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Allgemeinmedizin 8. September 2006

Schmerztherapie gehört in die Hand von ExpertInnen

Eine aktuelle Studie lässt aufschrecken: Um die Schmerztherapie ist es in Österreich nicht gerade gut bestellt. Anlässlich der 3. Österreichischen Schmerzwoche fordern Schmerzexperten flächendeckende Schmerztherapie, bessere schmerzmedizinische Ausbildung und erleichterten Zugang zu hochwirksamen Opioid-Schmerzmitteln.

"Aktuelle Untersuchungsergebnisse zeigen deutlich die Dimensionen des Themas Schmerz", so Prof. Dr. Eckhard Beubler, Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft. "21 Prozent aller Österreicher leiden an chronischem Schmerz." Im Vordergrund stehen Rückenschmerzen, Kopfschmerzen und Knieschmerzen.
Ein Drittel gibt an, "immer" und ein Drittel mindestens einmal pro Tag Schmerzen zu haben. Die durchschnittliche Dauer chronischer Schmerzen, so zeigt die Untersuchung, beträgt 5,8 Jahre.
"Bemerkenswert ist hier auch die Einschätzung des ärztlichen Zuganges zu chronischen Schmerzen", sagt Beubler. 51 Prozent der befragten Patienten mit chronischem Schmerz sind nämlich der Ansicht, "dass mein Arzt eher meine Krankheit als meinen Schmerz behandelt". 19 Prozent sind der Überzeugung, "dass mein Arzt nicht weiß, wie er meine Schmerzen kontrollieren soll". 15 Prozent sagten, "ich habe nicht den Eindruck, dass ich mit meinem Arzt über meine Schmerzen reden kann". "Hier ist also noch sehr viel Aufklärungsarbeit zu leisten", ist der ÖSG-Präsident überzeugt.
Das gilt auch für den Bereich der Schmerzen nach Operationen, der noch immer zu wenig ernst genommen wird. Beubler: "Aus einer Reihe von Studien geht hervor, dass das postoperative Schmerz-Management oft weit von dem entfernt ist, was der Patient als zufriedenstellend erlebt."
Beubler: "Wir erarbeiten gegenwärtig ein Consensus-Statement, das Richtlinien für die Vermeidung postoperativer Schmerzen bietet."
Heute steht eine breite Palette von medikamentösen und nicht-medikamentösen schmerztherapeutischen Möglichkeiten zur Verfügung, die im Rahmen eines multimodalen Schmerzmanagement praktisch bei allen Schmerzformen zumindest Linderung verschaffen können. Diese Palette reicht von neuen medikamentösen Anwendungsformen bis zu High-Tech-Verfahren wie miniaturisierten implantierbaren Schmerzpumpen.
Ein medikamentenfreies High-Tech-Verfahren ist die spinale Neurostimulation, sie gibt über einen unter der Haut implantierten Impulsgenerator schwache elektrische Impulse an die Hinterstränge des Rückenmarks ab. Dadurch wird die Weiterleitung von Schmerzsignalen an das Gehirn unterdrückt.
Ebenfalls medikamentenfrei funktioniert das von Dr. Constantin Szeles entwickelte "P-Stim", einem neuartigen mikroelektronischen Ohrakupunktur-Gerät zur Punktualstimulationstherapie bei Schmerzen des Bewegungsapparates.

HN

>> Noch immer wird der Schmerz als eigenständiges Krankheitsbild von vielen Ärzten nicht ausreichend ernst genommen.<<

Prof. Dr. Eckhard BeublerProf. Dr. Eckhard Beubler
Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG)

Noch immer wird der Schmerz als eigenständiges Krankheitsbild von vielen Ärzten nicht ausreichend ernst genommen. Noch immer gibt es eine verbreitete - unbegründete und irrationale - Angst vor dem Einsatz hochwirksamer Opioid-Schmerzmittel, weil diese - was längst widerlegt wurde - angeblich "süchtig" machen sollen.
Die Forderungen der ÖSG:
ö Eine flächendeckende Versorgung mit qualitätsvoller Schmerzmedizin. Dazu gehört die Errichtung multidisziplinärer Schmerzambulanzen, die auf dem hohen Niveau der
modernen Schmerzmedizin arbeiten und optimale Schmerztherapie anbieten. Die ÖSG hat bereits diesbezügliche Qualitätskriterien erarbeitet.
ö Einführung eines Zusatzfaches für Schmerzmedizin. Weil heute einheitliche Qualitätsstandards fehlen, sind die Ergebnisse von Schmerzbehandlungen höchst unterschiedlich, und schwer betroffene Schmerzpatienten mit komplizierten Krankheitsbildern haben oft keinen kompetenten ärztlichen Ansprechpartner. Das Curriculum liegt bereits vor, die Entscheidung der Behörden steht allerdings noch aus.
ö Die Anregung der Etablierung von "Arbeitsgruppen für Schmerztherapie" in den Subdisziplinen der Medizin beziehungsweise in deren wissenschaftlichen Fachgesellschaften. Damit soll sichergestellt werden, dass die Erkenntnisse der modernen Schmerzmedizin an die jeweiligen Erfordernisse der einzelnen medizinischen Subdisziplinen angepasst werden und optimal zum Einsatz kommen.
ö Abbau von bürokratischen Hürden, die die Schmerzmedizin behindern: Primär ist hier der Umstand zu nennen, dass der Weg von chronischen Schmerzpatienten zu retardierten Opioiden durch das Suchtgiftrezept unnötig erschwert wird. Dies bedeutet neben bürokratischem Aufwand auch eine problematische Stigmatisierung betroffener Patienten. Denn Suchtgefahr besteht nicht, und giftig sind diese Arzneimittel in berufener Hand auch nicht. Die ÖSG appelliert deshalb an den Gesetzgeber, sich für eine Erleichterung der Rezepturbestimmungen für Schmerzpatienten einzusetzen. HN

>> Die moderne
Schmerzmedizin kämpft noch immer mit längst überfälligen Klischees.<<

Dr. Reiner BrettenthalerProf. Dr. Hans-Georg Kress
Leiter der Abteilung für Allgemeine Anästhesie und Intensivmedizin B im Wiener AKH .

Dass es noch immer keine Selbstverständlichkeit ist, die Fortschritte der modernen Schmerzmedizin möglichst vielen Schmerzpatienten zu Gute kommen zu lassen, hat viel mit falschen Vorurteilen und überkommenen Klischees zu tun.
Einige Beispiele:
Klischee Nr. 1: "Ein Indianer kennt keinen Schmerz", "Schmerzen muss man eben aushalten, daran ist noch keiner gestorben"
Falsch. Die Konsequenz dieser Einstellung ist ein eventuell lebenslanger chronischer Schmerz, denn unbehandelter Schmerz birgt das Risiko der Sensibilisierung und Chronifizierung.
Klischee Nr. 2: "Opioid-Schmerzmittel machen süchtig"
Falsch. Es ist heute unbestritten, dass Opioid-Schmerzmittel nicht nur gegen Krebsschmerz, sondern auch gegen eine Vielzahl anderer Schmerzformen höchst wirksam sind. Diese starken Schmerzmedikamente sind also keinesfalls nur für unheilbar Kranke. Sucht im Sinne einer psychischen Abhängigkeit tritt im Rahmen einer qualifizierten Opioid-Schmerztherapie mittels einzunehmender Retard-Medikamente, Schmerzpflaster oder Schmerzmittelpumpen vernachlässigbar selten auf.
Klischee Nr. 3: "Schmerzmittel sind Gifte und müssen möglichst kurz eingenommen werden"
Falsch. Chronischer Schmerz braucht chronische Schmerztherapie, ebenso wie zum Beispiel Bluthochdruck einer kontinuierlichen Behandlung bedarf. Natürlich unter ärztlicher Kontrolle und im Rahmen eines qualifizierten Schmerzmanagements. HN

>> Viele Schmerz-Patienten werden nicht ausreichend informiert und behandelt.<<

Mag. Renate SkledarMag. Renate Skledar
Patienten- und Pflege-Ombudsfrau des Landes Steiermark

Die EU hat immer vorgegeben, wenig Einfluss auf die Gesundheitspolitik der einzelnen Staaten zu haben. In Wirklichkeit ist das nicht so: Es sind zwar die Gesundheitsleistungen vom Vertrag ausgeschlossen, aber alle Dinge, die dazu beitragen - wie die Gesundheitsberufe, Medikamente, Gebäude, Technologien etc. - sind sehr wohl von EU-Gesetzen erfasst.
Die Mitgliedsstaaten müssen verstehen, dass wir einen Mechanis-mus brauchen, um die Gesundheitspolitik zu steuern - und zwar nicht als Wirtschaftsagenden. Die laufende Diskussion über die Niederlassungsfreiheit von Gesundheitsberufen ist sehr undurchdacht. Man versucht alle Gesundheitsberufe aus allen Ländern unter einem Hut zu vereinen. Das funktioniert nicht.
Der Gesundheitsbereich und seine Beschäftigten waren sehr lange geschützt. Das verstehen die Anhänger des freien Marktes nicht. Wir brauchen aber Wege, um die Patienten zu schützen. Gewisse nationale Regulationen wurden aus gutem Grund eingeführt. Wir hatten beispielsweise in Großbritannien eine hohe Mortalitätsrate bei Herzoperationen. Da hat man erfolgreich Maßnahmen gesetzt, um diese einzudämmen. Die sollte man nicht einfach aufgeben.

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