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Allgemeinmedizin 5. September 2006

"Arzt ohne Hindernisse" für behinderte Menschen

Menschen mit Behinderung fordern einen freien Zugang zu Arztpraxen. Daran entzündet sich natürlich auch die Frage, wer ihn finanzieren soll. Fördermittel stehen zur Verfügung, die Krankenkassen sehen den Finanzierungsauftrag bei den Ärzten.

Sibylle Maier hat Multiple Sklerose und sitzt im Rollstuhl. Ihre Hausärztin kann sie ohne öffentliche Verkehrsmittel erreichen. Der Türöffner der Ordination befindet sich 80 Zentimeter über dem Boden und damit in ihrer Augenhöhe. Die Schrift ist so groß, dass sie auch Sehbehinderte noch lesen können. Der Hausflur ist gut beleuchtet. Zur Praxis führt eine Rampe mit einer Steigung von sechs Prozent. Die Theke der Rezeption ist so niedrig, dass sie mit der Sprechstundenhilfe Auge in Auge kommunizieren kann. Das Behandlungsbett ist absenkbar, die Toilette groß genug, um sich mit dem Rollstuhl darin zu bewegen.
Leider stehen Sibylle Maier nicht viele solcher Ordinationen zu Auswahl. "Für behinderte Menschen existiert keine freie Arztwahl", kritisiert Annemarie Srb-Rössler vom Behindertenberatungszentrum BIZEPS, das vor kurzem die Wiener Arztpraxen einem Barrieretest un-terzog: Keine einzige war völlig behindertengerecht. Auch die Spitäler nicht. Es konnte beispielsweise kein Krankenhaus mit einem Blindenleitsystem gefunden werden.
Wie es in den übrigen Bundesländern aussieht, wird gerade analysiert. Die Daten liefert eine gemeinsam von Ärztekammer und Hauptverband durchgeführte Ärztebefragung. Erste Auswertungen weisen darauf hin, dass es nur in Vorarlberg und im Burgenland behindertenfreundlicher zugeht. Im letztgenannten Land wurde im Rahmenvertrag verankert, neue Kassenverträge nur an Ärzte mit behindertengerechter Ordination zu vergeben.
"Wir waren hier mit der Ärztekammer einer Meinung", sagt Otto Maron, Direktor der Burgenländischen Gebietskrankenkasse (GKK). Gezahlt habe die Kasse nichts dafür, denn es sei eine "Verpflichtung der Vertragsärzte, ihren Kunden einen barrierefreien Zugang zu ermöglichen", meint der GKK-Vertreter. Dies gelte natürlich auch für andere Anbieter, wie Apotheken oder Bandagisten.

Problem für bestehende Praxen

Dass ein Ordinationsumbau am Land leichter ist als im dicht besiedelten Stadtgebiet, liegt auf der Hand. "Es ist sicherlich ausgeschlossen, alle Wiener Praxen in zehn Jahren umzubauen", sagt Dr. Norbert Jachimowicz, Stv. Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte in der Ärztekammer für Wien. Bei Neubauten sei der barrierefreie Zugang ohnedies "selbstverständlich". Das Problem stelle die Adaptierung von Ordinationen in älteren Gemeindebauten oder Gründerzeithäusern dar. "Es kann nicht sein, dass die Kosten allein vom Arzt zu tragen sind", meint dazu der Wiener Kassenarzt Dr. Wilhelm Hans Appel.
Der Bund hat für Betriebe, die einen barrierefreien Zugang schaffen wollen, einen Fördertopf mit jährlich drei Millionen Euro eingerichtet. Dieses Jahr habe es erst sehr wenige Anträge gegeben, sagt Dr. Alfred Haller vom Sozialministerium. Gefördert werden Investitionen bis zu 100.000 Euro, sofern die Hälfte der Kosten der Arzt übernimmt. Der Förderungsantrag ist formlos an die jeweilige Landesstelle des Bundessozialamtes zu stellen.
Falls ein Komplettumbau nicht durchführbar sein sollte, würden schon einige kleine Maßnahmen reichen, um das Leben von Menschen mit Handikap zu erleichtern, meint Annemarie Srb-Rössler. Dazu gehören ordentliche Lichtverhältnisse, die Markierung von Stolperfallen im Stiegenhaus oder an der Türschwelle sowie die rasche Beantwortung von Faxsendungen an gehörlose Menschen. Srb-Rössler: "Wir brauchen aber nicht nur rollstuhlgerechte Praxen, sondern auch mehr Ärzte mit Verständnis." Verständnis dafür, dass Menschen mit Behinderung manchmal etwas mehr Zeit und Geduld brauchen.

Mag. Andrea Fried

>> Menschen mit Behinderung sollen keine Sonderbehandlung bekommen, sondern müssen am allgemeinen Sozial- und Gesundheitssystem teilnehmen können.<<

Dr. Johannes GregoritschDr. Johannes Gregoritsch
Stv. Leiter der Vertragspartnerabteilung im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger

Für Menschen mit Behinderung soll der Zugang zu Gesundheitsleistungen offen sein. Auch sie müssen das Recht der "freien Arztwahl" haben. Da gibt es eindeutige Vorgaben aus dem internationalen und nationalen Recht: Abgeleitet von der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sehen auch die verbindlichen Menschenrechtspakte der Vereinten Nationen und der Artikel 7 Bundesverfassungsgesetz die Gleichstellung der Menschen mit Behinderungen vor. Es geht um die Teilhabe. Menschen mit Behinderung sollen keine Sonderbehandlung bekommen, sondern müssen am allgemeinen Sozial- und Gesundheitssystem teilnehmen können.
Es ist uns schon bewusst, dass es ein sehr hoher Aufwand ist, einen hundertprozentig barrierefreien Zugang zu schaffen. Da muss es auch gezielte Objektförderungen geben. Schon jetzt verfügbare Fördermittel werden aber nicht in Anspruch genommen. Wir verlangen von den Ärzten auch nicht, dass sie ihre Ordinationen von heute auf morgen umbauen. Aber bei neuen Praxen muss der barrierefreie Zugang umgesetzt werden. Man kann natürlich darüber diskutieren, ob die Allgemeinheit einen Teil der Kosten übernehmen soll.
Dringend nötig wäre ein Behindertengleichstellungsgesetz, in dem definiert wird, was den betroffenen Ärzten - aber auch anderen, die Barrierefreiheit herstellen müssen - zumutbar ist. Hier gibt es Beispiele aus anderen Ländern, dass etwa bei Neubauten 10 Prozent zusätzliche Baukosten für Barrierefreiheit in Kauf genommen werden müssen.

>> Problematisch ist vor allem in Wien die Umgestaltung von bestehenden Ordinationen.<<

MDr. Norbert JachimowiczMDr. Norbert Jachimowicz,
Allgemeinmediziner und Stv. Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte in der Ärztekammer für Wien

Wir Ärzte haben auch bisher behinderte Menschen behandelt - auch wenn es keine barrierefreien Ordinationen gab. Das geht bei Hausbesuchen oder wenn Betreuungspersonen die Patienten begleiten. Natürlich verstehen wir den Wunsch behinderter Menschen, selbständig wie jeder andere auch einen Arzt aufsuchen zu können. Wo neu gebaut wird, sehen wir auch überhaupt kein Problem darin. Da schreibt die Bauordnung ohnedies bereits einen barrierefreien Zugang zum Haus vor. Problematisch ist jedoch vor allem in Wien die Umgestaltung von bestehenden Ordinationen.
Es ist sicher ausgeschlossen, alle Wiener Praxen in zehn Jahren umzubauen. Wir streben jedoch an, die Anzahl der behindertengerechten Ordinationen zu erhöhen. Die Kammer wird verstärkt darauf hinweisen und auch gezielter über Fördermittel informieren. Wir könnten uns auch eine Art Gütesiegel vorstellen, das wir gemeinsam mit den Behinderteninitiativen entwickeln. Sollte es jedoch der Wunsch der Gesellschaft bzw. der Regierung sein, alle Praxen innerhalb einer bestimmten Frist umzubauen, dann ist das eine Geldfrage. Dem Gesetzgeber muss dann nur klar sein, dass das etwas kostet. Ich sehe im Gesundheitswesen jedoch derzeit keine stillen Reserven herumliegen.

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