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Allgemeinmedizin 6. September 2006

Blutdruckmessen allein ist zu wenig

Auf politischer Ebene ist die Zuständigkeit für den Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung verwaist. Dadurch stehen nachweislich erfolgreiche Projekte der Arbeits- und Sozialmedizin oft mit dem Rücken zur Wand.

Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz haben starke Auswirkungen auf die Gesundheit. Auch in der Berufswelt fallen zentrale Lebensstilfaktoren, wie zu wenig und einseitige Bewegung, ungesunde Ernährung, Dauerstress oder Nikotin- und Alkoholkonsum, ins Gewicht. Dazu kommen Lärmbelastung, Einwirkungen von Chemikalien oder starke physische und psychische Anforderungen. „Außerdem sollen aufgrund der demographischen Entwicklung Menschen bis ins
hohe Alter arbeiten und anhaltend die gewünschte Leistung bringen“, ergänzt Dr. Reinhard Jäger, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin.

Klarer Nutzen für Betriebe

„Unternehmen können durch Programme der betrieblichen Gesundheitsförderung viel dazu beitragen, dass Krankheiten erst gar nicht entstehen bzw. rechtzeitig erkannt werden“, verweist Elfriede Kiesewetter auf zahlreiche, bereits vorhandene Beispiele aus allen Branchen. Die Koordinatorin des Österreichischen Netzwerkes Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) betont, dass „Unternehmen, die hier investieren, auch einen starken und nachweisbaren ökonomischen Benefit haben. Krankenstandstage bzw. die Zahl frühzeitiger Pensionierungen sinken, MitarbeiterInnen sind motivierter und identifizieren sich stärker mit dem Betrieb bzw. mit ihrer Arbeit.“ Außerdem könnten mit dem Beruf assoziierte Gesundheitsprobleme in einem sehr frühen Stadium erkannt und entsprechende Maßnahmen gesetzt werden. Eine Aufgabe des BGF besteht darin, Programme zu dokumentieren und zu vernetzen bzw. deren Entstehung zu fördern. „Es reicht nicht, wenn sich betriebliche Gesundheitsförderung beispielsweise nur auf ein kurzzeitiges Programm für Blutdruckmessung oder allgemeine Empfehlungen für gesundes Verhalten beschränkt“, meint Jäger. Wichtig wäre vielmehr, dass alle Mitarbeiter von Anfang an die Maßnahmen mitgestalten und mittragen können. Ein wertvolles „Werkzeug“ ist die Implementierung von Gesundheitszirkeln. Deren Vorschläge müssen allerdings entsprechend ernst genommen und auch in die Praxis umgesetzt werden. „Letztlich geht es weniger um zeitlich begrenzte Einzelmaßnahmen als um eine Haltung, die sich in allen Bereichen des Unternehmens widerspiegelt“, unterstreicht Jäger. Auch Kiesewetter propagiert den integrativen Ansatz, „wonach alle Entscheidungen unter dem Aspekt der Gesundheitsförderung beleuchtet sowie konkrete und institutionalisierte Maßnahmen zur Prävention von Krankheiten umgesetzt werden“. Mittel zum Zweck sei eine Analyse aller Prozesse und Abläufe mit möglichen Problembereichen. Es gehe aber auch um Betriebssicherheit sowohl im Hinblick auf Vermeidung von Unfällen als auch von Berufskrankheiten. „Es reicht nicht aus“, so Kiesewetter, „Mitarbeiter aufzufordern, genügend Bewegung in der Freizeit zu machen oder auf gesunde Ernährung und Stressbewältigung zu achten.“ Für diese Bereiche könne auch am Arbeitsplatz Zeit und Raum sein. Dies beginne mit der Gestaltung des Arbeitsplatzes und gehe über Zeiten für Bewegungspausen bis hin zum bewussten Design der Menüs in der Betriebskantine. Das BGF vergibt ein Gütesiegel für Betriebe, die sich besonders für betriebliche Gesundheitsförderung engagieren; dieses kann dann auch in der Öffentlichkeitsarbeit eingesetzt werden.

Politischer Nihilismus

„Leider hat betriebliche Gesundheitsförderung in der heimischen Gesundheitspolitik nicht den entsprechenden Stellenwert“, bedauert Prof. Dr. Horst Noack vom Institut für Sozialmedizin der Universität Graz. Auch in den aktuellen Dokumenten der Gesundheitsreform werde dieser Bereich vernach­lässigt, vor allem die konkrete Umsetzung von Maßnahmen. „Viel stärker investiert werden müsste zunächst in die Forschung und Entwicklung von Programmen“, regt Noack an. Dabei könne durchaus auf erprobte Pilot- und Modellprojekte, z.B. aus den skandinavischen Ländern, zurückgegriffen werden. Auch in Österreich gebe es zwei erfolgreiche Beispiele dafür. Weiters wären finanzielle, personelle und strukturelle Ressourcen für die langfristige Unterstützung weiterer Pilotprojekte erforderlich. „Momentan ist aber nicht einmal klar, wer auf politischer Ebene für den Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung zuständig ist“, bedauert Noack. Ein besonders wichtiges Feld wären Maßnahmen für ältere Arbeitnehmer. „Weitere gesetzliche Auflagen werden jedenfalls nicht dazu führen, dass mehr im Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung geschieht“, meint Jäger. Nach wie vor verweisen viele Unternehmen darauf, sie hätten nicht die nötige Zeit oder Mittel, sich auch noch um diesen Bereich zu kümmern.

Motivationsarbeit forcieren

Jäger und Kiesewetter plädieren für eine systematische Überzeugungs- und Motivationsarbeit. „Dabei kann sehr gut mit Erfahrungswerten von Pilotprojekten argumentiert werden, die deutlich Benefits aufzeigen“, meint Kiesewetter. Diese Überzeugungsarbeit könnte jedenfalls flächendeckender und institutionalisierter laufen, wenn es die entsprechende politische Rückendeckung gäbe. „Eine zentrale Rolle bei der Implementierung und Umsetzung betrieblicher Gesundheitsförderung spielen sicher die Arbeitsmediziner“, betont Jäger. Sie sind vor Ort und kennen die Gegebenheiten des Unternehmens bzw. haben direkte Kontakte zur Unternehmensleitung. Noack gibt dabei zu bedenken, dass diese auch nicht über-fordert werden dürften, „denn die Vorsorge ist ja nur ein Bereich ihres Aufgabenfeldes“.

Sinnvolle Kooperationen

Von politischer Seite erwartet Jäger vor allem Unterstützung bei der Vernetzung von Betrieben mit weniger als 50 Mitarbeitern, die keinen eigenen Arbeitsmediziner haben. „Diese könnten gemeinsam Informations- und Fortbildungsveranstaltungen beziehungsweise Programme zur betrieblichen Gesundheitsförderung umsetzen“, sagt Kiesewetter. Solche Kooperationen, bei denen vor allem Arbeitsmediziner von Bedeutung sind, stünden allerdings erst ganz am Anfang.

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