewesen sein. „Die schlechte Ausbildung in Österreich führt dazu, dass Verletzungen oder Akutsymptome zu oft sowohl unter- als auch überschätzt werden. Weiters werden immer wieder Fehlintubationen nicht erkannt“, so Prause. Standardmaßnahmen aus der Anästhesie und Intensivmedizin kämen viel zu wenig zum Einsatz, etwa die Kapnometrie oder die Bestimmung von wichtigen Laborwerten.

Möglichst schnell ab ins Spital

Ein weiteres gravierendes Problem ist, dass Notärzte ohne ausreichende Ausbildung und Erfahrung Patienten möglichst schnell in ein Spital bringen lassen. Dadurch unterbleiben wichtige Erstmaßnahmen vor Ort. „Man kann das zum Beispiel Allgemeinmedizinern nicht wirklich zum Vorwurf machen, denn eine ihrer Kompetenzen ist ja, Patienten an die richtigen Orte weiterzuleiten“, ergänzt Dr. Adi Deixler, Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin am Linzer Unfallkrankenhaus und Präsident der Gesellschaft für Notfallmedizin in OÖ. „Oft trauen sich Ärzte vor Ort bestimmte Maßnahmen auch nicht zu.“ Prause fordert für Notärzte eine „adäquate innerklinische Ausbildung sowie eine intensive Vorbereitung auf die spezielle Proble-matik im präklinischen Bereich“. Ebenso müsste es genauere Richtlinien für die Inhalte der Fortbildung und den Praxisbezug geben. Dass sowohl Aus- als auch Fortbildung schon lange nicht mehr den aktuellen Anforderungen entsprechen, bestätigt Deixler. Vor allem bei der Rezertifizierung ortet er dringenden Reformbedarf und gibt dazu ein Beispiel: „Vor kurzem ist ein über 340-seitiges Manual zu den aktuellen Guidelindes des European Resuscitation Council erschienen; die neuen Leitlinien zum Rhythmus der Wiederbelebung sind nur ein Teil davon. Die Inhalte des Manuals sollte jeder Notarzt nicht nur kennen, sondern auch können.“ Genauso wichtig sei eine hohe organisatorische Kompetenz, insbesondere für Großscha-denereignisse. „Rezertifizierung im Schnellsiedeverfahren bringt jedenfalls sicher keine höhere Versorgungsqualität“, meint Deixler. Dem stimmt auch Dr. Michael Wildner zu. Der Arzt für Allgemeinmedizin in Zirl (Tirol) ist leitender Notarzt und in der Ausbildung tätig: „Der Aspekt des Managements kommt in der Fortbildung teils zu kurz.“ Wildner hält Übungen für Großschäden zwar für wichtig, „genauso brauchen wir aber Übungen für die Organisation“. Ein weiteres Problem liege darin, dass in der Organisation teils Rettungssanitäter Entscheidungen treffen sollen, für die sie nicht entsprechend ausgebildet werden. Hier sei die Erfahrung eines Notarztes erforderlich.

Ringen um Praxiserfahrung

Auf Wildners Forderungsliste steht eine Reform der Weiterbildung für Notärzte ganz oben: „Ich kämpfe selber damit, dass ich zu einer ausreichenden Praxis komme. Auch viele andere Notärzte kommen nur ein- oder zweimal im Monat zum Einsatz.“ Der Ausgleich dazu müsse unbedingt über Weiterbildung mit sehr hohem Praxisanteil geschehen. „Neben qualitativ sehr guter Weiterbildung für Notärzte gibt es auch nur oberflächliche Kurse“, bedauert Wildner. „Letztlich geht es dabei um das Engagement der Ärzte beziehungsweise darum, was sie aus den Angeboten dann machen.“

Zentrale Datenbank fehlt

Prause geht noch einen Schritt weiter und fordert ein einheitliches Dokumentationssystem sowie eine zentrale Datenbank für den Notfallbereich: Uns fehlt ein Überblick zu den getätigten präklinischen Maßnahmen bzw. ein institutionalisiertes Qualitätsmanagement.“ Wildner kann sich beispielsweise vorstellen, dass zumindest einmal im Jahr ein erfahrener Notarzt Notfalleinsätze eines Kollegen einen ganzen Tag lang begleitet und dabei laufend Supervision betreibt. „Eigentlich fehlt der Notfallmedizin eine wirklich starke Lobby“, bedauert Prause. Diese müsste sich für einen Ausbau der Aus- und Fortbildung stark machen. Ein weiteres Thema seien die organisatorischen Rahmenbedingungen, ob und wann Notärzte zum Einsatz kommen. „Der hohe Anteil an Fehleinsätzen führt zur Demotivation der Notärzte“, gibt Prause zu bedenken. Laut aktuellen Analysen liegen über 60 Prozent der Einsätze unter NACA 4 (NACA = Klassifizierung von Notfallpatienten nach Schweregrad von 1 bis 7). Im Großraum Graz verdoppelte sich die Zahl der Einsätze nach Einführung eines zweiten 24-Stunden-Notarztsystems. Der durchschnittliche NACA-Wert lag 2005 bei 2,96, und die Zahl der Notarzteinsätze bei Patienten ohne jegliche Vitalfunktionsstörung erhöhte sich auf fast 70 Prozent. So kommt es nicht selten vor, dass Notärzte Patienten zu Routineuntersuchungen mit der Computertomographie begleiten. „Es reicht eben nicht aus, Kriterien nach Checklisten abzufragen und dann den Knopf für den Notarzt zu drücken“, betont Wildner.

Wissensmankos in Leitstellen

Prause hält es zwar für richtig, dass die Leitstellen für medizinische Notfalleinsätze für immer größere Gebiete zuständig sind, „ein zentrales Problem ist aber die entsprechende Aus- und Fortbildung des Personals in diesen Einrichtungen“. Oft würde grundlegendes Wissen darüber fehlen, wie die Tätigkeit eines Notarztes konkret aussieht bzw. wo dessen Einsatz nicht angezeigt ist. Im Ringen um Einsätze spielt laut Prause auch „ein gewisser finanzieller Druck“ mit: „Von der Sozialversicherung werden für Einsätze mit Notarzt höhere Sätze bezahlt.“ Wildner bestätigt dies und nennt ein weiteres Problem: „Gerade in Ballungszentren wird von Alters- und Pflegeheimen oft der Notarzt gerufen, weil dieser leichter erreichbar ist als Hausärzte.“ Eine Möglichkeit, dieses Teilproblem in den Griff zu bekommen, wäre die Einstellung eines Arztes, der speziell für die Heime zuständig ist und – selbstverständlich – die entsprechende notfallmedizinische Aus- und Fortbildung absolviert hat.

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