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Allgemeinmedizin 5. September 2006

Den Wettbewerb zwischen Ärzten anheizen

Das Gesundheitswesen ist eng mit der Wirtschaft verbunden. Um Arbeitsplätze zu schaffen, wurden bei der deutschen Reform die Unternehmen entlastet. Dafür müssen nun die Patienten tiefer in die Tasche greifen.

Der Leidensdruck in Deutschland war groß. Der durchschnittliche Krankenkassenbeitrag lag zuletzt bei durchschnittlich 14,3 Prozent. Weitere Erhöhungen standen ins Haus. Da gab Bundeskanzler Gerhard Schröder die Losung aus: Entlastung der Lohnnebenkosten, also Verringerung jener Abgaben, die Unternehmen für ihre Mitarbeiter an die öffentliche Hand abliefern müssen. Schröders Ziel ist, dadurch den Arbeitsmarkt anzukurbeln und mehr Arbeitsplätze zu schaffen.

Österreich ist einfach anders

Dass dies für die Patienten und die Leistungsanbieter - wie Ärzte und Spitäler - schmerzhaft sein würde, war von Anfang an klar, sagte Franz Knieps bei einer Podiumsdiskussion auf Einladung der Agentur Welldone und des Pharma-unternehmens Pfizer in Wien. Knieps gilt als einer der Väter der deutschen Gesundheitsreform und wichtigster Experte im Kabinett der deutschen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt.
Die Frage, ob die deutsche Reform ein Vorbild für Österreich sein könnte, blieb jedoch bei der Ver-
anstaltung unbeantwortet. Die Systeme und Voraussetzungen präsentierten sich als zu unterschiedlich und die Maßnahmen daher als schwer vergleichbar.
Tatsächlich ist die wirtschaftliche Situation in Deutschland um ein Vielfaches angespannter als in Österreich. Die Arbeitslosigkeit ist mit 8 Prozent beinahe doppelt so hoch (Ö: 4,4 Prozent). Das Budgetdefizit unserer Nachbarn droht zu explodieren, und zum dritten Mal in Folge wird Deutschland die Maastricht-Kriterien verfehlen, gestand der deutsche Finanzminister Hans Eichel vor wenigen Tagen. Daneben steht Österreich mit seinem Budgetdefizit von geschätzten ein Prozent des BIP (Bruttoinlandsproduktes) geradezu wie ein Musterschüler da.

Beim "Outcome" die Nase vorn

Auch die OECD-Zahlen über Gesundheitsausgaben sprechen für uns: Mit derzeit 7,4 Prozent des BIP ist das System weit günstiger als in Deutschland (10,4 Prozent). Beim "Outcome" (laut WHO-Bericht) und der Zufriedenheit der Bevölkerung haben wir aber trotzdem die Nase viel weiter vorne.
Nur vor diesem Hintergrund ist es zu verstehen, dass die deutsche Gesundheitsreform zwar mit etwas Gemaule, aber sonst recht klaglos mit Unterstützung der Opposition über die Bühne ging. Greifen die Maßnahmen, dann hofft man nun die Beiträge - vor allem für die Unternehmen - senken zu können. Dafür wurden die Patienten kräftig zur Kasse gebeten (siehe Kasten).
Grundsätzlich müssen sie künftig bei allen Leistungen einen Selbstbehalt von 10 Prozent zahlen, höchstens jedoch 10 und mindestens 5 Euro. Beim Arztbesuch werden pro Quartal 10 Euro in der Praxis eingehoben, Überweisungen und Vorsorgeleistungen sind ausgenommen. Eine maximale Obergrenze von zwei Prozent des Einkommens soll soziale Härtefälle verhindern. Chronisch Kranke und Familien wurden besonders berücksichtigt.

In Österreich schon umgesetzt

Viele der weiteren Sparmaßnahmen kennen wir in Österreich aber bereits: Das Sterbegeld, das nun in Deutschland gestrichen wurde, gibt es bei uns schon lange nicht mehr. Sterilisationen als Methode zur Familienplanung zahlen bei uns die Kassen genauso wenig wie OTC-Produkte. Und auch beim Zahnersatz war die österreichische Sozialversicherung noch nie großzügig.
Es sind in Deutschland aber auch strukturelle Verbesserungen geplant, betonte Knieps. Selbsthilfegruppen und Patientenrechte sollen gestärkt werden, ebenso wie die Qualitätssicherung in der Medizin. Mit mehr Information über Leistungen und Kosten will man die Transparenz erhöhen, ein Bonussystem soll das Gesundheitsverhalten der Versicherten fördern.

Maßnahmen im Ärztebereich

Auch für die Ärzte bringt die deutsche Reform - neben Nullrunden bei den Honoraren - einige Veränderungen. So soll z.B. die ärztliche Fortbildung künftig ohne Unterstützung der Pharmaindustrie stattfinden. Wie das gehen wird, ist auch den Schöpfern der Reform noch nicht so recht klar. "Ich bin gespannt, was dabei herausschaut", gab Knieps unumwunden zu.
Weiters will die Regierung auch den Wettbewerb zwischen den Ärzten anheizen. Den Kassen soll dazu künftig ein "Selektives Kontrahieren", also der Vertragsabschluss mit einzelnen Ärzten, erlaubt sein. Dabei gehe es nicht primär um die Kosten, sondern um die Qualität, betonte Knieps. Denn sobald es Wettbewerb gebe, gewinne die Qualitätssicherung an Bedeutung.
Obwohl wir in Österreich wieder einmal auf der "Insel der Seligen" zu wohnen scheinen, warnen die Ökonomen davor, uns in wohliger Zufriedenheit zu rekeln. Denn eine Kostenlawine im Gesundheitsbereich stehe allen Ländern bevor. Der Rat der Volkswirte: Besser jetzt die Effizienz des Systems steigern als zu warten, bis die Rationierung unvermeidbar ist.

Mag. Andrea Fried

Webtipp: www.die-gesundheitsreform.de

Die Standpunkte zum Thema

Franz KniepsFranz Knieps,
Abteilungsleiter im deutschen BM für Gesundheit und Soziale Sicherung

>> Es war höchste Zeit, etwas zu tun. Der Arzt ist in Deutschland zum Sozialarbeiter geworden. Es gab viel zu viele unnötige Arztbesuche. Manche Menschen frequentierten sie wie den Supermarkt. Gar nicht wenige suchten 13 Ärzte im Quartal auf, die Spitzenfrequenz lag sogar bei 40. Die Ärzte sollen auch gezwungen werden, ihre Verflech-tungen mit Herstellerinteressen stärker offen zu legen.<<

MR Prim. Dr. Walter DornerMR Prim. Dr. Walter Dorner,
Präsident der Ärztekammer für Wien

>> Viele Grauslichkeiten der deutschen Reform brauchen wir nicht, die haben wir schon. Es sind nicht nur die bösen Ärzte und die Krankenkassen schuld an den Problemen. Die Ansätze liegen im politischen Alltag. Das Wichtigste ist, dass das System ausreichend dotiert ist. Das Budget ist gut, wenn es von vornherein genügend Spielraum hat.<< 

Dr. Gerald BachingerDr. Gerald Bachinger,
Patientenanwalt  für Niederösterreich

>> Eine Gesundheitsreform muss auch eine Qualitätsoffensive sein, sonst verstehen es die Menschen nicht. Was die Patientenanwaltschaft angeht, kann Deutschland von uns lernen. Was jedoch bei uns fehlt, ist eine ordentliche Qualitätsberichterstattung. Hier haben die Niederlande und Großbritannien bereist sehr gute Vorarbeit geleistet.<<

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