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Allgemeinmedizin 8. September 2006

"Brain Drain": Wohin zieht es die Ärzte in Europa?

EU-Beitrittsländer fürchten Ärztemangel - Chance für Ärzte anderer Länder

Europa ist in Bewegung. Das Gesundheitswesen liegt zwar nach wie vor in der Kompetenz der einzelnen Mitgliedsstaaten, doch Ärzte und Patienten kennen keine Grenzen. Ihre Mobilität wird weiter zunehmen.

60 Prozent der litauischen Medizinstudenten wollen weg. "Viele unserer Ärzte werden ins benachbarte Skandinavien, nach England oder Deutschland auswandern", zeigte sich Litauens Gesundheitsminister, Juozas Olekas, beim diesjährigen European Health Forum in Gastein (EFHG) besorgt. 550 Teilnehmer aus 43 Nationen waren vom 1. bis 4. Oktober hier zusammengekommen, um bereits zum 6. Mal aktuelle Fragen der Gesundheitspolitik im Vereinten Europa zu diskutieren.
Für die Versorgung Litauens kann diese Entwicklung bedrohlich werden. Slowenien, ein weiteres der zehn Länder, die im Mai nächsten Jahres der EU beitreten werden, hat andere Sorgen. "Uns fehlen 700 Ärzte und 2.000 Krankenschwestern", betont der slowenische Gesundheitssekretär Dorjan Marusic. Man wird sie voraussichtlich aus dem benachbarten Kroatien rekrutieren müssen.
Obwohl die Mobilität der Ärzte und Pflegepersonen zweifellos zunehmen wird, halten Experten die Angst vor dem "Brain Drain" - also dem Abfluss von Know-how - für überzogen. "Ich glaube, dieses Thema wird sehr übertrieben", meinte EU-Gesundheits-Kommissar David Byrne bei den Gasteiner Gesprächen. "Menschen ziehen es vor, in ihrem eigenen Land zu leben. Vor allem solche, die in sozialen Berufen tätig sind."
Doch so lange die Bezahlung und Karrieremöglichkeiten für Ärzte in den neuen Beitrittsländern sehr viel geringer sind als im restlichen Europa, wird wohl für manche der Zug nach Westen interessant erscheinen. Noch dazu, wo sich in vielen europäischen Ländern ein eklatanter Ärztemangel breit macht. Auch für österreichische Ärzte bieten sich dadurch neue Chancen in einem erweiterten Europa. Derzeit sind gerade deutsche Kliniken auf Medizinersuche in unserer Heimat unterwegs (Veranstaltungshinweis im Kasten).
Auch die Patienten werden mobiler. Der Europäische Gerichtshof befürwortete in jüngsten Entscheidungen, dass Patienten gezielt für Krankenbehandlungen ins Ausland reisen dürfen. Ihre Sozialversicherungen müssen die Kosten (zumindest zum Teil) übernehmen. "Es wäre sinnvoll, ‚Centers of Excellence’ zu haben, in denen die High-Level-Medicine stattfindet", meint dazu Public-Health-Expertin Magdalene Rosenmöller. "Man braucht nicht mehr jede Art von Spitzenmedizin in allen Mitgliedsstaaten."
Auf der anderen Seite könnte auch ein europaweiter Ausgleich von Kapazitäten stattfinden, meint sie. Warum sollte denn nicht ein Engländer in Holland oder Österreich behandelt werden? Mehr dazu in den einzelnen Standpunkten.

Mag. Andrea Fried

>> Es wäre sinnvoll, Centers of Excellence zu haben. Man braucht nicht mehr jede Art von Spitzenmedizin in allen Staaten der Europäischen Union.<<

Magdalene RosenmöllerMagdalene Rosenmöller
MD, MBA, IESE Business School (Barcelona), Mitglied der European Health Management Association (EHMA)

Ich glaube, dass es im Gesundheitsbereich eine große Verantwortung auf europäischer Ebene gibt. Das hängt auf der einen Seite mit Krankheiten wie SARS zusammen, die keine Grenzen kennen. Da muss es eine Unterstützung und Koordination geben. Andererseits gibt es auch die Freizügigkeit von Personen als eine wesentliche Grundlage der EU.
Ich glaube aber, dass die Angst vor einem massiven "Brain Drain" von medizinischen Fachkräften durch die Osterweiterung ein bisschen übertrieben ist. Bisher gab es wenig Mobilität, obwohl es auch schon große wirtschaftliche Unterschiede zwischen den Ländern gab. Was die Mobilität der Patienten betrifft, geht es vor allem um die Finanzierung, aber auch um die Qualitätssicherung. Als deutsche Versicherung möchte ich natürlich sichergehen, dass meine Kunden auch anderswo eine gute Behandlung bekommen.
Wichtig ist auch der Informationsaustausch zwischen den Fachkräften. Wenn beispielsweise ein deutscher Rentner seinen Diabetes vom spanischen Arzt kontrollieren lässt, wie gelangt die Information dann zum Hausarzt in Deutschland? Solche Fragen müssen geklärt werden.
Vielleicht gibt es in ein paar Jahren eine europäische Visa-Karte, mit der man dann jedes europäische Krankenhaus aufsuchen kann. Sinnvoll wäre es, "Centers of Excellence" zu haben, in denen die High-Level-Medicine stattfindet. Man braucht nicht mehr jede Art von Spitzenmedizin in allen Mitgliedsstaaten.
Auf der anderen Seite könnte auch ein europaweiter Ausgleich von Kapazitäten stattfinden: Warum sollte nicht ein Engländer in Holland behandelt werden? Eine gewisse Regulation ist natürlich notwendig, weil die Planung nach wie vor auf nationaler Ebene stattfindet.

>> Nur zwei bis drei Prozent der Ärzte arbeiten nicht in ihrem eigenen Land.<<

Dr. Reiner BrettenthalerDr. Reiner Brettenthaler
Präsident des Dachverbandes der europäischen Ärzte (CPME)

Unsere bisherige Erfahrung zeigt, dass Wanderungsbewegungen in größerem Ausmaß nur zwischen sprachgleichen Ländern stattfinden. Die Sprache ist vor allem für medizinische Berufe eine große Barriere. Nur rund zwei bis drei Prozent der europäischen Ärzte arbeiten nicht in ihrem eigenen Land. Die Zahl ist aber steigend.
Im CPME vertreten wir den Standpunkt, dass die Medizin als eine internationale Wissenschaft vor den Grenzen nicht Halt macht. Wir sind im Prinzip für eine freie Migration der Ärzte und der Patienten - auch in einem erweiterten Europa. Das wird sowieso beschränkt durch den Wunsch der Patienten, dort behandelt zu werden, wo sie erkrankt sind. Ein Heer von Kranken wird nicht durch Europa ziehen.
Aus den neuen Betrittsländern sind aber sicherlich größere Wanderungsbewegungen zu erwarten, weil die soziale Situation der Gesundheitsberufe dort oft sehr schlecht ist. Der Wunsch nach Auswanderung hört erst dann auf, wenn die wirtschaftlichen Bedingungen im eigenen Land ca. 60 bis 70 Prozent des möglichen Auswanderungslandes erreicht haben.

>> Der Gesundheitsbereich und seine Beschäftigten waren sehr lange geschützt. Das verstehen die Anhänger des freien Marktes nicht.<<

Prof. Martin McKeeProf. Martin McKee,
London School of Hygiene and Tropical Medicine, Forschungsdirektor des European Observatory on Health Care Systems

Die EU hat immer vorgegeben, wenig Einfluss auf die Gesundheitspolitik der einzelnen Staaten zu haben. In Wirklichkeit ist das nicht so: Es sind zwar die Gesundheitsleistungen vom Vertrag ausgeschlossen, aber alle Dinge, die dazu beitragen - wie die Gesundheitsberufe, Medikamente, Gebäude, Technologien etc. - sind sehr wohl von EU-Gesetzen erfasst.
Die Mitgliedsstaaten müssen verstehen, dass wir einen Mechanis-mus brauchen, um die Gesundheitspolitik zu steuern - und zwar nicht als Wirtschaftsagenden. Die laufende Diskussion über die Niederlassungsfreiheit von Gesundheitsberufen ist sehr undurchdacht. Man versucht alle Gesundheitsberufe aus allen Ländern unter einem Hut zu vereinen. Das funktioniert nicht.
Der Gesundheitsbereich und seine Beschäftigten waren sehr lange geschützt. Das verstehen die Anhänger des freien Marktes nicht. Wir brauchen aber Wege, um die Patienten zu schützen. Gewisse nationale Regulationen wurden aus gutem Grund eingeführt. Wir hatten beispielsweise in Großbritannien eine hohe Mortalitätsrate bei Herzoperationen. Da hat man erfolgreich Maßnahmen gesetzt, um diese einzudämmen. Die sollte man nicht einfach aufgeben.

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