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Allgemeinmedizin 6. September 2006

Nebenwirkung: Verkehrsunfälle

Vor allem sedierende und stimulierende Substanzen können die Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit im Straßenverkehr drastisch einschränken – und damit potenzielle Mitauslöser von Unfällen sein. Ärzte sollten ihre Patienten gewissenhaft über die Risiken aufklären.

„Es gibt zahlreiche Wirkstoffe, die das Fahrverhalten beeinflussen können. Laut einer Klassifizierung der in Belgien registrierten Arzneimittel haben nur 16 Prozent gar keine Auswirkung“, sagt Prof. Dr. Klaus Turnheim von der Universität Wien. Beeinträchtigungen der Fahrtüchtigkeit könnten vor allem durch psychotrope Substanzen entstehen, insbesondere durch sedierende, aber auch durch stimulierende, so der Pharmakologe. Laut einer in Spanien durchgeführten Studie stünden geschätzte zehn Prozent aller Personen, die bei Verkehrsunfällen verletzt werden, unter dem Einfluss von Psychopharmaka. Für Österreich gebe es bislang keine entsprechenden Erhebungen, es sei jedoch von einem ähnlich hohen Anteil auszugehen. „Im Bewusstsein der Gefahren von Psychopharmaka im Straßenverkehr muss aber auch klar sein, dass ein gut behandelter Patient mit Depression oder Schizophrenie im Verkehr weniger gefährlich ist als ein unbehandelter Psychose­patient“, betont Turnheim.

Nicht fahrtauglich

„Psychotische Patienten oder solche mit schizophrenen Schüben sind generell nicht fahrtauglich. Nach einer Behandlung und Dosisfindung kann bei Dauermedikation mit einer Erhaltungsdosis eines geeigneten Psychopharmakons die Fahrsicherheit wieder gegeben sein“, schrieben dazu Prof. Dr. Burkhard Madea und PD Dr. Frank Mußhoff vom Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Bonn in einem Beitrag zum Thema „Fahrunsicherheit durch Drogen und Medikamente“ unlängst in der Zeitschrift für Rechtsmedizin.1)
An Arzneimittelgruppen, die eine „starke Auswirkung“ auf die Fahrtüchtigkeit haben können, führen die beiden deutschen Experten neben Psychopharmaka vor allem Sedativa, Hypnotika und Analgetika, die Opioide enthalten, sowie Antihypertensiva, Narkotika und Ophthalmika an. Nicht-opioide Schmerzmittel können immerhin noch eine „deutliche Auswirkung“ auf die Fahrtüchtigkeit haben, ebenso wie Antidiabetika, Antiepileptika und Stimulanzien. Deutsche Experten schätzen, dass Arzneimittel bei jedem vierten Unfall im Straßenverkehr eine Rolle spielen. Information über mögliche Verkehrsrisiken durch eine medikamentöse Therapie ist deshalb besonders wichtig. „Wir klären an unserer Klinik die Patienten von Beginn an darüber auf, inwieweit eine Behandlung ihre Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen kann“, bestätigt etwa Prof. Dr. Peter Hofmann, Stellvertretender Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie in Graz.

Den Patienten informieren und Dosis vorsichtig erhöhen

„Das wird auch im Arztbrief festgehalten. In der heutigen, mobilen Gesellschaft ist es einfach notwendig, dies zu berücksichtigen“, so Psychiater Hofmann weiter. Er rät speziell bei Neueinstellungen auf ein Medikament, aber auch bei höheren Dosierungen zu erhöhter Vorsicht. „Dafür sollte nach Möglichkeit ein Zeitraum gewählt werden, zu dem es nicht notwendig ist, selbst ein Fahrzeug zu steuern, zum Beispiel das Wochenende.“ Dass Mediziner ihre Patienten auf die möglicherweise beeinträchtigte Verkehrstüchtigkeit hinweisen sollen, bestätigt auch Dr. Erich Kundegraber, Mitglied des Unabhängigen Verwaltungssenats des Landes Steiermark. Wenn diese Aufklärung nicht erfolge, hätten Ärzte jedoch in aller Regel keine rechtlichen Konsequenzen zu befürchten, ergänzt der Jurist. „Die Grundverantwortung trägt der jeweilige Autofahrer selbst, und mir sind in Österreich keine Fälle bekannt, bei denen entsprechenden Schadenersatzforderungen von Patienten an Ärzte stattgegeben worden wäre.“ Theoretisch wäre in Österreich im Rahmen des Zivilrechts zwar eine andere Judikatur möglich. „Allerdings nur für Behandlungsformen, bei denen nicht davon ausgegangen werden kann, dass allgemein bekannt sein sollte, dass diese Therapien die Verkehrstüchtigkeit beeinträchtigen können“, so Kundegraber.

Auswirkungen abhängig von Alter, Geschlecht und Gewicht

„Es liegt auch am Patienten selbst, zu beobachten, ob und in welchem Ausmaß bestimmte Sub­stanzen seine Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen. Denn die Auswirkungen einzelner Arzneimittel können individuell sehr unterschiedlich sein. Faktoren, die dabei eine Rolle spielen, sind unter anderem Alter, Geschlecht, Gewicht und Körperbau“, sagt auch Mag. Dr. Wolfgang Jasek. Der Leiter der Pharmazeutischen Abteilung der Österreichischen Apothekerkammer empfiehlt deshalb, Patienten auf die Warnsymbole für mögliche Beeinträchtigungen der „Reaktionsfähigkeit und Verkehrstüchtigkeit“ hinzuweisen – einem „Dreieck mit Rufzeichen“ – und darauf, welche Angaben zu diesem Thema sich in der Gebrauchsinformation finden.

Auf Warnsymbole hinweisen

Obwohl bei der Einnahme von Medikamenten, welche die Fähigkeit, am Straßenverkehr teilzunehmen, verringern können, auch die Selbstverantwortung der Patienten gefordert sei, sollten Mediziner und Pharmazeuten selbstverständlich ebenfalls ihren Informationspflichten nachkommen, so Jasek zusammenfassend: „Insgesamt ist es wichtig, dass alle Beteiligten mögliche Verkehrsrisiken durch medikamentöse Therapien ausreichend beachten – Ärzte, Apotheker und Patienten.“

1) F. Mußhoff, B. Madea: Fahrunsicherheit durch Drogen und Medikamente, Teil II: Rechtliche Grundlagen und Informationen zu Medikamenten. Rechtsmedizin 3/2006

Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche 36/2006

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